Interview über Stressmomente, Geheimnisse und Streitigkeiten

„Die Aufgabe ist wunderbar“: documenta-Geschäftsführer Leifeld zieht Bilanz

+
Wird nach 18 Jahren als documenta-Geschäftsführer verabschiedet: Bernd Leifeld.

„Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen“ - dieser Satz von documenta-Gründer Arnold Bode steht an der Wand von Bernd Leifelds Büro.

Das Zitat hat für den 64-Jährigen dieser Tage persönliche Bedeutung. Vier documenta-Ausstellungen hat er seit 1996 mit verantwortet. Am Freitag wird er als Geschäftsführer verabschiedet

Im großen Interview äußert sich Leifeld über Stressmomente, Geheimnisse und Streitigkeiten.

Bei jeder documenta stehen die künstlerischen Leiter im Mittelpunkt. Wie schwer ist es, in einer dienenden Rolle im Hintergrund zu agieren?

Bernd Leifeld: Meine Aufgabe ist sicherzustellen, dass die Ausstellung funktioniert. Und sie kann nur funktionieren, wenn man ihre größte Stärke, die künstlerische Freiheit, zum Tragen bringt. Diese Freiheit muss man verteidigen, auch gegenüber der Politik, der Presse, den Besuchern und den Sponsoren. Das ist meine Rolle. Es geht also nicht um Eitelkeiten, sondern um die Bewahrung dieser wunderbaren Institution documenta, die man aktiv schützen muss, manchmal auch in einer dienenden Rolle.

Ich könnte allerdings nie in einem Theater als Verwaltungsdirektor arbeiten, das wäre undenkbar. Dort hätte ich wahrscheinlich immer das Gefühl: Was auf der Bühne passiert, kann ich viel besser. Das ist hier nicht der Fall. Ich habe keinen Ehrgeiz, Kurator zu werden.

Manchmal hatte man den Eindruck, Sie hatten als Theatermann diebische Freude an der Inszenierung, an Dramaturgie auch bei der documenta. 

Leifeld: Ja, natürlich. Ich inszeniere nicht mehr auf der Bühne, sondern im Leben. Das hat auch mit der Struktur der Organisation zu tun. Zurzeit hat der künstlerische Leiter der documenta 14 noch keinen eigenen Mitarbeiter, das heißt der Geschäftsführer muss in dieser Zwischenzeit unterschiedliche Aufgaben selbst wahrnehmen, auch die Position des Pressesprechers. Es macht mir Freude, zu koordinieren, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen. Ich nehme eine Brückenfunktion wahr. Und natürlich gibt es die Dramaturgie in der Ausstellungsvorbereitung und in der Präsentation von Personen, Künstlern, Konzepten. Eine Dramaturgie, mit der man Spannung aufbaut beim Publikum. Das sind Aufgaben, die ich früher als Theaterintendant auch hatte. Aber bei der documenta endet die Aufgabe bei den Inhalten der Ausstellung, in die ich mich nicht einmische, ich mache nicht mehr den Spielplan und engagiere auch keine Schauspieler.

Zum Theater gehört auch das Geheimnis - bis zu dem Moment, wenn der Vorhang aufgeht. 

Leifeld: Aber nicht, um Menschen hinters Licht zu führen. Geheimnisse sind eine Notwendigkeit, um einzelne Künstler und die Gesamtorganisation zu schützen - um der Ausstellung willen. Es wäre ja kein Problem, die Künstlerliste frühzeitig bekanntzugeben. Aber dann würden alle ihr Urteil fällen, ohne die Ausstellung gesehen zu haben. Wenn die Einladung durch die documenta bekannt wird, bekommt ein Künstler plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. Die Vereinnahmung durch den Markt geht ganz schnell. Wir wollen die Künstler gern in Ruhe arbeiten lassen, ohne den Druck, den die Öffentlichkeit, speziell die Medien, erzeugen. Das ist ein Schutz der Künstler und damit der Ausstellung.

Berichterstattung erzeugt aber auch Werbeeffekte. Wie ist Ihre Einstellung zu den Medien? Bleibt da in Ihrer Bilanz eher Respekt oder Groll? 

