Faktencheck zum zweiten d14-Standort: Welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet?

Ab Montag nur noch Kassel: documenta 14 bricht ihre Zelte in Athen ab

Kassel. Am  Sonntag ist der letzte Ausstellungstag, dann ist die documenta 14 in Athen beendet.

Auch wenn am Sonntag die documenta 14 in Athen endet, wird der Künstler Daniel Knorr weiterhin Rauch aus dem Zwehrenturm steigen lassen.

Die documenta-Pressestelle hat bestätigt, dass die Rauch-Installation bis zum Ende der d 14 in Kassel qualmen soll. Also kann die Feuerwehr noch nicht aufatmen. 829 Notrufe sind nämlich seit Beginn der Ausstellung in Athen am 8. April in Kassel eingegangen.

Die Zahl der in Kassel abgesetzten Notrufe ist bislang die konkreteste, die zur documenta in Athen vorliegt. Wie viele Menschen dort die d 14 tatsächlich besucht haben, steht noch nicht fest, sagt documenta14-Sprecherin Maxie Fischer. Man könne nur sagen, dass in Athen bis zu diesem Wochenende 321.000 Besuche an den verschiedenen Ausstellungsorten gezählt wurden. Laut einer Analyse der Universitäten Kassel und Athen sind 47 Prozent der Besucher Griechen und 25 Prozent Deutsche gewesen. Der Rest sei aus 57 Ländern der Welt gekommen.

Was die d 14 in Athen gekostet hat, darüber gibt es ebenfalls keine Angaben. Laut documenta-Aufsichtsrat ist es „unrealistisch“, die Kosten für Aktivitäten in Athen getrennt von Kassel aufzuschlüsseln.

Ob der Standort Athen Kassel geschadet hat, darüber gibt es bis heute unterschiedliche Auffassungen. „Mit der Verdoppelung der documenta-Perspektive durch die zwei Standorte Athen und Kassel hat sich das Interesse an der Ausstellung in diesem Jahr vervielfacht“, sagt Petra Bohnenkamp, Sprecherin der Stadt.

Die Kasseler CDU-Fraktion hält indes an ihrer Kritik fest. „Das Motto ,Von Athen lernen’ hat sich als Leerformel erwiesen“, sagt der Fraktionsvorsitzende Dr. Michael von Rüden. Es sei nichts „Originelles“ von Athen nach Kassel transferiert worden. Immerhin werden jetzt noch weitere Kunstwerke, wie das Marmorzelt, von Athen nach Kassel gebracht.

Ob sich seine Erwartungen für Athen erfüllt haben, diese Frage hat uns Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d 14, nicht beantwortet. 

documenta in Athen geht zu Ende - was hat sich bewahrheitet - was nicht?

Die Nachricht hatte Kassel gespalten: Als im Herbst 2014 bekannt wurde, dass die documenta 14 nicht allein in Kassel, sondern gleichberechtigt auch in Athen stattfinden sollte, stieß das auf Kritik und Zustimmung zugleich. Was ist aus den Vermutungen von einst geworden? Ein Faktencheck.

1. Athen stiehlt Kassel die Schau. 

Diese Befürchtung ist sicherlich nicht eingetreten. Die documenta in Kassel hat trotz des früheren Starts in Athen eine immense Aufmerksamkeit erhalten, die mitunter noch anhält. Die überregionalen Medien berichteten ausführlich – und vor allem positiv über Kassel und die Entwicklung der Stadt. Zur Eröffnung der Weltkunstausstellung in Kassel kam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der oberste Repräsentant des Landes – und mit ihm der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos. Alle Augen waren auf Kassel gerichtet – mehr geht nicht.

2. Kassel wird weniger Besucher haben. 

Zwar liegen für Kassel bisher keine offiziellen Zahlen vor, auf einen Besucherrückgang deutet gleichwohl nichts hin, im Gegenteil: Nach zehn Tagen war bereits die 10 000. Dauereintrittskarte verkauft. Diese Marge war bei der d13 vor fünf Jahren erst kurz vor der Halbzeit erreicht. Das heißt: Zumindest das Interesse der Einheimischen an der Kunst vor Ort scheint größer denn je.

