Staunen über schwarze Listen

Verboten, verbannt und verbrannt: Viele Diskussionen im Parthenon der Bücher

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In Jugoslawien 1937 verboten: Ein Micky-Maus Heft zeige, wie Verschwörer einen König stürzten.

Kassel. Hier kann man Stunden verbringen. Stöbern, staunen und über vermeintliche Gründe diskutieren. Im Parthenon der Bücher.

„Ich wusste gar nicht, dass Steinbeck verboten war“, sagte am Dienstagvormittag ein Mann, der im „Parthenon der Bücher“ auf dem Friedrichsplatz stand. „Wahrscheinlich war das in den USA“, merkte die Frau neben ihm an.

Sie hat recht: Das von Steinbeck im Jahr 1939 veröffentlichte Buch „The Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns”), das sich provokativ mit der Verschuldung der armen Bevölkerung während der „Großen Depression” in den USA auseinandersetzte, stieß auf viel Kritik. Viele Bibliotheken weigerten sich, das Buch zu verleihen, und es kam sogar zu Massenverbrennungen in den USA.

Hier kann man sehr viel Zeit verbringen: Mit der Frage, warum manche Bücher wohl verboten worden sind. Fotos:  Koch

In dem Kunstwerk der argentinische Künstlerin Marta Minujín hängen neben den vielen Werken, die zum Beispiel im Nationalsozialismus aus politischen und weltanschaulichen Gründen verboten worden waren, so einige Bücher, die nur aus einzelnen Bibliotheken verbannt wurden. Oft aus moralischen Gründen. So findet man dort auch den Sado-Maso-Bestseller „Fifty Shades of Grey“ der Autorin E.L. James. In Bibliotheken zweier US-Bundesstaaten landete der Roman auf der Liste der „verbotenen Bücher“.

Es ist eben so eine Sache mit der Moral: Moralapostel an einer englischen Schule haben sogar vor Jahren die wunderbaren Geschichten des Zauberlehrlings „Harry Potter“ auf den Index gesetzt: Damals hieß es, das Buch würde gegen die Bibel und die religiöse Moral verstoßen.

Apropos Religion: 2005 rief der Vatikan zum Boykott des Bestsellers „Sakrileg“ auf. Der Roman von Dan Brown sei „schändlich“, so die katholischen Kirchenvertreter.

Ursprünglich sollte der Parthenon mit 100.000 verbotenen Büchern verkleidet werden. Bislang sind nach Angaben von documenta-Sprecherin Maxie Fischer 50.000 Exemplare zusammengekommen, die von Verlagen und Privatpersonen zur Verfügung gestellt wurden. Damit wurden bereits rund drei Viertel des Bauwerks ausgestattet. Zwölf Säulen sind hingegen noch frei. Wie viele Bücher dafür noch erforderlich sind, könne man nur schwer abschätzen, sagt Fischer. Das hänge auch von der Art der Hängung ab.

Die Liste, welche Titel für den Parthenon in Frage kommen, hat unter anderem ein Team von Studierenden unter Leitung der Kasseler Germanistin Prof. Dr. Nikola Roßbach und des Gastprofessors Dr. Florian Gassner zusammengestellt: Eine Liste mit mehreren zehntausend Werken, die in verschiedenen Ländern oder Regionen und zu verschiedenen Zeiten verboten waren.

Bei Kindergruppen, die durch den Parthenon schreiten, fallen neben Harry Potter insbesondere zwei Titel auf: „Micky Maus“ (verboten 1937 in Jugoslawien) und „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Dieser Bestseller ist beispielsweise in Ungarn verboten, da die Kinder dort „mit beiden Füßen auf der Erde aufwachsen“ sollen, lautet die Begründung. Zudem sollen sie „vor dem Gift der Märchen“ geschützt werden.

Was soll man dazu sagen? Antworten findet man bestimmt in den verbotenen Büchern des Parthenons.

Bei Kassel Live stellen wir 100 Tage lang 100 der verbotenen Bücher vor. 

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