documenta 14 in Kassel: Erste Eindrücke von den wichtigsten Standorten

Kassel. Heute öffnet die documenta 14 in Kassel ihre Türen für Besucher. Wir haben die wichtigsten Standorte besucht und stellen große Themen und Künstler vor, die uns besonders aufgefallen sind.

documenta-Halle

Hier wechseln sich große künstlerische Gesten mit kleinteiliger Archivarbeit ab

Das Zentrum der documenta-Halle ist eine klingende Havarie. Von der Decke baumeln zwei Teile von geborstenen Booten, zwei hölzerne und glasfaserne Zeugen vom Ende einer Flucht vor der griechischen Insel Lesbos.

Der mexikanische Künstler und Komponist Guillermo Galindo hat aus diesen Migrationstrümmern Instrumente gebaut und ihnen – nicht unbedingt subtil – eine Stimme gegeben. Im Bootsrumpf sind nun Saiten gespannt, am Bug baumelt ein Windspiel.

Der größte Raum der documenta-Halle ist gleichzeitig der Raum der größten künstlerischen Gesten. Neben Galindos monumentalen Skulpturen stürzen wie in Athen rote Wollstränge von Cecilia Vicuña von der Decke und unter den Dachfenstern scheint die in verschiedenen Schattierungen indigoblau gefärbte Wäsche von Abubakar Fofana im Sonnenlicht zu trocknen.

Trümmer als Instrumente: Der Künstler und Komponist Guillermo Galindo hat für seine Installation „Fluchtzieleuropahavarieschallkörper“ Instrumente aus Schiffswracks gebaut, die er auf der Insel Lesbos gefunden hat.

Dieser Raum, der durch eine 23 Meter lange Stickerei von Britta Marakatt-Labba und eine Malerei-Discokugel-Soundinstallation von El Hadji Sy vervollständigt wird, huldigt handwerklichen und künstlerischen Praktiken in einem opulenten und für die documenta 14 schon überraschend sinnlichen Ensemble. Die documenta-Halle präsentiert sich einerseits als Standort der Farbe. Neben den bunten Textilien inklusive gesundgrüner Indigo-Pflanzen gehören auch die sich auflösenden Farbraster des Malers Stanley Whitney und die neblig bedrückenden Gemälde von Miriam Cahn zu den einprägsamsten visuellen Eindrücken.

Auf der anderen Seite blickt der Standort auf experimentelle Musik und die Geschichte der Performance. Diese Würdigung von wegweisenden Happenings ist zu einem großen Teil in Vitrinen eingefroren. Dort türmen sich Partituren, Fotografien und Schriftstücke, im Eingangsbereich erinnert eine Treppenbühne an Anna Halprins „Dance Deck“ aus den 60er-Jahren.

Diese kleinteilige Archivarbeit fordert von den Betrachtenden viel Geduld und Lesewillen und zumindest einen Hauch von Vorwissen, um die Artefakte einordnen zu können.

Die allgegenwärtige Nostalgie der d14 fühlt sich bei den Medien Musik und Performance besonders unbefriedigend an. Die Objekte und Schriftstücke sprechen von einer Relevanz des Vergangenen, die sich in der Art der Präsentation kaum nachvollziehen lässt. Die Exponate scheinen zu sagen: Hier ist etwas Großes passiert, aber ihr wart nicht dabei.

Von Saskia Trebing

Neue Galerie und Palais Bellevue

Geschichte und Gegenwart

Die documenta 14 bezeichnet die Neue Galerie als „Erinnerungsort“, als den „Hauptsitz ihres Geschichtsbewusstseins“. Das bezieht sich auf die Geschichte der documenta, aber auch auf andere Aspekte der politischen und Kunstgeschichte.

Betritt man die Neue Galerie und passiert Otobong Nkangas Projekt „Carved to Flow“, zur Unterstützung kleiner Hersteller von Seife (die zu erstehen ist), signalisiert die filigrane Skulptur „Russische Bettlerin“ (1907) von Ernst Barlach, dass hier weit zurückgeblickt wird. Im Kern geht es darum, nicht nur die Gegenwart, sondern auch historische Ereignisse in Kunst und Politik neu zu bewerten. So stehen Ölbilder von Arnold Bode aus den 50er-Jahren im Kontrast zu bunten Plakaten aus jener Zeit, die den Marshallplan zum Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands preisen.

Zentral ist eine über mehrere Räume sich erstreckende Arbeit von Maria Eichhorn und ihrem Rose Valland Institut über unrechtmäßige Besitzverhältnisse (2017), deren zentrale Repräsentation ein Regal mit unrechtmäßig aus jüdischem Besitz erworbenen Büchern ist – Gegenstück zum Parthenon auf dem Friedrichsplatz.

