Marmor für die Hilflosen

d14 in Athen: Kunstwerke zu Flucht und Migration stellen Bezüge nach Kassel her

Erinnert an Menschen in Not: Marmorzelt von Rebecca Belmore auf dem Philopappos-Hügel mit Blick auf die Akropolis. Fotos: von Busse

Athen. Flucht und Migration sind zentrale Themen der documenta 14. Sie bilden einen roten Faden der Ausstellung, der an vielen Standorten aufgegriffen und fortgeführt wird.

Ein eindrucksvolles Werk hat Rebecca Belmore, eine 57 Jahre alte Kanadierin indigener Herkunft, an einem spektakulären Ort geschaffen: Sie hat ein Zelt, wie es vielen Flüchtlingen Schutz bietet, auf dem Philopappos-Hügel aufgeschlagen – aus Marmor, gegenüber der Akropolis mit deren gewaltigen marmornen Relikten der Antike. Belmore erinnert daran, dass die Geschichtsschreibung die Perspektive von oben, die Sichtweise der Herrschenden, überliefert. 

Die documenta 14 nimmt auch die Menschen in Not und Verzweiflung in den Blick. Und baut ihnen einen Unterschlupf aus Marmor, in den sich jetzt documenta-Besucher für ein Selfie kauern.

Ein Zelt hat auch Mounira Al Solh aus dem Libanon als Symbol gewählt. Es hängt, reich bestickt, im feinen Museum für islamische Kunst (Benaki-Museum) von der Decke. Im Inneren liegen Din-A-4-Zettel mit Flucht-Schilderungen. Einige grauenhaften Berichte hat die Künstlerin in Kasseler Flüchtlingsunterkünften gesammelt.

Flüchtlinge erzählen: Zelt von Mounira Al Solh im Museum für islamische Kunst.

Auch der Abfall, aus dem Guillermo Galindo merkwürdige Plastiken gebildet hat, stammt aus nordhessischen Flüchtlingsunterkünften, darunter eine Patchworkdecke und ein Globus, der kopfüber, falschrum, montiert ist. Der Mexikaner hat außerdem Markierungsflaggen, mit denen Hilfsorganisationen an der US-mexikanischen Grenze auf die Wasserversorgung für Flüchtlinge aufmerksam machen, mit Acrylfarben bemalt. Aus Kleidung, die in der Wüste gefunden wurde, hat er Papier geschöpft und dieses wiederum künstlerisch gestaltet.

Stammt aus Kassel: Patchwork von Guillermo Galindo im Konservatorium.
Im „Dschungel“ von Calais: Filmszene von Artur Zmijewski.

Der Pole Artur Zmijewski, von dem bei der d12 im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof eine Videoarbeit zu sehen war, hat unter Flüchtlingen gedreht, zum Beispiel im „Dschungel“ genannten illegalen Lager in Calais. Seine ton- und kommentarlosen Schwarz-Weiß-Filmaufnahmen, die später digitalisiert wurden, sind von vordergründig gnadenloser Distanz und zynischer Kälte. Sie erinnern an Bilder aus dem Warschauer Ghetto. Besonders perfide: Ein Mann markiert die Männer mit einem X auf dem Rücken, drückt ihnen Besen in die Hände, wie Juden in der Nazizeit zum Reinigen der Straßen mit Bürsten gezwungen wurden. Wie geht Europa mit Flüchtlingen um? Zmijewskis Provokation bleibt haften, wenn alle anderen documenta-Eindrücke verschwommen sind.

Mehr zur documenta 14 gibt es auch bei Kassel Live

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