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documenta und der Antisemitismus-Eklat: Das Schweigen hat fatale Folgen

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Von: Matthias Lohr, Florian Hagemann

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Bei der Aufarbeitung des Antisemitismus-Eklats gerät die documenta immer mehr unter Druck. Das Schweigen der Verantwortlichen hat fatal Folgen - auch für die Stadt. Ein Analyse.

Kassel – Die Antwort auf die Frage nach Meron Mendel kam gestern – drei Tage nach dessen Rückzug als documenta-Berater bei der Aufarbeitung des Antisemitismus-Eklats. „Wir respektieren die – wenn auch überraschende – Entscheidung von Herrn Prof. Mendel, sich nicht weiter einbringen zu wollen“, heißt es in einer Stellungnahme der documenta in Kassel und Museum Fridericianum gGmbH. Begleitet wird dieser Satz von der Beteuerung, nach dem Antisemitismus-Eklat den Weg der Aufklärung und Aufarbeitung „konsequent fortzusetzen“.

Wörtlich steht da: „Die documenta und Museum Fridericianum gGmbH steht in diesem kooperativen Prozess mit Expert*innen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen beratend und unterstützend zur Seite. Dabei wurden – und werden auch weiterhin – anlassbezogen die für die jeweiligen künstlerischen Arbeiten und Projekte fachkundigen Expert*innen herangezogen.“

Stehen im Fokus der Kritik: documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann und Oberbürgermeister Christian Geselle. Archi
Stehen im Fokus der Kritik: documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle. © Dieter Schachtschneider

documenta Kassel äußert sich zum Antisemitismus-Skandal - Mail ist bezeichnend

Immerhin – die documenta in Kassel hat sich zu Wort gemeldet. Irgendwie, wobei die Mail ist bezeichnend. Es äußert sich kein Mensch, sondern die Institution an sich. Es gibt auch keine Grüße – wie sonst – von einer namentlich genannten Pressesprecherin.

Die Mail scheint menschenleer – und passt ins Bild der vergangenen Tage: Die Verantwortlichen der documenta aus Kassel sprechen nicht öffentlich, Generaldirektorin Sabine Schormann ist nicht greifbar, Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Christian Geselle (SPD) will sich – so ist zu hören – bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung zum Thema öffentlich nicht mehr äußern. Es herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit, und das ist das Problem.

Mit den verbalen Angriffen auf die abwesenden Schormann und Geselle im Kulturausschuss des Bundestags am Mittwoch, spätestens aber mit den Rückzügen Meron Mendels und der Star-Künstlerin Hito Steyerl am Freitag hat ein regelrechter Wettbewerb in der überregionalen Presse, in der Politik und bei Experten eingesetzt – nach dem Motto: Wer kritisiert am heftigsten die vermeintliche Unfähigkeit der Kasseler, die Krise der Weltkunstausstellung zu managen?

Antisemitismus-Eklat in Kassel - ist eine Aufarbeitung nicht gewünscht?

Das sind mitunter heftige Attacken, die derzeit schlicht unwidersprochen bleiben. Mit jedem Tag, an dem sich Schormann nicht erklärt, an dem keine Transparenz im Umgang mit der Aufklärung hergestellt wird, wächst die Gefahr, dass sich der in vielen Kommentaren geäußerte Eindruck verfestigt: Die Verantwortlichen in Kassel wollen die Aufarbeitung des Eklats gar nicht ernsthaft betreiben. Womöglich gibt es gute Gründe für das bisherige Vorgehen, nur: Solange sie nicht erklärt werden, bleiben sie im Verborgenen.

Die Folgen dieser Nichtkommunikation sind fatal. Längst geht es auch um das Ansehen der documenta und der Stadt. Bereits Donnerstag voriger Woche – noch bevor sich Mendel und Steyerl zurückzogen – schrieb Hauptsponsor VW eine Nachricht an Geselle und den Aufsichtsrat. Darin heißt es, man sei fassungslos „und mehr als enttäuscht“, dass „eines der zentralen und größten Werke in dieser Ausstellung ungeprüft blieb“. Der Autokonzern erwarte „konkrete Antworten auf alle offenen Fragen und Auskünfte über die weiteren Maßnahmen“.

documenta beantwortet Fragen zur Aufarbeitung nicht

Doch die offenen Fragen sind nach dem Rückzug Mendels nur noch mehr geworden. Etwa: Wie sollen die kritischen Kunstwerke überprüft werden? Schauen sich die Experten die Objekte zusammen an? Oder jeder nur einen Teil? Auch darüber soll es zwischen Mendel und der documenta unterschiedliche Auffassungen gegeben haben. Nachfragen zum Thema Aufarbeitung beantwortete die documenta gestern nicht.

Immerhin sollten die Fraktionschefs des Stadtparlaments gestern Abend Fragen beantwortet bekommen. Oberbürgermeister Geselle hatte sie zu einem Gespräch ins Rathaus geladen. An dem Treffen nahm auch documenta-Generaldirektorin Schormann teil. Unter anderem verlas sie ein Statement, in dem es hieß, man habe alles Mögliche getan.

Stadtverordnete Kasel beraten über zwei Anträge zur documenta

Hintergrund sind zwei Anträge, über die die Stadtverordneten nächsten Montag entscheiden sollen. Grüne, CDU und FDP fordern in ihrem Papier den Magistrat auf, „umgehend Gespräche mit dem Bund und dem Land zu suchen und darin konstruktiv und gemeinsam vorzugehen“. Im Antrag der SPD werden indes alle Verantwortlichen aufgerufen, erst nach Abschluss der documenta fifteen über eine etwaige geänderte Struktur zu diskutieren.

Die von der hessischen Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) beantragte außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrates soll nach HNA-Informationen erst nach der Sitzung des Stadtparlaments stattfinden. Die Zeit drängt jedoch, wie auch eine VW-Sprecherin deutlich macht: „Wie die Öffentlichkeit warten wir weiter auf Antworten aus Kassel.“ (Florian Hagemann, Matthias Lohr)

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