Christov-Bakargiev überfordert auf Englisch und im Eiltempo

Kassel. Am Ende der gut eineinhalbstündigen Pressekonferenz, als sich schon Unruhe in der keineswegs vollen Stadthalle einstellte, richtete eine Journalistin die Frage an Carolyn Christov-Bakargiev, ob denn die documenta 13 zu sehr mit ihr selbst als künstlerischer Leiterin zu tun habe.

„Bullshit“, Mist, reagierte eine Zwischenruferin von der Tribüne, ehe die 54-jährige Kuratorin, die zuletzt mit allerlei abenteuerlichen Interviews Schlagzeilen gemacht hatte, gelassen antwortete.

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Ihre Rolle sei gewesen, abzulenken von der Arbeit der Künstler, die im Übrigen absolut beeindruckend sei. „Ich bin in Erscheinung getreten, damit die Künstler in Ruhe arbeiten können.“ Vorher hatte Christov-Bakargiev hervorgehoben, dass sie keinesfalls die Meinung aller Künstler repräsentiere: „Jeder hat seine eigene Position.“

Dann empfahl sie, die Ausstellung („sie ist bewusst unbequem“) selbst zu besuchen, und zwar möglichst, ohne zuvor zu viel im Katalog zu lesen. Die Kunst erkläre sich selbst, und im Übrigen sei Verwirrung ein sehr gesunder Zustand und „etwas Wunderbares“.

Nun ja, insofern war Christov-Bakargievs halbstündiger, englischsprachiger (über Kopfhörer auf Deutsch verlesener) Vortrag wunderbar, nämlich sprunghaft, komplex, chaotisch. CCB sprach, als wolle sie sich selbst überholen, und blätterte oft weiter, weil die Zeit knapp wurde, was ihr Beifall im Auditorium einbrachte.

Christov-Bakargiev im Regiowiki

Vier Positionen, vier Zustände, kämen bei der documenta ins Spiel, führte Christov-Bakargiev aus. Sie nennt sie „auf der Bühne“ (ich spiele eine Rolle), „unter Belagerung“ (ich bin umlagert/belagert), Hoffnung/Optimismus (ich träume), „auf dem Rückzug“ (ich bin zurückgezogen, ich schlafe). Das ist also gewissermaßen die Blaupause, mit der die documenta-Kunst betrachtet werden will.

Ansonsten tippte CCB viele Themen an, die Vorgehensweise bei ihrer Künstler-Zusammenstellung, Raum und Zeit und Gemeinschaft an einem Ort, skeptische Allianzen und Formen des Vertrauens, die Schnelligkeit und kurzen Aufmerksamkeitsspannen unserer digitalen Welt, Finanzmarktkrise, Choreografien, Quantenphysik-Experimente und die Frage, wie Lichtteilchen (Photonen) zusammen denken und tanzen.

Kassel beschrieb CCB als Stadt, in der sie sich in viele verschiedene Schichten der Geschichte gegraben habe, als Stadt, in der es viel zu entdecken gebe, die viel zu bieten habe. Ausführlich zeichnete sie das gescheiterte Projekt des Künstlerduos Faivovich & Goldberg nach, den 37 Tonnen schweren Meteoriten El Chaco aus Argentinien nach Kassel zu verschiffen, was ihr Gelegenheit gab, den Respekt vor den indigenen Bewohnern zu äußern, die gegen den Meteoritentransport protestiert hatten.

Die Menschen generell müssten demütiger sein, sagte Christov-Bakargiev, „das Partielle der menschlichen Handlungsmacht“ erkennen. Also betrachtete sie den Konflikt vom Standpunkt des Meteoriten aus. Ob er sich gewünscht hätte, spekulierte sie, in einer Ausstellung vor dem Fridericianum zu liegen? „Hat er Rechte, und wenn ja, wie können diese ausgeübt werden?“

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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