3. Kassel soll von Athen lernen. 

Nun ja. CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Michael von Rüden drückt es so aus: Dass man von Athen nach wie vor lerne, liege daran, dass die Antike die Wiege unserer abendländischen Kultur ist. Das d 14-Motto „Von Athen lernen“ hat sich seiner Ansicht nach als Leerformel erwiesen. Selbst der Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz sei nichts Neues. Immerhin durfte sich der Nordhesse auf dem Friedrichsplatz aber ein bisschen so fühlen, als sei er in Athen. Ansonsten etwas von Athen gelernt? Nicht wirklich, sagen wir beim Teller Gyros.

4. Kassel bleibt auf den Kosten sitzen. 

Was die Ausstellung in Athen die Stadt Kassel letztlich gekostet hat, wird man wohl niemals erfahren. Im Jahr 2014 hieß es noch, dass der documenta-Standort in Athen ein Budget von 3,5 Mio. Euro benötige. Hiervon seien im Ausgabenvolumen der documenta, das von Stadt, Land, Bund und den Einnahmen finanziert wird, 300 000 Euro eingeplant. Der Rest von 3,2 Mio. Euro müsse durch Sponsorengeld und Fördermittel finanziert werden. Von dieser Athen-Finanzierung war in diesem Jahr keine Rede mehr. Laut Aufsichtsrat kostet das Gesamtkunstwerk documenta 37 Mio. Euro, eine separate Kosten-Aufstellung für Athen sei bei so einer komplexen Unternehmung „unrealistisch“.

5. Das war der erste Schritt, mit dem sich die documenta aus Kassel verabschiedet. 

Das ist unwahrscheinlich. Eher wird nun die Diskussion aufkommen, ob nicht festgeschrieben werden soll, dass Kassel zumindest stets Hauptstandort sein wird. Künftige Künstlerische Leiter müssten sich daran einfach halten. CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Michael von Rüden spricht sich bereits gegen Doppelstandorte aus. „Wir fordern, dass die documenta nur in Kassel stattfindet.“

6. Die Ausstellung in Kassel profitiert von einem internationalen Zweitstandort. 

Das sieht man bei der Stadtverwaltung so. Für Kassel sei es ein besonders erfreulicher Aspekt, dass die documenta 14 durch die beiden Standorte den Anlass für eine Projekt-Partnerschaft zwischen Kassel und Athen gegeben habe. In einem Zeitraum von über zwei Jahren habe sich unter der Leitung von Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Athens Bürgermeister Yiorgos Kaminis eine von gegenseitigem Respekt getragene Kooperation entwickelt, sagt Petra Bohnenkamp, Sprecherin der Stadt. Wer allerdings die hübsch formulierte Pressemitteilung durchgeht, kommt zu dem Ergebnis: Viel Konkretes scheint sich nicht ergeben zu haben. Es bleiben: eine Menge warme Worte. Immerhin kommen nach den Reitern nun noch ein paar Kunstwerke von Athen nach Kassel.

7. Wer reist denn schon von Kassel nach Athen? 

Einige. Von Ende März bis Ende Juni gab es pro Woche je zwei Flüge der Gesellschaft Aegean Airlines von Calden nach Athen. Der Flughafen bezifferte die Auslastung der Verbindung auf 70 Prozent.

8. Mit dem Ende der documenta 14 in Athen schwindet der Rauch in Kassel. 

Pustekuchen. Die überraschende Nachricht gab es am Freitag: Der Zwehrenturm wird weiter rauchen, obwohl er bisher nur rauchte, wenn in Athen die Ausstellungsorte geöffnet sind. Athen wird also nicht einfach ausgeblasen in Kassel.

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