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Antisemitismus auf der documenta: Debatte über Kunstfreiheit und Israel-Hass

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Von: Matthias Lohr

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Das Podium im UK 14: Nikita Dhawan (von links), Adam Szymczyk, Doron Kiesel, Hortensia Völckers, Meron Mendel und Moderator Stefan Koldehoff.
Das Podium im UK 14: Nikita Dhawan (von links), Adam Szymczyk, Doron Kiesel, Hortensia Völckers, Meron Mendel und Moderator Stefan Koldehoff. © Andreas Fischer

Nach dem Schock über antisemitische Kunst auf der documenta hat nun die Debatte begonnen. Bei einer Diskussion im UK 14 stellte der Zentralrat der Juden den weiteren Dialog infrage.

Kassel – Schon vor Wochen wollte die documenta über Antisemitismus diskutieren. Doch erst nach dem Eklat um das judenfeindliche Werk von Taring Padi kam es zur Debatte. Die erste Veranstaltung fand gestern im UK 14 statt – organisiert von der Bildungsstätte Anne Frank und der documenta.

Vor dem UK 14

Solche Szenen wie gestern um kurz vor sechs sieht man sonst bei ausverkauften Pop-Konzerten. Viele Menschen stehen in der Unteren Karlsstraße und können nicht mehr in das UK 14, das nur Platz für 100 Besucher hat. Einige sind nur traurig und wollen schnell nach Hause, um den Livestream zu verfolgen. Andere sind auch wütend. Es kommt zu lauten Diskussionen am Eingang. Direkt davor halten Mitglieder des Bündnisses gegen Antisemitismus, das die Debatte im Januar entfacht hatte, ein Transparent hoch.

Die Resonanz ist groß, wie Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank sagt. 20 Journalisten aus der ganzen Republik sind angereist, viele geladene Gäste sind im Publikum, die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann, ebenso Heinz Bude, Direktor des documenta-Instituts. Die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) hält das Grußwort. Nur Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), der Mann, der gestern die Schlagzeilen bestimmte, fehlt.

Von den documenta-Leitern sitzt niemand auf dem Podium. Einige Mitglieder von Ruangrupa sind jedoch im Publikum. Ade Darmawan meldet sich gleich zu Beginn, für Moderator Stefan Koldehoff (Deutschlandfunk) überraschend, und sagt: „Dies ist ein guter Ort zum Lernen und Zuhören. Wir sind hier.“ Dafür gibt es viel Applaus. Warum Ruangrupa nicht mitdiskutieren, bleibt unklar.

Die Debatte

Die Diskussion ist ernsthaft und konzentriert. Drei Themen überkreuzen sich: Es geht erstens um das „Kommunikations- und Organisationsproblem“ im Vorfeld der Ausstellung, um die „Verantwortungsdiffusion“, wie es Meron Mendel (Bildungsstätte Anne Frank) auf den Punkt bringt, zweitens um die Rolle der Postkolonialen Studien, die die Nachwirkungen des Kolonialismus in den Blick nehmen, und deren Blick auf Israel, und drittens um die Grenzen der Kunstfreiheit.

Doron Kiesel (Zentalrat der Juden) macht die tiefe Bestürzung durch das Taring-Padi-Banner deutlich: Die vergangenen zehn Tage seien „Ausdruck einer tiefen Vertrauenserschütterung“. Es gehe gar nicht um die „Befindlichkeit von uns Juden. Es geht um das Selbstverständnis der Bundesrepublik.“ Deshalb habe der Zentralrat der Juden seine „Wächterfunktion“ eigentlich längst aufgeben wollen, weil die deutsche Gesellschaft reif genug sei, Antisemitismus zu erkennen: „Dem ist überhaupt nicht so.“ Auch in aufgeklärten Teilen der Gesellschaft gebe es keinerlei Resonanz, dabei „ist Antisemitismus Antisemitismus“, ob von rechts oder von links. Kiesel stellt im Grunde schon die Sinnhaftigkeit des weiteren Dialogs infrage.

Meron Mendel will sich dem nicht anschließen: Die Kunstwelt gehe mit der Freiheit sensibel um, es gebe alle nötigen rechtlichen Instrumente: „Es ist ein Unfall passiert, aus einem Unfall kann man lernen.“ Für die Autonomie und Staatsferne von Kulturveranstaltungen als kostbare Tradition spricht sich auch Hortensia Völckers (Kulturstiftung des Bundes) aus. Wenn die Stiftung im Aufsichtsrat präsent gewesen sei, auch wenn sie sich selbst ständig in Kassel „getummelt“ hätte, es hätte zu diesem „Vertrauensverlust“ kommen können. Ob und wie der Bund sich in Kassel engagiere, sei dafür nicht wirklich relevant: „Das sind Scheingefechte.“

Die Dresdner Professorin Nikita Dhawan erinnert an das Vermächtnis und an die Schattenseiten der Aufklärung – es sei ein hoher Preis zu zahlen, wenn die Meinungsfreiheit eingeschränkt werde: „Wir müssen die Aufklärung vor den Europäern retten“, die selbst so lange nicht ihren eigenen Predigten gemäß gehandelt hätten. Die Dämonisierung einer postkolonialen Perspektive sei oft nur ein ideologisches Manöver, um sich nicht mit der verbrecherischen Erbschaft des Kolonialismus auseinandersetzen zu müssen.

Doron Kiesel wiederum wirft den Vertretern dieses Fachs vor, zwar Verständnis für Juden zu suggerieren, aber letztlich Israel doch stets massiv zu verurteilen und für schuldig zu erklären. Den Deutschen, deren antisemitische Ressentiments nicht am 9. Mai 1945 ausgerottet gewesen seien, gebe es das Gefühl: „Die Juden haben auch Dreck am Stecken.“

d14-Leiter Adam Szymczyk plädiert für eine „mulitidirektionale Erinnerung“ oder eine „Solidarität der Erinnerungen“ – die documenta sei der geeignete Ort, wo dieser Austausch stattfinden könne. Kulturinstitutionen unter stärkere Kontrolle zu bringen, werde Konflikte nicht lösen. Über Grenzen der Kunstfreiheit entscheide das Recht – für Künstler und Nicht-Künstler, für Juden und Nicht-Juden.

Die Perspektive

Moderator Koldehoff hat bereits zu Beginn vor zu hohen Erwartungen gewarnt: „Wir werden heute Abend den Nahostkonflikt mit Sicherheit nicht klären können. Dies ist der Anfang einer Debatte und nicht das Ende.“ Dass sie aber stattfinde, sei ein hoffnungsvolles Zeichen. Diese Debatte wird weiter geführt werden müssen. Meron Mendel appelliert, die „Spirale des verbalen Aufrüstens“ zu beenden, die Eskalation auch in den sozialen Medien zu stoppen. Der Abend ist ein Beispiel, wie ein Gespräch in Gang kommen könnte. (Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse)

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