"Die documenta ist ein Riesen-Glück"

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Auf der documenta erschöpft sich Kunst nicht in finanziellen Werten: Künstler Lynn Foulkes (links) vor seiner Musikmaschine im Fridericianum mit dem Kunstwissenschaftler und Autor Christian Saehrendt. 

Im Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ hat Christian Saehrendt die Geschichte der documenta geschickt mit den Grimm’schen Märchen verknüpft.

Als d13-Dauerkarteninhaber kehrt der aus Kassel stammende Kunstwissenschaftler zurzeit regelmäßig in seine Heimatstadt zurück. Ein Gespräch über die mitunter emotionalen Reaktionen auf die Kunstschau.

Sie sind zurzeit oft in Kassel. Heißt das, die documenta gefällt Ihnen gut?

Christian Saehrendt: Ja, ich finde es eine sehr stimmungsvolle, gelungene documenta. Das Gesamtkonzept als ein zu erwandernder Stadtraum funktioniert gut. Eine Reihe von Werken allerdings ist schwach und enttäuscht, viele Theorietexte ebenso.

Es gibt über 10 000 Dauerkartenbesitzer, das ist Rekord. Aber es gibt auch die Stimmen, die die documenta grundsätzlich als Müll, Schrott und Schwachsinn ansehen. In Online-Foren schreiben sich manche richtig in Rage. Sie haben sich mit dieser Abwehrhaltung beschäftigt. Lassen Sie uns die mal aufschlüsseln.

Saehrendt: Die zeitgenössische Kunst ist ein Sinnbild für die Veränderungen der Gesellschaft selbst. In der Kunst spiegeln sich wandelnde Werte und Anforderungen an den einzelnen. Unsere gesellschaftliche Lage ist von Dynamik geprägt. Bindungen, Milieus und Glaubenssätze lösen sich auf. Das setzt Freiheit für den Einzelnen frei, aber auch enormen Stress: Sein Selbstwertgefühl, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, für sich neue Werte zu definieren. Dieser permanente Suchprozess spiegelt sich hervorragend in dieser documenta wider.

Das heißt, wir bekommen keine Antworten, sondern diese gesellschaftliche Verunsicherung wird uns auf der documenta gerade vorgeführt.

Saehrendt: Die documenta setzt uns kein Wert- oder Klassifizierungssystem vor. Sie zeigt nicht einfach die 100 besten Gemälde oder die 20 besten Bildhauer der Welt. Daran könnte man sich orientieren. Das wäre bevormundend, aber hilfreich. Stattdessen sagt die documenta: Du bist auf dich allein gestellt. Du gehst durch einen leeren Raum und einen Garten und bist dir selbst überlassen. Mach was draus. Nutze deine Freiheit. Wenn ich nicht die Übersicht, die Kraft oder das Selbstbewusstsein habe, löst dieser Stress Aggressionen aus. Und zwar nicht nur bei autoritären Spießern.

Die Abwehr, ja der Hass auf Gegenwartskunst sind Zeichen einer gesellschaftlichen Verunsicherung und Wertekrise. Gegen die Kunst als Symbol unserer Zeit kann man sich leicht auflehnen. Bei Finanzmarktmanipulationen dagegen steigt keiner mehr durch. Die Wirtschaft ist zu komplex. Die Occupy-Zelte auf dem Friedrichsplatz sind so rührend wie lächerlich. Das ist sozialromantische Polit-Folklore.

Also ist die Wut auf die documenta gar nicht spießig?

Saehrendt: Das Gepöbel schon. Viele merken gar nicht, dass die documenta viel wichtiger für Kassel ist als für die Kunst. Für die Stadt ist sie so etwas wie eine Gesamtperformance, der gemeinsame Auftritt einer Region, an dem alle freiwillig oder unfreiwillig mitwirken. Es gab diesmal enorm viel Publicity und ein interessantes Publikum, verschiedene Milieus, viele junge Leute, viele Ausländer. Von dem Geld, das in die Wirtschaft fließt, gar nicht zu sprechen. Die documenta ist ein Riesen-Glück für Kassel, gerade, weil jetzt die Erfolgsgeschichte fortgesetzt wird. Andere Städte würden weiß ich was dafür tun.

