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Journalistin aus Israel zum Antisemitismus-Eklat: „Die Menschen wühlt das nicht auf“

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Von: Florian Hagemann

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Protest vor dem antisemitischen Kunstwerk am Friedrichsplatz: Eine Frau hält am Montagabend eine Israel-Flagge in die Luft, während das Banner verdeckt wird.
Protest vor dem antisemitischen Kunstwerk am Friedrichsplatz: Eine Frau hält am Montagabend eine Israel-Flagge in die Luft, während das Banner verdeckt wird. © Andreas Fischer

Der Antisemitismus-Eklat auf der documenta in Kassel beschäftigt derzeit ganz Deutschland. Aber wie wird das Thema in anderen Ländern wahrgenommen. Ein Blick nach Israel und Indonesien.

Kassel/Tel Aviv – Die aus Hamburg stammende Journalistin Mareike Enghusen lebt und arbeitet derzeit in Tel Aviv. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, ob die aktuellen Entwicklungen in Kassel Thema im Land sind.

Frau Enghusen, ein antisemitisches Kunstwerk auf der documenta in Kassel beschäftigt derzeit ganz Deutschland. Ist der Antisemitismus-Eklat hierzulande eigentlich auch in Israel ein Thema?

Die großen Medien haben darüber berichtet, aber sonst redet eigentlich niemand darüber. Ich habe mich auch mal in meinem Freundeskreis umgehört, da hat noch niemand davon gehört. Bei Twitter gibt es ein paar Kommentare, aber das war es auch schon. Die Bevölkerung hier ist mit anderen Dingen beschäftigt: Die Regierung fällt gerade auseinander, und es sind Neuwahlen angekündigt.

Und wie berichten die Medien in Israel über das Thema?

Sehr sachlich, es werden die Tatsachen geschildert, und auch das Bild an sich ist gezeigt worden. Aber es gibt keine Debatte. Das Thema wird nicht kommentiert, wobei eine Zeitung Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Aussage lobend erwähnt hat, dass das Existenzrecht Israels nicht infrage gestellt werden darf. Auf Twitter äußerte sich die Beauftragte für Antisemitismusbekämpfung der World Zionist Organization, indem sie verdeutlicht hat, wo die Grenze verläuft zwischen Kunstfreiheit und Antisemitismus.

Überrascht Sie, dass dieser Antisemitismus-Eklat kaum Thema ist in Israel?

Nein, es ist oft so, dass die Menschen in Deutschland denken, ein Fall von Antisemitismus in Deutschland würde große Wellen in Israel schlagen. Aber die Menschen hier wühlt das nicht auf. Die Erwartung hier ist vielmehr, dass es eben Antisemitismus in Deutschland gibt. Davon ab: Von der documenta haben hier auch noch nicht so viele etwas gehört.

Haben sich denn Politiker geäußert?

Der israelische Botschafter in Deutschland hat sich ja zu Wort gemeldet, aber hier in Israel sind die Politiker mit anderen Themen beschäftigt. Sie blicken alle schon auf die Neuwahlen, dreschen verbal aufeinander ein und schauen, womit sie punkten können. Das Thema Sicherheit zum Beispiel ist hier ein großes.

Die documenta wird erstmals von einem Künstlerkollektiv aus dem globalen Süden kuratiert. Einige Künstler sympathisieren mit der Israel-Boykott-Bewegung BDS. Ist das in irgendeiner Form registriert worden?

Meldungen darüber gab es, aber mehr nicht. Man muss dazu wissen: Die israelische Künstlerszene ist überwiegend links und gegenüber BDS entspannter eingestellt, als es in Deutschland üblich ist. Viele Künstler hier sind eh kritisch gegenüber der Regierung, und manche sympathisieren sogar mit BDS. Das trägt insgesamt dazu bei, dass es darüber keine Debatte gibt oder sie zumindest nicht so aufgeregt verläuft. (Florian Hagemann)

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