850.000 Menschen kamen zur Ausstellung

documenta geht ohne Party zu Ende - Angestrebte Besucherzahl nicht erreicht

Kehraus im Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz: Der Tempel steht bald nur noch als Baugerüst-Gerippe. Unser Foto zeigt die Schlange der Menschen, die sichauch gestern ein Buch abholen wollten.

Kassel. Die documenta 14 in Kassel geht an diesem Sonntag mit tristen Nachrichten zu Ende. Mitarbeiter sind wegen der Finanzkrise der Kunstschau und der einhergehenden Negativschlagzeilen betrübt.

Eine große Abschlussparty am Sonntag wird es nicht geben. Und schon jetzt ist klar, dass die angestrebte Besuchermarke von einer Million längst nicht erreicht wird.

In einer Stellungnahme des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk ist von 850.000 Menschen die Rede, die bisher als zahlende Besucher zur d14 in Kassel gekommen seien.

Neben dem Finanzdebakel gibt es weitere schlechte Nachrichten. Mitarbeiter der documenta wurden als Bargeld-Kuriere verpflichtet und mussten bei Flügen nach Griechenland jeweils mehrere Tausend Euro in bar mit nach Athen nehmen. 

Beschäftigte in Kassel berichteten zudem, sie seien kürzlich von Zollfahndern befragt worden. Es ging um Arbeitszeiten, Dauer der Tätigkeit sowie die Bezahlung. Zuständig ist die in Gießen ansässige Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Eine Stellungnahme der Behörde gab es am Freitag nicht. Der zuständige Mitarbeiter sei erst wieder am Montag zu erreichen. Auch bei der documenta haben wir nachgefragt. Die Reaktion: kein Kommentar.

Indes läuft die Aufarbeitung der d 14. Am kommenden Donnerstag tagt der documenta-Aufsichtsrat. Möglicherweise fällt dann schon eine personelle Entscheidung. Nach Informationen unserer Zeitung könnte Bernd Leifeld zumindest vorübergehend wieder die Geschäftsführung der gemeinnützigen documenta GmbH übernehmen und damit seine Nachfolgerin Annette Kulenkampff ablösen.

Die letzte Veranstaltung der documenta ist eine Hommage an Pavlos Fyssas, die am Sonntag um 18 Uhr im Fridericianum beginnt. Der griechische Musiker war im Jahr 2013 in Athen von einem Unterstützer der rechtsradikalen griechischen Partei Goldene Morgenröte ermordet worden. 

Fragen und Antworten zum Schluss der documenta

Wird der Abschluss nach 163 Tagen d 14 in Athen und Kassel überhaupt nicht gefeiert?

Es wird von Seiten der documenta zwar eine künstlerische Abschlussveranstaltung geben, aber keine Party. Von Seiten der Stadt ist bisher nichts geplant. Das traditionelle Abschlussfoto mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden und der documenta-Geschäftsführerin, die symbolisch das Fridericianum abschließen, wird es nach Informationen unserer Zeitung nicht geben.

Was passiert denn jetzt, nachdem sieben Millionen Euro oder womöglich noch mehr Geld fehlen?

Die documenta ist jetzt wieder zahlungsfähig. Die Stadt Kassel und das Land Hessen als Gesellschafter hatten vor wenigen Tagen sieben Millionen Euro per Bürgschaften nachgeschossen.

Ist der Fall damit denn nun endgültig erledigt?

Keineswegs. Die Gesellschafter wollen jetzt mit Hilfe von Wirtschaftsprüfern herausfinden, warum die Finanzen aus dem Ruder gelaufen sind. Das könnte für Geschäftsführerin Annette Kulenkampff nicht gut enden. Denn ihr Job war es eigentlich, dem künstlerischen Leiter und seinen Kuratoren beim Geldausgeben auf die Finger zu gucken und dafür zu sorgen, dass der Etat von insgesamt 37 Millionen Euro eingehalten wird.

Gibt es denn schon einen Verdacht, wo die zusätzlichen Millionen versickert sein könnten?

Das Geld ist ja nicht weg, es ist nur woanders. Die griechische Kuratorin Marina Fokidis hatte bereits im Juni dieses Jahres in einem Interview mit dem Deutschlandfunk darauf hingewiesen, dass viel Geld von Kassel nach Athen fließen würde.

Also wurde womöglich die Ausstellung in Athen zum Millionengrab?

Diesem Verdacht gehen jetzt die Wirtschaftsprüfer nach. Möglicherweise interessieren sich auch noch Staatsanwälte dafür. Nach Informationen der HNA wurden documenta-Mitarbeiter als Bargeld-Kuriere verpflichtet. Wer nach Athen flog, nahm gegen Unterschrift jeweils mehrere tausend Euro in bar mit und lieferte das Geld im Athener Büro wieder ab. „Da wurde jeder gefragt, sogar die Praktikanten“, berichtet eine Mitarbeiterin, die mit 3000 Euro nach Athen geflogen war.

Im August hatte Geschäftsführerin Annette Kulenkampff in einem Vortrag in der Elisabethkirche erklärt: „Jeder aus dem d14-Team, der sich traute, nahm Bargeld mit – bis zu 10 000 Euro.“ Das Bargeld werde für die Bezahlung von Rechnungen gebraucht, wurde den Geldkurieren erklärt.

Warum die Rechnungen nicht nach den Regeln guter Kaufmannschaft per üblicher Sepa-Überweisung bezahlt wurden, wäre noch zu klären.

Warum mussten denn die Mitarbeiter aus Kassel nach Athen fliegen?

Auch dieser Frage werden die Wirtschaftsprüfer nachgehen. Viele Beschäftigte waren per Flugzeug ständig zwischen Kassel und Athen unterwegs. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in dieser letzten documenta-Woche zehn (von insgesamt 30) Choristen aus Athen in Kassel sind und auch bis zum Schluss Spaziergänge anbieten. Zuletzt war das wegen der teuren Flüge aus Kostengründen nicht in Betracht gezogen worden.

Wie ist denn die Stimmung im Team nach dem Finanzdebakel zum Abschluss?

Unter Freunden und Mitarbeitern der documenta wird der Blues geschoben. Die Enttäuschung über die Schieflage der Kunstausstellung ist spürbar. Eine documenta-Mitarbeiterin fing am Telefon zu weinen an. Sie war vor Monaten mit Enthusiasmus in ihren Job für die d 14 gestartet. Jetzt müssten die Scherben zusammengekehrt werden.

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