Leifeld: Man muss da gegenseitigen Respekt haben. Ich versuche immer zu begründen, warum wir zum Beispiel die Künstlerliste nicht frühzeitig rausgeben. Die Medienverhältnisse haben sich seit 1996 extrem verändert und dynamisiert. Heute kommen wesentlich mehr Medienvertreter. Bei der letzten documenta waren es 12500, darunter nicht mehr nur Fach-Journalisten. Die documenta ist ein Event geworden, auch im journalistischen Bereich. Wenn sich Carolyn Christov-Bakargiev zu Hunden äußert, meldet sich nun auch ein Fachmagazin für Hundeerziehung. Wir haben im Vorfeld einer Ausstellung den potentiellen Besuchern und damit auch den Journalisten immer inhaltliche Möglichkeiten angeboten, sich vorzubereiten, auch Hinweise zu bekommen durch Vorpublikationen bei der dX, durch Konferenzen bei der d11, Magazine bei der d12, zuletzt durch die 100 Notizbücher der d13. Man muss natürlich nicht zu soziologischen Symposien auf die westindischen Inseln fliegen, um an der Vorbereitung teilzunehmen, aber es gibt eben auch mehr als die Künstlerliste.

Die beste „Werbeaktion“ war übrigens die Ausstellung im Museum Fridericianum über 50 Jahre documenta im Jahre 2005, die mit finanzieller Hilfe des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) weltweit auf Tournee gehen konnte. Für die Realisierung dieser Ausstellung habe ich mindestens zwei Jahre mit der Politik gekämpft. Ich behaupte, dass die große Zahl asiatischer Besucher bei der documenta 12 mit dieser Ausstellungstournee zusammenhängt, also ist solch eine Ausstellung möglicherweise ein Modell für die Zukunft.

Zählt zu einer unabdingbaren Voraussetzung des documenta-Geschäftsführers, mit schwierigen Menschen umgehen zu können? 

Leifeld: Es kommt darauf an, wie Sie schwierig definieren. Mit Menschen, die etwas wollen, die ein Ziel haben, dafür hartnäckig, ja dickköpfig kämpfen, kann ich wunderbar umgehen. Man kann und muss über Inhalte, Methoden, Strategien streiten können. Natürlich hat es an diesem Tisch hier kräftig gekracht, aber nur hinter geschlossenen Türen. Da gehört der Streit hin, nicht in die Öffentlichkeit. Ich habe nur Probleme mit Menschen, die nichts wollen. So was finde ich furchtbar. Der Regisseur Fritz Kortner hat mal zu einem unbegabten Schauspieler gesagt: Sie schwänzen einen anderen Beruf.

Der documenta-Geschäftsführer sitzt quasi qua Amt zwischen allen Stühlen. 

Fotos: Die documenta und ihr Geschäftsführer Bernd Leifeld

Die documenta und ihr Geschäftsführer Bernd Leifeld

Leifeld: Aber ich bin gern zwischen allen Stühlen, und ich habe die Fähigkeit, Leute auf verschiedenen Stühlen zusammenzubringen.

Sie haben sicher unzählige Stresssituationen gehabt. War es die größte Befriedigung in Ihrer Funktion, diese Momente zu meistern? 

Leifeld: Stress entsteht nicht durch die große Anzahl von Arbeitsstunden, sondern entsteht, wenn Fronten verhärtet sind, wenn man keine Lösungsmöglichkeiten sieht. Aber auch das ist eigentlich kein Stress, sondern das sind Aufgaben, die zu lösen sind. Problematisch ist nur, wenn künstlerische Leitung und Geschäftsführung nicht gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Oft schwelen Dinge, sind Prozesse im Gang, werden Entscheidungen zu spät gefasst, das muss man aushalten können. Auf alle Fälle sind die 100 Tage der Ausstellung immer eine Belohnung. Da hab ich nie Stress gehabt. Man sieht, es kommen Besucher, die Freude haben, sich mit der Ausstellung auf hohem Niveau auseinanderzusetzen, man sieht, dass die Ausstellung funktioniert. Das ist die größte Belohnung - für alle, die vorher immer sehr viel gearbeitet haben.

Haben Sie je daran gedacht, die Brocken hinzuschmeißen? 

