Deutsche Gartenzäune und verschenkte Videos

Magier und böser Zauber: Tops und Flops der documenta 14

+
Schaurige Reihe: Die Schrumpfköpfe von Sergio Zevallos in der Neuen Galerie stellen Personen des öffentlichen Lebens an den Pranger. 

Kassel. Am Wochenende wird die documenta sechs Wochen alt, die 100-tägige Ausstellung nähert sich der Halbzeit. Weitere Höhepunkte und Enttäuschungen der Ausstellung haben sich mittlerweile herauskristallisiert. Eine Auswahl unserer Kulturredaktion über Tops und Flops.

In jeder Woche offenbart die fordernde und manchmal überfordernde documenta 14 neue Höhepunkte und Enttäuschungen an ihren zahlreichen Standorten. Die Kulturredaktion stellt eine persönliche – und sicher nicht vollständige – Auswahl von Kunstwerken und Beobachtungen vor, die zu Begeisterung oder Verärgerung geführt haben. Die Serie wird fortgesetzt. 

Top: Amar Kanwars Film ist überwältigend

Wer sagt, dass man Kunst gleich verstehen muss? Eine Mozartsonate will man sich ja auch nicht sofort erklären lassen. Es ist also egal, dass sich Amar Kanwars 85-minütiger Film „Such a Morning“ in der Neuen Galerie nicht einfach erschließt. Er handelt, ganz verkürzt, von einem Mathe-Professor, der lieber als Eremit in einem Eisenbahnwaggon lebt, und von einer Frau, deren Haus über ihr abgebrochen und eingerissen wird. Worauf es aber ankommt: Es sind überwältigende, perfekt komponierte Bilder. Faszinierendes Licht, ein Malen mit der Kamera. Sparsam eingesetzte, effektvolle Musik. Der indische Künstler Kanwar ist ein Magier.

Von Mark-Christian von Busse

Flop: Wandtexte - Alles wird eingeordnet

Viele documenta-Besucher klagen über fehlende Wandtexte in den Ausstellungsräumen. Doch auch wenn welche da sind, beschreiben sie oft mehr das allgemeine d14-Konzept als die Werke an sich.

Viel dreht sich vage und wortgewaltig um Gewalterfahrung, Kolonialismus und die Kunst als Ermächtigungsstrategie. Liest man die zuweilen stark wertenden Schilder in Kombination mit den Texten in den d14-Publikationen, kann man den Eindruck gewinnen, all diese Kunst sei nur entstanden, um das kuratorische Konzept zu stützen. Diese Rhetorik vereinheitlicht, was verschieden ist – und steckt sehenswerte Werke in eine zu enge Schublade.

Saskia Trebing

Top: Computer trifft Stoff

Wie ein Computer-Chip: Marilou Schultz’ Teppich.

Migration der Formen hieß das Schlagwort bei der d12. Bei Marilou Schultz in der Neuen Galerie toll zu besichtigen. Die Navajo-Künstlerin webte einen traditionellen Teppich – aber nach der Struktur eines Computer-Chips. Hier gibt es Bezüge zu den indigenen Frauen, die in den 70ern in einer Computer-Fabrik im US-Staat New Mexiko arbeiteten.

Bettina Fraschke

Flop: Der Lautstärkepegel

Womöglich entsteht der Lautstärkepegel der vielen „Spaziergänger“-Gruppen in den Ausstellungsräumen aus purer Begeisterung und Engagement fürs gemeinsame Diskutieren.

Jedenfalls ist zu merken, dass viele Choristen und ihre kleinen Scharen Debattenwilliger sich derartig in die Gespräche hineinsteigern, dass sie oft nicht mehr recht das Maß finden, wie laut man eigentlich sein sollte angesichts von zahlreichen Besuchern ringsum, die in ihrer eigenen documenta-Erfahrung stecken. Allenfalls müssten die die Lautstärke nutzen für ihr persönliches Konzept des d14-erwünschten „Ent-Lernens“.

Bettina Fraschke

Top: Tolles Symbol - Kassel raucht weiter

Kassel qualmt weiter. Ob der Künstler Daniel Knorr nun falsch verstanden wurde oder nicht: Auch nach der d14 in Athen schickt Kassel Rauchzeichen vom Zwehrenturm. „Warme Signale“ sollte der Rauch nach Athen senden - jetzt sendet Kassel eben warme Signale an alle. In einer Zeit, in der die menschliche Kälte zunimmt, ist das doch ein tolles Symbol.