Die documenta gilt aber vielen als ausgrenzend, weil elitär. Schon, weil alles auf Englisch stattfindet.

Saehrendt: Ich werde sogar von Ausländern gefragt, warum man überall nur Englisch hört. Auch die Überfrachtung mit Theorie wirkt wie eine elitäre Vernebelung. Aber auch nur, wenn man sich unter den Zwang setzt, alles lesen und verstehen zu müssen. Ich darf es ja auch ignorieren und nehme mir nur das heraus, was mir gefällt. Das ist das Gute an dieser documenta: Ich kann nur mit meinem Hund in der Aue spazieren gehen, betrachte etwas und esse eine Bratwurst. Ich muss den Katalog nicht lesen.

Sinnlos, nutzlos, Verschwendung von Ressourcen - so wird etwa über Lara Favarettos Schrott und Song Dongs Nichtstun-Hügel geurteilt.

Saehrendt: In diesen Arbeiten steckt immer die Idee der Verwandlung, des Verschwindens, der Wiederverwertung. Der Schrotthaufen wird ja nicht so von einem Sammler gekauft und irgendwo wieder aufgebaut. Diese documenta richtet sich genau gegen das Protzen, gegen die Akkumulation von Millionenwerten bei Auktionen, gegen die reichen Super-Sammler. Das ist ein Leitmotiv: Wir nehmen schäbige, benutzte, nutzlose Materialien und rücken sie in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die documenta will mit dem Holzhammer klarmachen, dass sich Kunst nicht in hohen finanziellen Werten erschöpft. Das Wesentliche der Kunst ist die Auseinandersetzung mit uns selbst. Kunst ist der Spiegel der Erfahrungen, die wir schon mit Kunst und mit dem Leben überhaupt gemacht haben.

In der zeitgenössischen Kunst zählt die Idee, nicht die perfekte Ausführung. Woher rührt die Enttäuschung, die im Satz „Das kann ich auch“ deutlich wird?

Saehrendt: Das kommt auch aus dem anti-elitären Impuls. Die Leute glauben, Kunst sei etwas Demokratisches. Sie sei scheinbar offen für alle. Jeder kann bewerten, was schön und gelungen ist. Sie wissen nicht, dass man Kunst nur produzieren kann, wenn man sich im entsprechenden Milieu bewegt. Es gibt eine gläserne Grenze zwischen Kunstbetrieb und Hobby-Künstlern. In die Kunstszene muss man sich ein paar Jahre intensiv reinarbeiten.

Sind Künstler Hochstapler?

Saehrendt: Oftmals, ja, aber noch schlimmere Bluffer sind die, die Künstler vermarkten, also die Galeristen, Sammler und Kritiker. Wenn ich einem Künstler eine große Zukunft prophezeie, ist das ein bisschen wie ein Los zu ziehen.

Das ist wie beim Aktien kaufen: Eine Wette auf die Zukunft.

Saehrendt: Der Bluff ist wie eine Währung des Kunstbetriebs. Jeder blufft gegenüber jedem. Weil das alle tun, ist es nicht kriminell - da ist eine Parallele zum Aktienmarkt gegeben.

Zur Person

Der gebürtige Kasseler Christian Saehrendt (43) hat nach dem Abitur in Hann. Münden in Hamburg Freie Kunst studiert. In Heidelberg wurde er als Kunsthistoriker promoviert. Er ist Autor von Büchern wie „Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“ (mit Steen T. Kittl), des Romans „Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger“ und zuletzt „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Saehrendt lebt am Thunersee (Schweiz).

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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