Judenvernichtung relativiert

documenta 14: Heftige Kritik an Auschwitz-Aktion - Kurator verteidigt Performance

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In Auschwitz starben zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen. Eine documenta-Performance mit dem Titel "Auschwitz on the Beach" sorgt in Kassel für Diskussionen.

Kassel. „Auschwitz auf dem Strand“ ist der Titel einer documenta-Kunstaktion, die für Empörung sorgt. Warum das so ist.

„Die documenta 14 lädt damit zu einer Performance ein, die bereits mit ihrer Ankündigung die nationalsozialistische Judenvernichtung relativiert“, sagt Martin Sehmisch. Er leitet die Informationsstelle Antisemitismus Kassel, die den documenta-Beitrag „Auschwitz on the Beach“ öffentlich gemacht hat.

Die Künstler behaupten, die Europäer errichteten Konzentrationslager am Mittelmeer und würden die Türkei, Libyen und Ägypten dafür bezahlen, „die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen.“

Damit werde die europäische Migrationspolitik mit Vokabeln belegt, „die aus dem Kontext des nationalsozialistischen Massenmords an den europäischen Juden stammen“, erklärt Sehmisch. „Ich weiß nicht, ob das strafbar ist“, sagt Sehmisch. Der Text sei auf jeden Fall europafeindlich, linksradikal und obszön in der Sprache. Es stelle sich die Frage, wie mit dem Thema Judenverfolgung umgegangen werde. Das sei wichtig für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. „Wir können das nicht verbieten“, sagt Sehmisch, „aber wir hoffen auf ein Einsehen der documenta, dass dies keine gute Idee ist.“ 

Die Ankündigung der Performance sei „eine politisch-moralische Bankrotterklärung der Verantwortlichen.“ Geplant ist die Aktion der Künstler Franco „Bifo“ Berardi, Fabio Stefano Berardi und Dim Sampaio vom 24. bis 26. August im Fridericianum. Berardi erklärte gestern Abend gegenüber der HNA, er habe lange gezögert, diese Worte in der Ankündigung zu schreiben. Er müsse aber sagen, was mit Blick auf das Flüchtlingselend am Mittelmeer zu sehen sei: „Das Unmenschliche ist zurück.“

Kurator und Künstler verteidigen Aktion:

Der Kurator der Öffentlichen Programme der documenta 14, Paul B. Preciado, und Künstler Franco „Bifo“ Berardi haben die in wenigen Tagen geplante Performance „Auschwitz on the beach“ verteidigt.

„Eine der Funktionen der öffentlichen Programme einer Ausstellung wie der documenta 14 ist es genau, kritische Debatten, die sonst nicht geführt werden, zu fördern“, erklärt Preciado. Man gebe dabei den kritischen Denkern, die zu den öffentlichen Programmen eingeladen würden, „so viel künstlerische Freiheit, wie wir sie den Künstlern der Ausstellung gegeben haben.“

Franco „Bifo“ Berardi

„Ich denke nicht, dass Franco Berardi eine direkte Analogie zwischen den Konzentrationslagern und Lagern für Geflüchtete herstellt“, sagt der Kurator. „Er nutzt das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken.“ Berardi nutze die Sprache, besonders diesen Namen, so wie ein Maler Farbe oder ein visueller Künstler ein Portrait nutzen würde, „als historisches Dokument, eingefügt in ein Stück Poesie.“

Die geplante Performance widme sich der Vernichtung zahlloser Migranten aus Afrika, Syrien, Irak und Afghanistan. Migranten, die versuchten, Elend und Krieg zu entkommen und abgelehnt würden, ertrinken, inhaftiert, misshandelt würden in den Camps, die sich über den Mittelmeerraum verteilen, erklärt Franco Berardi zu seinem Werk.

Paul B. Preciado

„Ich habe lange gezögert, diese Worte zu schreiben, denn ich bin mir darüber bewusst, dass der Name von Auschwitz nicht sinnlos vergeudet werden darf“, sagt der Autor und Medienaktivist. Auschwitz sei der Name dessen, „was gänzlich unmenschlich und inakzeptabel in der Geschichte der Menschheit ist. Am Ende entschied ich, dass wir sagen müssen, was wir sehen: Das Unmenschliche ist zurück.“

Die Botschaft der Performance sei nicht leichtfertig, sondern tragisch: „Das ist zurück, auf der Bühne der Geschichte unserer Zeit.“

Es gehe ihm nicht darum, Auschwitz mit den Camps der Geflüchteten in ganz Europa und weltweit zu vergleichen. „Es geht darum, dass Unmenschlichkeit und Rassismus zurück sind und eine zentrale Rolle im sich ausbreitenden Krieg spielen.“

Die Mechanismen und Bedingungen unserer Welt heute würden Ähnlichkeiten aufweisen „zu den Zeiten des Horrors, den wir bereits einmal gesehen haben, ähnlich 1933.“ „Ich schäme mich“, sagt Berardi, „weil wir nicht dazu fähig sind, das Biest der Vergangenheit daran zu hindern, wieder zu entstehen.“

Der documenta-Text zu „Auschwitz on the Beach“ im Wortlaut:

Wir dokumentieren hier den offiziellen Begleittext der documenta 14 im Wortlaut:

"Der Archipel der Schande und Niedertracht breitet sich überall im Mittelmeer aus.

Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.

Die Nichtregierungsorganisationen, die sich schuldig gemacht haben, Menschen aus dem Meer zu retten, werden in Schach gehalten, kleingeredet, kriminalisiert und unterdrückt.

Die Externalisierung der europäischen Grenzen bedeutet Ausrottung.

Das Wort Ausrottung beschreibt trefflich die Stimmung und das Verhalten der Mehrheit der europäischen Bevölkerung und der politischen Aktionen der europäischen Regierungen.

Seit 1991 als ein Schiff mit 26.000 Albanern an Bord im Hafen von Brindisi anlegte wissen wir, dass die große Migration sich in Bewegung gesetzt hat.

Anstatt unserer historischen Verantwortung gerecht zu werden, weisen wir Menschen, die vor Elend und Kriegen flüchten, und versuchen, die Ketten unserer Kolonialisierung zu sprengen, ab. Wir haben das Überqueren des Meeres von Nordafrika zu den Küsten Südeuropas gefährlich gemacht. Indem wir Migration illegalisierten, haben wir die Migrant_innen, die um unsere Hilfe bitten, in die Hände von kriminellen Schleppern getrieben.

Jeden Tag ertränken wir unzählige Kinder, Frauen und Männer."

Die Performance basiert auf einem Gedicht von Franco "Bifo" Berardi und ist am 24. und 26. August in englischer Sprache und am 25. August in italienischer Sprache jeweils von 20 bis 21 Uhr im Fridericianum geplant.

Informationsstelle in Kassel dokumentiert Antisemitismus:

Judenfeindlichkeit zu dokumentieren ist eine der Aufgaben der Informationsstelle Antisemitismus Kassel. Sie wurde 2016 vom Sara-Nussbaum-Zentrum, der Jüdischen Gemeinde Kassel und der Jüdischen Liberalen Gemeinde Emet we Schalom (Wahrheit und Frieden) Region Kassel gegründet, klärt über aktuelle Formen von Judenhass auf, macht die vom Antisemitismus ausgehende Bedrohung sichtbar und will die Zivilgesellschaft aktivieren. Bei den Vorfällen geht es um physische Angriffe, verletzende Texte oder Äußerungen und Sachbeschädigungen.

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