Maja Yüce

Flop: Zevallos-Installation

Tritt man aus Amar Kanwars Film, steht man in der Neuen Galerie in der Installation „A War Machine“ von Sergio Zevallos. Mich berührt sie äußerst unangenehm. Der Peruaner schlägt vor, Verantwortliche des „militärisch-industriellen Komplexes“ in einem schamanischen Ritual der Amazonas-Indianer symbolisch zu Schrumpfköpfen zu verarbeiten. Rüstungsmanager und Politiker sind wie Fahndungsaufrufe aufgereiht. Die Steckbriefe spitzen komplizierte Sachverhalte nicht nur zu, personalisieren Strukturen, verkürzen politische Zusammenhänge. Für meine Begriffe sind die Schrumpfköpfe wie ein Gewaltaufruf zu lesen. Und was macht eigentlich Beate Zschäpe neben Ursula von der Leyen und Christine Lagarde? Darf man so alles in einen Topf werfen?

Mark-Christian von Busse

Top: Mut zur Maske

Die Inderin Gauri Gill war Fotojournalistin, bevor sie den möglichst objektiven Kamerablick gegen einen künstlerischen getauscht hat. In ihrer Bilderserie „Acts of Appearance“ im obersten Geschoss des Hessischen Landesmuseums benutzt sie einen genauso einfachen wie wirkungsvollen Kniff, um bei der Dokumentation des Alltagslebens im ländlichen Indien dem Milieustudien-Armutskitsch zu entkommen.

Zwischen Puppenspiel und Sozialstudie: die Fotografien von Gauri Gill im Hessischen Landesmuseum.

Gauri Gill ließ ihre Protagonisten Masken anfertigen und fotografiert die Familien als absurdes Puppentheater. Diese Strategie weist einerseits auf die Künstlichkeit des Genres der Fotoreportage hin. Andererseits sind die Bilder von einem kehrenden Adler oder einer Wasser holenden Ziege gut komponiert und hochamüsant.

Saskia Trebing

documenta 14: Georgia Sagris Pavillon der Körperteile

Dass sich eine interessante Wirkung ergibt, wenn viele sich gleichende Objekte in einem Raum arrangiert sind, ist inzwischen so bekannt, dass solche „Masseninstallationen“ in der Kunst ein wenig verpönt sind. Trotzdem funktioniert das Prinzip bei Georgia Sagris Pavillon in der Kurt-Schumacher-Straße hervorragend. Sehen ihre Körperteil-Skulpturen am Friedrichsplatz und auf dem Uni-Campus etwas verloren aus, verdichten sie sich in dem 60er-Jahre-Glaskasten zu einem abstrakten Form- und Farbspektakel, das aus jedem Blickwinkel anders wirkt. Der (nicht betretbare) Kunstraum wird zum Terrarium für Fantasiewesen. 

Deshalb zählt der Pavillon von Georgia Sagri zu unseren Tops. 

Saskia Trebing

Der Übersichtsplan der documenta 14

Verwirrt: Der d14-Plan. 

Es ist auch eine Kunst, wenn man es schafft, mit einem Übersichtsplan Besucher zu verwirren. Immer wieder trifft man in der Stadt ratlose Menschen, die mit dem documenta-Stadtplan in der Hand um Hilfe bitten. Vielleicht ist es ein heimliches Ziel der d14, so die Menschen ins Gespräch zu bringen. Ist es das nicht, wovon auszugehen ist, ist der Stadtplan vor allem eines: irreführend. 

Deshalb gehört der Übersichtsplan der documenta 14 zu unseren Flops. 

Maja Yüce

documenta-Künstler Olaf Holzapfel thematisiert Gartenzaun

Wer nur Olaf Holzapfels Klettergerüst-Skulptur in der Aue wahrnimmt, kann damit oft nichts anfangen. Im Palais Bellevue nimmt durch Architektur-Zeichnungen, abstrakte Strohbilder, Fotos und Videos jedoch ein Projekt Gestalt an, das sich akribisch mit Linien, Trennungen und dem Raum zwischen innen und außen beschäftigt. Das Video „Latitude 40˚“ zeigt von Zäunen durchschnittene Prärielandschaft, die das Bedürfnis von Menschen illustriert, Grenzen zu ziehen. Eine deutsche Video-Anleitung für den perfekten Gartenzaun ist zudem höchst skurril und entlarvend. Ich zäune, also bin ich. 

