Veranstaltungschef besucht Kassel

d14-Leiter Szymczyk im Interview: „Ich will verstehen, wie die Stadt funktioniert"

„Kassel im Winter. Eine harte Landung.“: Adam Szymczyk. Foto: Fischer

Kassel. Adam Szymczyk, neuer künstlerischer Leiter der documenta, ist zurzeit in Kassel - und spricht im Interview über seine Erfolgskriterien und die Last der Erwartungen.

Als Adam Szymczyk Anfang November nach seiner Berufung nach Basel zurückkehrte, kam er mitten in eine Kindergeburtstagfeier. Sein Sohn wurde vier Jahre alt, seine Partnerin, eine Fotografin, hatte ihr Studio in einen bunten Zirkus verwandelt. „Und ich war wie einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagt Szymczyk - er kam aus einer ganz anderen Welt.

Nun ist der 43-jährige Pole zurück in der documenta-Stadt. Am Samstag, 16 Uhr, besucht er den Neujahrsempfang im Rathaus. Er absolvierte eine Stadtrundfahrt („ich muss viel über die Geschichte und die Gebäude erfahren und die Dinge einfach selbst sehen“), und er traf uns zum Gespräch, geführt auf Deutsch. Nur ab und zu wechselte Szymczyk lieber ins Englische.

Was ist zurzeit das Wichtigste für Sie? 

Adam Szymczyk: Ein Team zu bilden. Ich muss mir erste Gedanken über dessen Struktur machen. Es gibt im Moment noch niemanden, der nur für die documenta 14 arbeitet. Die erste Aufgabe ist, gute Leute zu finden, die mich dreieinhalb Jahre, vielleicht auch in verschiedenen Rollen, begleiten können. Wir führen schon ein paar Gespräche, sind aber noch ganz am Anfang. Zum Team sollen Menschen gehören, die Erfahrungen mit der documenta, mit dem Fridericianum und Kunst in Kassel haben, und andere von außen können diese Erfahrungen bereichern. Am Anfang will man alles sofort. Ich muss Informationen wie ein Schwamm aufsaugen. Ich will verstehen, wie die Stadt funktioniert, welche interessanten Institutionen es gibt. Aber alles auf einmal ist unmöglich. Es muss Schritt für Schritt gehen. Deshalb: Das Wichtigste ist das Team.

Werden Sie weitere Kuratoren in Ihr Team einbinden? 

Szymczyk: Erstmal muss ich mit meiner Rolle als documenta-Kurator klarkommen. Aber ein Kurator kann eine documenta nicht allein machen. Es gibt aber auch Formen der Mitarbeit nicht nur von Kuratoren, sondern von Künstlern, Autoren, Denkern, die alle mit Kunst zu tun haben. Ich habe aber noch kein Schattenkabinett. Ich will auch keine Struktur von oben herab aufnötigen. Ich denke von der Aufgabe her: Wie kann ich meine Konzeption, die ich noch nicht vorstellen kann, mit anderen zusammen als ein Ganzes realisieren? Wie kann ich dafür eine Organisation schaffen, ein Team komponieren, persönliche, intellektuelle Verbindungen schaffen? Das muss sich langsam entwickeln.

Ihre Vorgänger haben die Kasseler eingebunden, Roger M. Buergel durch einen documenta-Beirat, Carolyn Christov-Bakargiev durch „Worldly Companions“, die alle einen Kassel-Bezug hatten. Streben Sie etwas Ähnliches an? 

Szymczyk: Das war beides interessant, aber ich finde es nötig, dazu eine eigene Haltung zu finden. Ich will lieber Kooperationen mit Institutionen entwickeln, die jetzt schon in Kassel gute und interessante Arbeit machen. Aber ich will da noch gar keine Versprechungen machen oder verbindliche Aussagen treffen. Ob das funktioniert oder nicht, müssen wir uns genau anschauen. Erstmal interessiert mich, was man in Kassel zwischen den documenta-Ausstellungen machen kann, welche Programme es hier gibt, welche Ambitionen, was die Erwartungen des Publikums sind. Basel ist auch während der Art Basel eine verrückte, fantastische Kunststadt mit tausenden Leuten, das ist außerhalb der Messe anders. Man muss auch diese Alltagsarbeit außerhalb der riesigen Events wertschätzen.

