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Der Kleingartenverein Schwanenwiese ist Teil der documenta fifteen

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Von: Tibor Pezsa

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Einfach mal auf sich wirken lassen: Das kleine Museum des KGV Schwanenwiese steckt voller Erinnerungen.
Einfach mal auf sich wirken lassen: Das kleine Museum des KGV Schwanenwiese steckt voller Erinnerungen. © Privat

Bei dieser documenta ist vieles anders. Wie anders, das erschließt sich erst mit der Zeit. Und auch über den Raum. Denn zu den erklärten Zielen des indonesischen Kuratorenteams Ruangrupa gehört, dass die documenta in die Stadt hineinwirken möge, neue Blicke auf Altbekanntes ermöglichen, neue Beziehungen herstellen zwischen Mensch und Natur.

Kassel – Einer der besonderen Orte in Kassel, die sich der documenta fifteen geöffnet haben, ist der Kleingartenverein (KGV) Schwanenwiese zwischen Yorckstraße und Waldauer Fußweg. Hier sorgt die zweite Vorsitzende Jutta Schenk als Ansprechpartnerin für guten Geist und Zusammenhalt. Hier findet sich zudem schon seit etlichen Jahren das zwar kleine, aber erinnerungsträchtige Schreber-Museum.

Es wurde von dem Düsseldorfer Künstler Markus Ambach zu einer Station auf seinem Urbanen Parcours ausgewählt. Aber weniger wegen der hier gesammelten alten Dinge wie etwa dem Joch zum Tragen von Eimern oder Kannen, dem Ofen oder der Feldflasche. Ambach sagt: „Mir ist Lebenspraxis wichtiger als Dinge.“ Es sind die Geschichten, es ist der gute Geist hier, den er mag.

Die guten Dinge von früher: der Rasenmäher.
Die guten Dinge von früher: der Rasenmäher. © Privat

Der KGV Schwanenwiese ist einer der ältesten Gartenvereine Kassels. Es gibt ihn seit 1891, als hier, in dem fruchtbaren Schwemmland östlich der Fulda die ersten Zier- und Nutzgärten angelegt wurden. Heute ist zwar manches anders, wie Jutta Schenk erklärt. Aber nicht alles. Die Anlage steckt voller Geschichte und Geschichten.

Manche wollen, können nicht vergehen. Dazu gehört der Horror, den eine der ältesten Kleingärtnerinnen des Vereins in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 von hier aus erleben musste. Es war eine Nacht von Freitag auf Samstag. Damals, sie war noch ein junges Mädchen, durfte sie in der Laube ihrer Familie auf dem Kleingartengelände übernachten. Am nächsten Tag war die Innenstadt durch den schwersten aller Luftangriffe auf Kassel ausgelöscht, zwischen 7000 und 10 000 Menschen starben. Die Nacht im Kleingarten, auf jener Parzelle, die sie heute noch pflegt, rettete der Frau das Leben.

Was das ist? Eine Waschmaschine!
Was das ist? Eine Waschmaschine! © Tibor Pézsa

Selbstverständlich kennen die Kleingärtner diese und viele andere Geschichten aus dem KGV. 150 Parzellen gibt es. Der Boden gehört der Stadt Kassel. Der gemeinnützige Verein verpachtet die unterschiedlich großen Parzellen zu moderaten Preisen ohne Gewinnabsicht. Die Pächter erwerben ihre Lauben vom Vorgänger, der Verein sorgt für eine faire Wertermittlung vorab. Zur Zeit ist kein Platz frei, es gibt eine Warteliste.

Jutta Schenk: „Bei unseren 150 Parzellen tut sich immer etwas, mit ein bisschen Glück heißt ein Platz auf der Warteliste nicht, dass man jahrelang warten muss.“ Jedes Grundstück hat einen Wasseranschluss. Es gibt Solarenergie; mit dem geplanten Einbau einer Wärmepumpe dürfte sich auch die Stromversorgung verbessern.

Jutta Schenk, zweite Vorsitzende des Kleingartenvereins Schwanenwiese, schaut aus dem Museum.
Jutta Schenk, zweite Vorsitzende des Kleingartenvereins Schwanenwiese, schaut aus dem Museum. © Privat

Früher waren Kleingartenvereine eine Antwort auf schlimme Lebensverhältnisse in den industrialisierten Städten. Die Möglichkeit, durch eigenen Gemüseanbau selbst für gesunde Ernährung sorgen zu können, entspannte die sozialen Verhältnisse auch in Kassel.

Viele Kleingärtner schätzen die Erholung, die Gartenprodukte, auch die Nachbarschaft im Verein. Ein gewisses Spießer-Image haben viele Vereine längst überwunden, die Gärten und Pächter von heute sind so bunt und vielfältig wie die Gesellschaft. Das ist Jutta Schenk wichtig. Wer sich hier engagiert, tut das ehrenamtlich. So gibt es auch einen schönen Grill- und Spielplatz unter schönen Bäumen, den auch Außenstehende mieten können. kgv-waldauer-wiesen.de

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