Leifeld: Nein, nie. Weil die Aufgabe hier so toll ist und eine solche Verantwortung erfordert, dass man die Brocken einfach nicht hinschmeißt. Es ist eher die Frage, wo man die nötige Kraft sammelt. Die Verantwortung empfinde ich auf vielen Ebenen. Das beginnt mit dem Aufsichtsrat, der die Auswahl der künstlerischen Leitung an ein Gremium delegiert, eine Findungskommission, die sich sehr ernsthaft und gründlich mit der Auswahl des künstlerischen Leiters beschäftigt, und reicht bis zu den jungen Leuten, die an den Eingängen Karten kontrollieren oder die Besucher in einer Schlange informieren. Und überall ist der „spirit of documenta“ zu spüren. Das gibt eine große Kraft.

Sie haben sich immer als Anwalt der documenta verstanden - manchmal fast im Wortsinn, wenn Sie Rechtsstreitigkeiten ausfechten mussten. Welcher hat Sie am meisten Nerven gekostet? 

Leifeld: Das waren gar nicht so viele. Ein wichtiger Reiseveranstalter ist in der Auseinandersetzung um die „Führungen“ sogar bis vors Oberlandesgericht gegangen und hat den Prozess verloren. Ich war voller Überzeugung, dass man der Institution documenta die Freiheit verschaffen musste, die Ausstellung auch selbst zu vermitteln. Dieses Recht mussten wir auch für die Zukunft erhalten. Fertig gemacht hat mich das nicht.

Mit welchem der documenta-Leiter hat sich über die Ausstellung hinaus das für Sie intensivste oder schönste Verhältnis entwickelt? 

Leifeld: Ich komme mit allen sehr gut aus und möchte niemanden hervorheben. Alle haben gesehen, dass es bei der documenta nicht um Verwaltung geht, sondern ums Ermöglichen.

Wie hat sich das Verhältnis der Kasseler zur documenta entwickelt? 

Leifeld: Ich sehe da eine positive Entwicklung. Als ich angefangen habe, war die documenta schwer unter Beschuss. Catherine David galt als französische Zimtzicke, mir wurden in der Pizzeria am Königsplatz die dX-Logos als „documenta raus“-Schilder entgegengehalten. Ich habe ganz mühsam die Stärke der documenta zu erklären versucht, dass es jeweils einen ganz neuen Ansatz gibt, dem man erstmal Respekt bezeugen muss. Und dass Catherine David nicht Jan Hoet ist. Ihn hatten die Kasseler geliebt, weil sie sich mit ihm identifizieren konnten wegen der Art und Weise, wie er mit ihnen persönlich umgegangen ist. Catherine David haben sie anfangs gehasst. Ich habe versucht, sie ins rechte Licht zu setzen. Erst später haben die Kasseler festgestellt, dass auch sie sich intensiv mit der Stadt befasst, als sie den Parcours vom Bahnhof zum Friedrichsplatz und zur Fulda entwickelt hat. Enwezor war auch nicht länger in Kassel als sie, aber er hatte eben eine freundlichere Ausstrahlung oder vielleicht nur eine freundlichere Wahrnehmung. Bei der letzten documenta haben wir 12500 Dauerkarten verkauft, ein deutliches Indiz für das Interesse und die Beteiligung der Kasseler Bürger. Zudem hat das Projekt der Worldly Companions zu dem Empfinden beigetragen: Die documenta ist etwas von uns, für uns und mit uns. Ich kenne BesucherInnen, die waren bei der documenta 13 täglich in der Ausstellung - hundert Tage lang.

Aber war die Balkenhol-Auseinandersetzung kein Rückschlag? Die volle St.-Elisabeth-Kirche bei der Eröffnung war ein starkes Signal gegen die documenta. Das zeigte, dass die documenta nicht nur Sympathien hat. 

Leifeld: Das glaube ich nicht, es war eher ein Missverständnis. Wir haben da eine kommunikative Niederlage erlitten. Die raffinierte Behauptung, die documenta wolle die Freiheit der Kunst einschränken, war und ist absoluter Quatsch. Eigentlich will ich die Debatte gar nicht mehr führen. Ich kann da zur Zeit in der Öffentlichkeit nur verlieren, obwohl ich sicher bin, dass ich nach wie vor in der Sache richtig liege.

