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„Die documenta wurde gekapert“: So erlebte ein Kasseler Jude die Kunstschau

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Von: Matthias Lohr

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Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde und dem documenta Forum vor dem Ruruhaus in Kassel.
Den ganzen Sommer über versuchte er zu vermitteln: Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde und dem documenta Forum vor dem Ruruhaus. © Matthias Lohr

Miki Lazar ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kassel und mit Ruangrupa befreundet. Wie hat er die documenta und die Debatte um antisemitische Kunst wahrgenommen?

Kassel – Einen Tag nach dem Abbau des antisemitischen Kunstwerks von Taring Padi auf dem Friedrichsplatz sagte Miki Lazar, diese documenta sei nicht gescheitert, sie könne noch toll werden. Drei Monate und unzählige Antisemitismus-Schlagzeilen später urteilt das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kassel und des documenta Forums immer noch ähnlich: „Diese documenta war ein Experiment und ein wunderbares Event, eine besondere Zeit.“ Aber da ist ein großes Aber.

Nachdem die Kuratorengruppe Ruangrupa mit scharfen Worten die Expertenkommission kritisiert hatte, die einen Aufführungsstopp der propalästinensischen Propagandafilme auf dem Hübner-Areal forderte, veröffentlichte Lazar mit der Jüdischen Gemeinde und dem Sara Nussbaum Zentrum ein ebenso deutliches Statement. Darin heißt es, Ruangrupa sollten mit ihrer „unsäglichen Kampagne“ aufhören, „um euren Ruf als Menschen noch halbwegs zu wahren“.

Den ganzen Sommer über hat Lazar versucht zu vermitteln. Er ist „irgendwie dazwischen“, wie er sagt. Der Geschäftsführer der Werbeagentur Makom ist Jude, als Künstler hat er die Ausstellung „Lichte Wege“ organisiert, er ist documenta-Liebhaber, und er ist mit einigen Ruangrupa-Mitgliedern befreundet. „Make friends, not art“, lautete ein documenta-Motto. Lazar hat es gelebt wie kaum ein anderer.

Vor einigen Wochen organisierte er ein Treffen mit jüdischen Studenten aus Berlin. Eine Stunde redeten sie mit Ruangrupa. „Am Ende gab es eine herzliche Umarmung“, sagt der Vater zweier Töchter. Als er im August 65 wurde, legten Ruangrupa-Mitglied Reza Afisina, dessen Frau und andere documenta-Künstler als DJs auf. Es war ein unbeschwerter Abend. Jetzt ist fast alles anders.

Lazar wirft Ruangrupa vor, sie hätten zugelassen, dass Anhänger der Israel-Boykott-Bewegung BDS die documenta für sich instrumentalisieren: „Im Artistic Team gibt es Menschen mit einer Agenda. Sie haben die documenta mit ihrem Thema gekapert.“ Auf dieser Kunstschau gehe es um viele wichtige Themen, etwa die Situation in Myanmar und Bangladesch. Doch es werde nur der Konflikt zwischen Israel und Palästina wahrgenommen: „Die Verantwortlichen haben zugelassen, dass man nur die hört, die lauter schreien als alle anderen.“ Das Prinzip des Nichtkuratierens sei gescheitert.

Lazar kam vor 40 Jahren zum Studium der Visuellen Kommunikation nach Kassel und ist geblieben. Er ist ein linker Israeli und unterstützt den Wunsch der Palästinenser nach einem gleichberechtigten Zusammenleben. Die Forderung mancher documenta-Kritiker, auch jüdische Israelis hätten in Kassel vertreten sein sollen, findet er absurd: „Es gibt ja auch keine Ukrainer.“

Wenn man sich mit Lazar unterhält, lächelt er oft –auch wenn es um ein ernstes Thema geht. Das Statement der jüdischen Institutionen, das er mitverfasst hat, ist überschrieben mit den Worten: „Wir sind auch wütend, wir sind auch traurig, wir sind auch müde, wir stehen zusammen.“ Das spielt auf den Ruangrupa-Text an, in dem es heißt, Kuratoren und Künstler seien wütend und traurig wegen des Rassismus in Kassel. Als Lazar darüber redet, lächelt er nicht mehr.

Er sagt, er habe es satt, dass sie sich als Opfer darstellen: „Was für ein Blödsinn. Sie haben hier nie Rassismus erlebt. Die ganze Stadt hat sie umarmt, auch die Jüdische Gemeinde. Wenn sich jemand bedroht fühlen muss in diesem Land, ist es die Jüdische Gemeinde, die immer Polizeischutz braucht.“

Laut Studien haben mehr als 20 Prozent der Deutschen antisemitische Einstellungen. Lazar kennt die Untersuchungen. Trotzdem bedankt er sich auch bei Ruangrupa, „weil sie den Antisemitismus öffentlich gemacht haben“. Er war überrascht, als Bekannte im Zuge der Debatte um die documenta antisemitische Kommentare posteten.

Zuletzt gab er dem Deutschlandfunk ein Interview. Die Überschrift lautete: „Auch die Geduldigen wenden sich von Ruangrupa ab.“ Lazar betont, dass er so etwas nicht gesagt hat: „Ich bleibe weiter bereit für einen Dialog.“

Seine Ruangrupa-Freunde werden seine Freunde bleiben. Und Lazar freut sich auf den nächsten Kunst-Sommer in fünf Jahren: „Das Genialste an der documenta ist die absolute Freiheit der Kuratoren. An diesem Prinzip darf nicht gerüttelt werden. Die documenta wird sich auch 2027 wieder neu erfinden.“ (Matthias Lohr)

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