"Latitude 40°": Die Video-Anleitung für den perfekten Gartenzaun von Olaf Holzapfel - einer unserer Tops bei der d14. 

Saskia Trebing

documenta 14: Maria Eichhorn und ein Kasseler Raubkunst-Fall

Maria Eichhorn stellt in der Neuen Galerie einen bedrückenden Kasseler Raubkunst-Fall vor. Sie zeigt, wie perfide die bedeutende Sammlung des Bankiers und Mäzens Alexander Fiorino (1842-1940) zerschlagen wurde. Die Schriftstücke lassen einen nicht los. Allerdings erweckt Eichhorn den Eindruck, all das sei ihre Entdeckung. Bereits 1994 gab es aber in der Neuen Galerie eine Ausstellung zur Sammlung Fiorinos. Sie verschweigt auch, dass in den 50er-Jahren ein Rückerstattungsverfahren mit einem Vergleich beendet wurde und den Erben eine Entschädigung für Objekte in Museumsbesitz gezahlt wurde. 

Interessanter Fall - lückenhaft präsentiert: Maria Eichhorn gehört für uns zu den Flops der documenta 14. 

Mark-Christian von Busse

Ein Kissen-Panzer bei der documenta 14

"Pomelos" von Andreas Angelidakis: Kuschel-Panzer.

Immer wieder geht es bei der d14 um Krieg. Dafür steht auch der Panzer „Polemos“, den Andreas Angelidakis im Fridericianum aufgebaut hat. Sitzmodule aus Vinyl und Schaumstoff in Flecktarnfarbe hat er zu einem flexiblen Panzer arrangiert. Kaum an einem anderen Ort wird bei der d14 hart und weich zugleich klar, dass in jedem Werk eine reale Welt steckt. 

Kriegswerkzeug als Kuschel-Oase: Ganz klar ein Top. 

Maja Yüce

Raumkonzepte der documenta 14 rauben Videos Wirkung

Es gibt Videoarbeiten, die auf der d14 großartig präsentiert sind: Romuald Karmakar in der Orangerie zum Beispiel, oder Michel Auder im Kulturbahnhof. Aber es gibt auch bedauerlich viele Kunstwerke mit bewegtem Bild, die sich nicht mit der Aufmerksamkeit und Muße anschauen lassen, die das Medium erfordert. So stehen beispielsweise die Fernseher mit Filmen von Ulises Carrión in der documenta-Halle recht unpoetisch im Durchgangsverkehr. Das leise Pferde-Video „Criollo“ von Ross Birell in der Neuen Hauptpost wird auch mit Kopfhörern vom Überwältigungs-Klangteppich des Theo-Eshetu-Werks „Atlas Fractured“ erschlagen und bei Annie Sprinkle und Beth Stephens in der Neuen Galerie ist ihre Video-Zeremonie zwischen Bilder und Dokumente gequetscht. Verschenkt. 

Vollgestopfte Räume, die der Kunst zu wenig Platz zum Wirken lassen? Klarer Flop. 

Saskia Trebing

Zafos Xagoraris sagt "Willkommen" zur documenta 14

Willkommen auf griechisch: Das "Welcoming Gate" von Zafos Xagoraris am unterirdischen Gleis im Kulturbahnhof.

Das unterirdische Gleis am Kulturbahnhof, wo es scheint, als habe die Zeit stillgestanden, ist ein spektakulärer Empfangsbereich für die d14. documenta-Leiter Adam Szymczyk rät, den Besuch hier zu beginnen. Tatsächlich befindet sich am Ausgang, dort, wo man wieder ins Licht tritt, ein Schild: "Seid gegrüßt" oder "Willkommen" auf Griechisch. Die Installation von Zafos Xagoraris, "The Welcoming Gate", bezieht sich auf ein Transparent, das 1916 am Görlitzer Bahnhof 6500 Soldaten des neutralen Greichenlands begrüßte. Sie wurden interniert, für drei Jahre, sollten sich aber doch als "Gäste der Reichsregierung" fühlen. Der Athener Kunstprofessor erinnert daran - und schlägt eine Brücke zur Diskussion um die heutige "Willkommenskultur".

Historisch eingebetteter und in seiner Präsentation simpler Kommentar zur Willkommenskultur - Top. 

Mark-Christian von Busse

Unsere erste Folge der Tops und Flops der documenta haben wir in einem anderen Artikel für Sie aufgelistet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.