Interview mit der Künstlerin Marta Minujín

„Ich konnte ein Wunder erschaffen. Dieser Parthenon ist ein Wunder“

Königin des Parthenon: Marta Minujín brachte mit Sebastian Schröder das letzte Buch an.

Kassel. Sie ist wahrscheinlich die popstar-tauglichste Künstlerin der d14: Marta Minujín. Wir haben sie bei ihrem Bad in der Menge auf dem Friedrichsplatz (in spanisch-englisch-deutschem Sprachsalat) gesprochen.

Frau Minujín, als Sie auf der Hebebühne das letzte Buch am Parthenon angebracht haben, sahen Sie aus wie die Königin von Kassel. Fühlen Sie sich auch so?

Marta Minujín: Ich fühle mich wie die Königin des Parthenon. Ich konnte ein Wunder erschaffen. Dieser Parthenon ist ein Wunder.

Sie haben den Parthenon komplettiert, aber jetzt wird er gleich wieder abgebaut. Ist das ein fröhlicher oder trauriger Kassel-Besuch?

Minujín:Der Parthenon könnte ruhig noch ein oder zwei Jahre länger stehen bleiben, also ist es schon ein wenig traurig. Aber es ist einfach unglaublich, dass wir das Unmögliche geschafft haben. Das ist ein unmögliches Kunstwerk und ich bin glücklich, dass es existiert hat.

Video: Samstag war der Parthenon komplett

Für viele Kasseler ist der Parthenon das Wahrzeichen der documenta 14. Haben Sie viel Resonanz von den Menschen hier bekommen?

Minujín: Oh ja, die Leute lieben, lieben, lieben es. Und ich liebe, liebe, liebe Kassel und die Menschen hier. Liebe erzeugt Liebe. Allein hätte ich das Kunstwerk nie fertig stellen können. An diesem Platz wird nichts übrig bleiben, aber die Leute werden sich an den Parthenon erinnern. Er wird ewig in den Köpfen weiterleben.

Warum haben Sie als letztes Buch ein Werk von Tennessee Williams ausgewählt?

Minujín: Das Buch habe ich 1983 aus meinem Parthenon der Bücher in Buenos Aires mitgenommen und seitdem aufgehoben. Jetzt hing es hier und wird danach jemand anderem gehören. Diesmal will ich das Guantanamo Tagebuch von Mohamedou Ould Slahi mitnehmen, in dem Passagen geschwärzt sind. Das ist das eindringlichste Bild für Zensur. Und Mickey Maus. Ich liebe Mickey Maus.

Video: Sonntag begann der Abbau

Wird auch in Argentinien über den Kasseler Parthenon geredet?

Minujín: Natürlich. Dieser Parthenon hat viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als der in Argentinien, weil er in der Mitte Europas und damit mitten im Weltgeschehen steht. Außerdem haben ihn alle fotografiert. Durch das Internet wird er bekannter als der Parthenon in Athen.

Wenn die Bücher jetzt verteilt werden – glauben Sie, dass sie gelesen werden und nicht irgendwo im Keller oder im Altpapier landen?

Minujín:Ich bin sicher, dass die Leute sie lesen werden. Sie wollen wissen, warum sie verboten waren.

Heute liegt der Zugang zu Wissen vor allem im Internet, wo auch Zensur und politische Machtspiele stattfinden. Warum sind Ihnen Bücher als Symbol immer noch so wichtig?

Minujin: In der Literatur liegt die ganze Menschheit, und überall auf der Welt werden Bücher verboten, auch heute noch, wie gerade in Polen. Unsere Welt bricht auseinander und in allen Katastrophen und all der Gewalt ist der Parthenon der Bücher für mich das stärkste Symbol der Freiheit. In Kassel sehen wir auch, dass wir etwas verändern können. Hier, wo Bücher verbrannt wurden, schätzen wir sie nun und können sie lesen. Kunst kann uns beschützen. Die Welt wäre besser, wenn Künstler die Politik machen würden.

Zur Person

Marta Minujín (74), geboren in Buenos Aires, gehört zu den bekanntesten Künstlerinnen Argentiniens. Ihre Markenzeichen, weißblonder Bob und Pilotenbrille, sind so prägnant, dass es die Künstlerin sogar als Comic-Logo gibt. 1983 errichtete Minujín ihren ersten Büchertempel in Buenos Aires und bestückte ihn mit Schriften, die in der kurz vorher beendeten argentinischen Militärdiktatur verboten waren. Auch ihre Performance in Athen, sie bezahlte Angela Merkel symbolisch die Schulden Griechenlands in Oliven zurück, hat Vorläufer. 1985 zahlte sie Andy Warhol die Auslandsschulden Argentiniens in Maiskolben. In diesem Jahr wurde sie mit dem Velázquez-Preis des spanischen Kulturministeriums ausgezeichnet. Sie lebt in Buenos Aires.

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