Maria Eichhorn: Installation mit unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbenen Büchern in der Neuen Galerie.

Eichhorns Arbeit setzt sich bis in die Loggia der Neuen Galerie mit ihrer Fensterfront zur Karlsaue fort und teilt sich diese mit einer eindrucksvollen Installation der Senegalesin Pélagie Gbaguidi mit hängenden Bildern, Schulbänken und Accessoires, ein Bildungsprojekt zum Thema Dekolonisation, das auch in Athen gezeigt wird.

Ursprünglich wollte documenta-Leiter Adam Szymczyk in der Neuen Galerie die 2012 aufgetauchte Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt zeigen. Dieser Plan zerschlug sich, doch mit Akropolis-Gemälden von Louis Gurlitt (1812-1897) und Papierarbeiten von Cornelia Gurlitt (1890-1919) sowie weiterem Material ist das Thema dennoch präsent.

Insgesamt macht die Dichte und Vielfalt der Arbeiten von mehr als 80 Künstlern bzw. Projekten die Neue Galerie zu einem Kristallisationspunkt der documenta 14.

Das Verhältnis von Natur und Kultur behandeln zahlreiche Arbeiten im benachbarten Palais Bellevue. Am umfänglichsten ist die mit Naturmaterialien und Video arbeitende Installation „Zaun“ von Olaf Holzapfel, traumhaft schön die Zeichnungen „Jahreszyklus des überfluteten Regenwalds“ samt Installation des Kolumbianers Abel Rodriguez.

Von Werner Fritsch

Kulturbahnhof und Museen 

Hier sind die Satelliten der großen Ausstellungsorte

Es geht hoch hinauf und in den Untergrund bei der documenta 14:

Kulturbahnhof: Durch einen Container auf dem Vorplatz des Kasseler Hauptbahnhofs geht es hinunter in den Untergrund – in einen stillgelegten Tunnel. Alte Gleise und Werbeplakate, aufgeschütteter Kies. In dieses Szenario wurden Bildschirme für Video-Installationen gestellt. Unter anderem eine 20-minütige Präsentation mit Bildern von Donald Trump, Musikern, Landschaften. Dazu Texte über Sklaven sowie harte Pornoszenen. Und: Nikhil Chopra ist unterwegs von Athen nach Nordhessen. Er will Eindrücke seiner Reise zeigen.

Selbstporträt: Autorin Tom Seidmann-Freud.

Grimmwelt: In der Grimmwelt geht es auch ohne documenta um Märchen und Sprachforschung. Die d14 greift das auf. Roee Rosens ergänzt den Text des Shakespeare-Dramas „Der Kaufmann von Venedig“ mit Bildern und Texten aus der Sicht des Schurken. Susann Hillers Hör-Film „Lost and Found“ beschäftigt sich mit ausgestorbenen, gefährdeten und wiederbelebten Sprachen. Bewegend die Geschichte über Tom Seidmann-Freud, die Nichte von Sigmund Freud wurde als Martha-Gertrud Freud geboren.

Stadtmuseum: Eine der provokativsten Arbeiten der d14 ist im Stadtmuseum zu erleben: Regina José Galindo inszeniert eine Scheinhinrichtung. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit Athen.

Museum für Sepulkralkultur: Hart zur Sache geht es im Film „Lovebomb“ von Terre Thaemlitz. Was trotz des krisseligen Bildes zu sehen ist, entwickelt sich zu einem brutalen, sexuellen Übergriff auf eine Frau. Um Natur, Urvölker, Grenzen, Ab- und Ausgrenzung, Umweltverschmutzung, Gewalt und Widerstand geht es bei vielen anderen Künstlern – auch im Naturkundemuseum, der Torwache, im Hessischen Landesmuseum (hier führt der Weg bis hoch in den Turm – mit toller Aussicht).

Von Maja Yüce

documenta-Rundgang in der Nordstadt

Es geht um Minderheiten, Migration, Gewalt und Produktion

Den Ungehörten zuhören – sprechen lassen, wer an den Rand gedrängt, vergessen oder unterdrückt wird: Diese Intention der documenta 14 wird in der Nordstadt deutlich. Sie ergibt eine faszinierende Vielstimmigkeit.