Aber die Auseinandersetzung ist nicht geklärt, die Frage kann sich 2017 wieder stellen. 

Leifeld: Darüber muss man in der Zukunft tatsächlich grundsätzlich reden. Ich finde, der Besucher, der nur wegen der documenta nach Kassel kommt, anders als bei der Venedig-Biennale, muss die Chance haben zu erkennen, was documenta ist und was nicht. Die documenta tritt alle fünf Jahre für 100 Tage auf, so, wie sie das für richtig hält. Die Stärke in Kassel ist, dass das so möglich ist. In einer Großstadt wie Berlin würde sie untergehen. Das hat nichts mit Alleinherrschaft zu tun, sondern mit Erkennbarkeit. Die Verwechselbarkeit führt zu einer Verwässerung der Rezeption. In Venedig übrigens können Sie für 20000 Euro das Biennale-Logo kaufen, einen Palazzo anmieten und ausstellen. Ich finde, diese Verwechselbarkeit durch Trittbrettfahrer geht nicht. Das muss die documenta auch in der Zukunft vermeiden.

Sie plädieren für eine stärkere Präsenz der documenta in Kassel. Wenn Sie Entscheidungsträger in der Politik wären, was würden Sie als Erstes anstoßen? Das documenta-Archiv unter das Dach der GmbH bringen? Den Etat erhöhen? 

Leifeld: Eine Verstetigung der documenta zu erreichen, ist äußerst wichtig. Dafür ist ein Dreierschritt erforderlich. Erstens: Das städtische documenta-Archiv sollte organisatorisch unter dem Dach der documenta GmbH angesiedelt sein. Zweitens: Dieses Archiv wird zu einem außeruniversitären Forschungsinstitut ausgebaut, dessen Leiter auch im Rahmen einer Professur an der Kunsthochschule lehren sollte. Und drittens muss man dafür ein Haus bauen.

Was erwartet uns 2017 in Kassel? 

Leifeld: Es stehen aufregende Fragestellungen an. Kann die documenta noch größer werden, und wie geht das Publikum damit um? Es ist auch eine Frage der Praxis, ob man die Zahl von 905000 Besuchern in 100 Tagen noch steigern kann. Die Leute sollen ja nicht nur Schlange stehen, viele können auch nicht eine ganze Woche bleiben. Oder schafft man Räume, die prototypisch sind, also beispielhaft oder stellvertretend für die ganze Ausstellung? Man muss über die ganze Dramaturgie neu nachdenken, über den Zusammenhang von lokaler Anbindung und internationaler Ausrichtung. Adam Szymczyk geht mit sehr offenen Augen durch die Stadt - und er sieht sie wieder ganz anders als die künstlerischen Leiter vor ihm.

Wie ist Ihre Gefühlslage zurzeit? Sind Sie melancholisch, erleichtert, traurig? 

Leifeld: In keinem Fall erleichtert. Diese Aufgabe ist schon einzigartig. Nicht zu vergessen die Kunsthalle Fridericianum zwischen den documenta-Ausstellungen mit sehr starken KuratorInnen und KünstlerInnen. Diese Kombination beider Aufgaben ist wunderbar. Ich hab nie etwas wiederholt, sondern immer nur gelernt, um Neues umzusetzen. Das ist nie langweilig. Also bin ich eher melancholisch. Übrigens: Jupp Heynckes ist nach dem Sieg in der Champions League weggegangen. Es gibt auch andere interessante Trainer.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie künftig Kreuzworträtsel lösen oder nur Rasen mähen. Spazieren gehen Sie nicht gern. Wo werden wir Sie künftig sehen? 

Leifeld: 20 Jahre Theater, 18 Jahre documenta - da wird noch ein Drittes kommen. Gerne möchte ich noch etwas tun. Ich habe verschiedene Angebote. Aber ich habe mich noch nicht entschieden. Ich bin offen für vieles, auch dafür, meine Erfahrungen weiterzugeben. Aber es ist nichts spruchreif.

Von Mark-Christian von Busse

Lesen Sie auch, was die vier documenta-Ausstellungen, die Bernd Leifeld mit verantwortet hat, in seinen Augen besonders geprägt hat.

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.