Das setzt voraus, dass Sie bald nach Kassel ziehen. 

Szymczyk: Diesen Gedanken finde ich nicht zeitgemäß. Ich bin kein globaler Jetsetter, aber ich mag es, zu reisen, und ich werde sowieso in Basel bis Herbst diesen Jahres weitermachen, das Programm für das zweite Halbjahr entwickeln und meine Nachfolge, die gerade von einer Findungskommission gesucht wird, einarbeiten. Mein Umzug nach Kassel wird also schrittweise erfolgen.

Sind Sie schon darauf eingestellt, dass Sie ab sofort im Fokus der Öffentlichkeit stehen, dass jede Ihrer Äußerungen für die Medien Gewicht hat? 

Szymczyk: Ich stehe auch in Basel im Licht der Öffentlichkeit. Und ich kenne diese Aufmerksamkeit von der Berlin Biennale, die ich auch parallel zu Basel gemacht habe. Der Unterschied ist: Da habe ich 100 Prozent Arbeit geleistet, hier müssen es 150 Prozent sein.

Könnte die documenta auch in - sagen wir - Frankfurt, Warschau oder Kairo stattfinden? 

Szymczyk: Es gab ja Versuche, die documenta symbolisch als kleine Außenposten, nicht mit einer realen Ausstellung, außer in Kabul, woanders auszurichten. Man sollte sicher weiter experimentieren, auch konkrete, nicht symbolische Verbindungen zu anderen Orten schaffen - als Verstärkung der Idee der documenta, als ihre Ausdehnung. Aber die documenta ist keine mobile Ausstellung, keine Wanderbiennale wie die Manifesta. Man kann sie auch nicht wie einen Betrieb verlagern, so wie man eine Firma in China zumacht, um nach Vietnam zu gehen, weil es dort günstiger ist. Natürlich ist Geografie relativ. Das Besondere ist aber gerade, welche große Metamorphose eine sehr kleine Stadt vollzieht. Man kann nicht plötzlich nach Berlin gehen, nur weil Kassel angeblich eine Provinzstadt ist. Überhaupt nicht. Dann wäre die documenta tot.

Wann ist die documenta 14 für Sie ein Erfolg? Welche Kriterien sind da für Sie wichtig? 

Szymczyk: Das ist ein ganz subjektives Kriterium: Ich muss mehr als glücklich sein mit der Ausstellung. Dann kann ich mich mit den Reaktionen auseinandersetzen. Natürlich möchte ich so viele Besucher wie möglich, es ist großartig, viel Publikum zu haben. Aber ich habe keine Erfolgskriterien, die auf Besucherzahlen, auf Kritiken oder auf der Medienresonanz basieren. Wichtiger ist erstens: Die Ausstellung sollte eine Debatte eröffnen. Nur Zustimmung macht schläfrig. Und zweitens: Wir wollen einem interessierten Publikum ein gutes Angebot machen. Erfolg bemisst sich daran, wie wir mit dem Publikum umgehen, wie wir dieses Angebot vermitteln. Wenn es uns nicht gelingt, das Publikum zu beteiligen, ist es ein Misserfolg.

Besteht nicht die Herausforderung darin, möglicherweise mit Grenzen des Wachstums umzugehen, statt auf immer neue Besucherrekorde zu setzen? 