Das breite Spektrum reicht vom ersten Aborigines-Künstler auf einer documenta, dem Australier Gordon Hookey, der in der riesigen Halle der Hauptpost in üppigen, farbenfrohen Malereien seine Version der Geschichte seines Heimatlandes Queensland erzählt, bis zur Sámi-Künstlerin Máret Ánne Sara. Ihr Bruder ist Rentierzüchter und kämpft gegen die vom norwegischen Staat vorgeschriebene Tötung der Tiere.

In der Hauptpost, die nun Neue Neue Galerie heißt: Riesige Malereien auf Wand und Leinwand des australischen Aborigines-Künstlers Gordon Hookey. Er gehört dem Waanyi-Volk an.

Die Künstlerin stellt das Rentierhaltungsgesetz aus, um die Verrechtlichung einer jahrtausendealten Tradition anschaulich zu machen, und zeigt Arbeiten aus Schädeln und der Knochenasche von Rentieren.

Mitunter ist diese Vielstimmigkeit ganz nah. Der palästinensische Fotograf Ahlam Shibli hat in Nordhessen fotografiert, beim FC Bosporus und dem türkischen Rentnerverein, der kroatischen katholischen Gemeinde in Kassel, aber auch Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten, die sich in Trutzhain (Schwalm-Eder-Kreis) ansiedelten. Auch ihre Stimmen wurden lange nicht gehört.

Von der Sklaverei im antiken Griechenland handelt Angela Melitopoulos’ Mehrkanal-Videoinstallation im Gießhaus der Universität, das einst Produktionsstätte war. Bilder archäologischer Stätten verknüpft sie mit Aufnahmen aus heutigen griechischen Minen und Flüchtlingslagern. Migranten und Opfer von Gewalt kommen vielerorts, auch buchstäblich, zu Wort, eindrucksvoll etwa in der Bäckerei in einem der Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße.

Das ist ein weiterer roter Faden: Herstellung, Konsum, Distribution von Waren. Symbolisch wie bei den Eisenbarren von Dan Peterman und ganz konkret wie bei Otobong Nkangas Seife. Und in der Hauptpost, die die d14 „Neue Neue Galerie“ benannt hat – ehemals selbst ein Verteilzentrum – verkauft Irena Haiduk, solange der Vorrat reicht, Schuhe ihrer Marke Jugoexport. In den 60ern mussten alle im öffentlichen Sektor Jugoslawiens angestellten Frauen das Modell tragen, mit dem Krieg wurde 1991 die Produktion in Vukovar eingestellt. Die Künstlerin hat sie 2011 reaktiviert.

Vorhang aus Rentierschädeln: Werk „Pile o’ Sápmi“ der Norwegerin Máret Ánne Sara.

Nicht alles ist beim ersten Rundgang sofort zugänglich, manches schreckt sogar ab, wie die Filminstallation von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor über einen japanischen Kannibalen. Aber die meisten Arbeiten, etwa Daniel García Andujars komplexe Installation zu Rüstung und Krieg mit vielen Bezügen zu Kassel, machen neugierig, sich intensiver damit zu befassen und sie sich nach und nach zu erschließen.

Von Mark-Christian von Busse

Fridericianum

Überall Retro-Flair

Eine großzügige Geste – aber trägt sie auch künstlerisch? Erfüllt sie den documenta-Goldstandard, relevant, aktuell und qualitativ top zu sein? Die documenta 14 gibt das Herzstück der Ausstellung kuratorisch in fremde Hände: Das Fridericianum wird mit Werken des griechischen Museums für zeitgenössische Kunst, EMST, bespielt. Und das bedeutet zunächst: Augenfutter. Die Räume sind optisch ansprechend und mit einer überzeugenden Dramaturgie gestaltet. Viele Installationen, Gemälde, Zeichnungen sind zu sehen, einige Wow-Effekte inklusive.

Stilistisch und teils auch inhaltlich muss man sich allerdings erst einlassen auf die allgegenwärtige Nostalgie und das überbordende Retro-Flair. Viele der gezeigten Arbeiten können nicht verbergen, dass sie Jahre auf dem Buckel haben, aus einer anderen Welt stammen. Sprechen sie zu uns heutigen Betrachtern noch? Zum Teil ja. Zum Teil nicht.

Bei den zahlreichen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Unterdrückung und Willkürherrschaft, die etwa im Kontext der griechischen Militärdiktatur entstanden sind, wird sich während der Schau herausstellen müssen, ob die angestrebte Verallgemeinerbarkeit tatsächlich funktioniert und trägt.

Von Bettina Fraschke

Alle Artikel zur documenta finden Sie in unserem Themen-Spezial.

Hier finden Sie die documenta in Kassel

Rubriklistenbild: © Koch

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