Geschäftsführerin gab Interview

Kulenkampffs Gründe für das Defizit bei der documenta 14

Wird derzeit abgebaut: Der Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz. Foto: Schactschneider

Kassel. Zwei Wochen nach Ende bleibt die documenta 14 ein Thema. Der Grund: das Defizit von 5,4 Millionen Euro. Fragen und Antworten zum Interview in der FAZ.

Aktualisiert am 3.10.2017 um 17.08 Uhr - Nun hat sich mit Annette Kulenkampff die Geschäftsführerin der documenta gGmbH geäußert. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Montagausgabe) nimmt sie zu der Finanzsituation Stellung. 

Sie betont, dass nachvollziehbar wäre, wo jeder Cent geblieben sei. Wir arbeiten dies in Fragen und Antworten auf.

Welche Erklärung hat Annette Kulenkampff für das Defizit von 5,4 Millionen Euro?

Kulenkampff führt mehrere Gründe an: Die Kosten für das Sicherheitskonzept in Kassel hätten erst im Nachhinein verlässlich mit 400.000 Euro berechnet werden können. Zum Sicherheitskonzept sei noch Personal gekommen. Darüber hinaus spricht sie von erhöhten Energie- und Klimatisierungskosten in Athen, „die so nicht absehbar waren“. 

Schließlich führt Kulenkampff auch deutlich erhöhte Reisekosten an. Und – Zitat: „Hotelzimmer hier in Kassel wurden plötzlich auch deutlich teurer, als das bei vorangegangenen documenta-Ausstellungen der Fall war.“ Darüber hinaus nennt Kulenkampff erhöhte Transportkosten. Für den Abbau des Parthenons habe man 100.000 Euro eingerechnet.

Ist alles nachvollziehbar, was Kulenkampff sagt?

Kulenkampff spricht davon, dass am 12. Juni ein möglicher Fehlbetrag von zwei Millionen Euro bekannt war. Zu dem Zeitpunkt habe die d14 bei den Besucherzahlen 20 Prozent über der d13 gelegen. Die d14 war in Kassel aber erst zwei Tage zuvor, am 10. Juni, eröffnet worden. 

Noch zur Halbzeit in Kassel am 29. Juli habe die d14 etwa 17 Prozent mehr Besucher gehabt als die Vorgängerausstellung. „Wenn das so weitergegangen wäre, wären wir mit den Finanzen hingekommen“, erklärt Kulenkampff in der FAZ. Tatsächlich wären dann 1.059.000 statt 891.000 Besucher gezählt worden, ein Plus von 168.000. Dies hätte zu Mehreinnahmen von 2,52 Millionen Euro geführt – bei einem aktuellen Defizit von 5,4 Millionen. Man wäre also nicht „hingekommen“.

Äußerte sich in der FAZ: Annette Kulenkampff.

Kulenkampff nimmt auch Stellung zu Bargeldtransporten nach Athen. Wie rechtfertigt sie die?

Kulenkampff bestreitet die Bargeldtransporte nicht. Sie bezeichnet sie als legal und begründet sie mit den politisch schwierigen Zeiten in Athen. Auf die Frage, ob sie ausschließen könne, dass in Athen Schmiergelder gezahlt wurden, antwortete sie mit: Ja.

Ist Kulenkampff damit frei von jeder Verantwortung?

Nein, denn sie bleibt vor allem die Antwort schuldig, zu welchem Zeitpunkt das ganze Ausmaß der Finanzlücke absehbar wurde. Auch führt sie zwar einzelne Punkte an, die zu Kostensteigerungen geführt haben, sagt aber nicht, was sie getan hat, um diese zu begrenzen. 

Sie räumt aber ein: „Wir haben ein Budget überzogen aufgrund von Umständen, die wir vorher nicht kannten und die wir auch nicht hätten beeinflussen können. Das ist schlimm, das hätte nicht passieren sollen, und die Verantwortung dafür müssen wir tragen.“

Was ist brisant an Kulenkampffs Aussagen?

Bristant ist vor allem eine Aussage: dass die documenta den jeweiligen Aufsichtsratsvorsitzenden über die Finanzlage informiert habe. So sei Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle, der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende, am 19. Juli* über die Situation unterrichtet worden. Kulenkampff richtet somit den Fokus auch auf Geselle. 

Das tat indirekt auch Bertram Hilgen in der vergangenen Woche im Interview mit unserer Zeitung, indem er erwähnte, die Finanzverwaltung sei in die Angelegenheit involviert gewesen. Chef der Finanzverwaltung damals: Geselle. Brisant ist aber nicht nur die eine Aussage Kulenkampffs, sondern brisant ist auch die Tatsache, dass Kulenkampff überhaupt ein Interview gegeben hat. Sie spricht das Problem sogar offen an, indem sie im FAZ-Interview sagt: „Der Aufsichtsratsvorsitzende und sein Stellvertreter haben den Wunsch formuliert, dass sich die documenta nicht selbst äußert.“ Insofern setzt sie sich über den Wunsch hinweg.

Was lässt sich zwischen den Zeilen lesen?

Dass derzeit ein Schwarzer-Peter-Spiel läuft – und jeder versucht, dem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Eins darf bei allem nämlich nicht vergessen werden: Das Defizit von 5,4 Millionen Euro ist keine Fata Morgana.

Welche Rolle spielt der künstlerische Leiter Adam Szymczyk?

Kulenkampff bestätigt indirekt, dass Szymczyk den Eindruck erweckt hat, er würde zurücktreten, wenn er das Museum EMST in Athen nicht nutzen dürfe. Sie sagt: „Die Gefahr, dass jemand den Bettel hinschmeißt, ist immer da. Es ist immer ein Ringen. Das EMST war für Adam Szymczyk entscheidend und zwingend. Und die documenta 14 hätte ohne das EMST auch nicht funktioniert.“ Ob sie sich unter Druck gesetzt fühlte? „Man gerät immer mal unter Druck, wenn es heißt, jetzt müssen wir aber das realisieren, sonst funktioniert das große Ganze nicht.“

*Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes war die Rede vom 19. Juni. Dieses Datum hatte die FAZ in ihrer Printausgabe genannt. Online schreibt die Zeitung jedoch mittlerweile vom 19. Juli.

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