Szymczyk: Ich bin nicht der Oberbürgermeister, der für die Bürger da ist. Ich bin der künstlerische Leiter. Ich bin ein Gast in Kassel. Natürlich ist die documenta ein wichtiger ökonomischer Faktor in der Stadt, aber das ist nicht das Wichtigste für mich. Ich bin kein Geschäftsmann, sondern Kurator. Ich kümmere mich um die Ausstellung. Wenn ich mich um etwas anderes kümmern soll, wird es eine schwache Ausstellung. Aber ich bin sicher, die Stadt weiß, wie sie mit der documenta umgehen soll. In meinem Hotel hängen zum Beispiel alle documenta-Plakate. Diese Präsenz der documenta-Geschichte in Kassel ist beeindruckend. Die documenta ist die einzige Ausstellung, die diese demokratische Präsenz in einer Stadt hat. Und keine turbo-kapitalistische Präsenz. Wie in früheren Zeiten, als Kunst die Kraft hatte, Menschen zu verbinden. Daran möchte ich appellieren: Menschen in Beziehung zu bringen, zusammenzubringen.

Der Kunstmarkt boomt... 

Szymczyk: Ich kann das nicht mehr hören.

Aber das ist eine Realität, der Sie sich stellen müssen. Christie’s hat noch nie so viel Geld mit Kunst umgesetzt wie 2013: 5,5 Milliarden Euro. 

Szymczyk: Aber diese Realität muss man befragen. Ein Boom ist ein Knall. Es boomt irgendwo, und anderswo boomt es nicht. Das ist kein globaler Markt.

Fotos von Szymczyk in Kassel

d14-Leiter Adam Szymczyk in Kassel

Soll die documenta dazu ein Kontrapunkt darstellen? 

Szymczyk: Das muss ein Kontrapunkt sein. Ein Gegenentwurf wäre zu einfach. Jedenfalls ist diese quantitative Entwicklung des Marktes nicht nur erfreulich. Und es gibt auch eine Spannung zwischen der globalen und der regionalen Sichtweise. Wir haben in Basel im Jahr 30 000 Besucher bei neun oder zehn Ausstellungen im Jahr, also 3000 in jeder Ausstellung. Ist das viel? Sind das große Zahlen? Aber die Künstler haben etwas zu sagen, und die Besucher wollen etwas erfahren.

Wo sind für Sie zurzeit interessante Brennpunkte der Kunst - oder ist das zu naiv gefragt? 

Szymczyk: Man muss sich die jeweilige regionale Entwicklung mit den verschiedenen historischen und kulturellen Umständen genau anschauen. Es gibt sozusagen viele verschiedene, sich überkreuzende, überlagernde Flugbahnen. 1955, bei der ersten documenta, gab es den Vorschlag eines verbindlichen Kunstkanons. Wir haben heute eine Vielzahl möglicher Kanons. Das ist auch der Verdienst der documenta, die diesen einheitlichen Kanon aufgebrochen hat. Mit den documenta-Ausstellungen 10 und 11 ist alles explodiert. Das hat auch die Landschaft der Biennalen tiefgreifend verändert.

Empfinden Sie Ihre Aufgabe auch als Last, so in einem leeren Büro sitzend, im Wissen, es wird eine Ausstellung von Ihnen erwartet, zu der 905.000 Menschen strömen? 

Szymczyk: Das ist schon seltsam zurzeit, alleine zu arbeiten. Aber bald werden hier mehr Leute sein, alles wird beginnen zu zerfasern, sich zu zerstreuen. Jetzt ist es eine harte Landung. Kassel im Winter. Aber es könnten auch minus 20 Grad sein. Ich muss also dankbar sein. Ich kenne die Dynamik von großen Projekten, das ist sehr motivierend. Und irgendwann habe ich keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Dann muss ich einfach machen.

Zur Person: Adam Szymczyk

Adam Szymczyk wurde 1970 in Piotrków Trybunalski (Zentralpolen) geboren. Er wuchs in Lódz auf, studierte Kunstgeschichte in Warschau und war dort ab 1997 in der Foksal Gallery Foundation engagiert. 2003 übernahm er die Direktion der Kunsthalle Basel. 2008 war er Co-Kurator der 5. Berlin Biennale. Der verheiratete Vater eines Sohnes soll in Basel noch das Programm für das zweite Halbjahr entwickeln und seinen Nachfolger, der gerade von einer Findungskommission gesucht wird, einarbeiten.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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