Rettung nur durch Bürgschaften

Leiter setzte Geld in den Sand: documenta-Pleite war schon in Sicht

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Wo ist das Geld geblieben? Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d14, hat die documenta an den Rand des Ruins gebracht. Wohin das Geld geflossen ist, ist noch weitgehend unklar.

Kassel. Der documenta-Leiter Adam Szymczyk hat Millionen Euro in den Sand gesetzt. Zwischenzeitlich war die documenta 14 pleite. Eine Analyse der dramatischen finanziellen Schieflage.

Aktualisiert um 11.52 Uhr - Eine Insolvenz der gemeinnützigen documenta gGmbH wurde nur abgewendet, weil das Land Hessen und die Stadt Kassel eine Bürgschaft übernahmen. Nach HNA-Informationen handelt es sich um sieben Millionen Euro.

Mit dem Geld ist zunächst gewährleistet, dass der laufende Betrieb der Kunstausstellung bis zum Jahresende gesichert ist. So können etwa Gehälter gezahlt werden. Als die dramatische Schieflage der documenta auffiel, gab es am 28. August 2017 eine Sondersitzung des Aufsichtsrats der documenta in Wiesbaden. documenta-Leiter Adam Szymczyk wurde dazu schon gar nicht mehr eingeladen.

Land und Stadt übernehmen Bürgschaften für documenta

Auf dieser Sitzung wurde ein Bankrott der documenta GmbH abgewendet. Man einigte sich, dass das Land Hessen und die Stadt Kassel als Gesellschafter der documenta gGmbH Bürgschaften in Höhe von je 3,5 Millionen Euro übernehmen. Gleichzeitig waren diverse Gläubiger bereit, sich auf Stundungsvereinbarungen für ausstehende Zahlungen der documenta einzulassen.

Auf einer zweiten Sondersitzung des Aufsichtsrats in der nächsten Woche sollen dann genaue Zahlen präsentiert und die Konsequenzen beraten werden. So scheint es sicher, dass Annette Kulenkampff ihren Job als documenta-Geschäftsführerin verlieren wird.

Besucherzahlen der documenta kein Rekord

Wo die Millionen versickert sind, ist noch unklar. So wurden inzwischen unabhängige Wirtschaftsprüfer in die Büros der documenta gGmbH geschickt. Nach HNA-Informationen soll der Standort Athen viel mehr Geld verschlungen haben, als eingeplant war.

Auch die Besucherzahlen sind wohl keineswegs auf Rekordkurs: Statt einer 20-prozentigen Steigerung wird nun ein Rückgang um drei Prozent erwartet. Ende Juli zog die documenta-Leitung noch eine positive Bilanz bei den Besucherzahlen. Offiziell wurden zur Halbzeit 445.000 Besucher verkündet.

Analyse: Die Pleite war schon in Sicht

Dass die documenta finanzielle Schwierigkeiten hat, ließ sich über all die Wochen und Monate zumindest erahnen. Ein Etat von 37 Millionen Euro für nicht einen Standort, sondern für Kassel und Athen – das schien von vornherein sehr ambitioniert. Offizielle Anfragen aber wurden abgeblockt. Auskunft darüber sollte es nach der d14 geben. 

Jetzt kam heraus: Ende August stand die gemeinnützige documenta gGmbH vor der Insolvenz. In einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 28. August wurde der Bankrott des Unternehmens noch abgewendet. Nach HNA-Informationen beläuft sich das bis zum Jahresende auflaufende Defizit auf sieben Millionen Euro. Dass der Betrieb weitergeht, ist der Einigung mit Gläubigern zu verdanken, die sich auf Stundungsvereinbarungen für ausstehende Zahlungen eingelassen haben. Das gesamte Defizit wird demnach durch Darlehen abgedeckt, für die die beiden Gesellschafter Stadt Kassel und Land Hessen Bürgschaften in Höhe von jeweils 3,5 Millionen Euro übernehmen. 

Wie es zum Defizit kommen konnte, ist den Gesellschaftern noch unklar. Derzeit ist eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dabei, die Unterlagen zu sichten und Licht ins Dunkel zu bringen. Sicher scheint allerdings, dass die Schau in Athen, die der Ausstellung in Kassel vorgelagert war, deutlich teurer wurde als veranschlagt. Hinzu kommt auch der Transport von Kunstwerken von Athen nach Kassel – wie etwa dem Marmorzelt, das nun auf dem Weinberg steht. 

Zuletzt verdichteten sich auch öffentlich die Hinweise, dass die Lage eskaliert ist. Dies ließ sich sogar an Kleinigkeiten erkennen: In der vergangenen Woche wies documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff die Mitarbeiter an, die Merchandising-Produkte den in den Schlangen vor den Ausstellungsgebäuden wartenden Besuchern anzubieten – offensives Marketing, das sich auch als Verzweiflungstat deuten lässt. 

Die Schieflage ist wohl auch das Ergebnis einer schicksalhaften Konstellation auf Ebene der Entscheider.

d14-Leiter Adam Szymczyk und d14-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff bei der Eröffnung der Kunstausstellung.

Die Rolle von Adam Szymczyk

Der Pole bekam im November 2013 von einer Findungskommission den Auftrag, die künstlerische Leitung der d14 zu übernehmen. Eine Entscheidung, die sich als fatal herausstellen sollte. Szymczyk entwarf die d 14 als Doppelausstellung, die in Athen und Kassel stattfinden sollte. Mit der Idee setzte er sich durch. Die finanziellen Probleme waren damit programmiert, zumal Szymczyk allein schon wegen seiner notorischen Abwesenheit kaum etwas tat, um mehr Geld für die Weltkunstausstellung einzutreiben.

Die Rolle von Annette Kulenkampff

Übernahm 2014 die Geschäftsführung der documenta gGmbH von Bernd Leifeld, früher leitete die Kunsthistorikerin die Publikumsabteilung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, später arbeitete sie bei einem Kunstverlag. Der Job bei der documenta war also etwas Neues für sie. Ihr fehlte es womöglich auch deshalb an Durchsetzungsvermögen und Erfahrung, um Szymczyk zu bremsen. Immerhin hat sie die finanzielle Lage vor dem Start der d14 thematisiert. Athen sei für sie auch ein Schreck gewesen.

Der Aufsichtsrat

Besteht in erster Linie aus Vertretern der Stadt Kassel und des Landes Hessen. Der Vorsitzende war bis vor Kurzem mit Ex-Oberbürgermeister Bertram Hilgen einer, der trotz aller Bauchschmerzen die Dinge laufen ließ – wohl auch deshalb, weil er zum Ende seiner Amtszeit kein großes Theater mehr wollte. Noch im März sagte Hilgen: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine Hinweise auf Überschreitung des Budgets.“ Nun liegt es an seinem Nachfolger Christian Geselle und den anderen Mitgliedern des Gremiums daran, die finanziellen Probleme der documenta gGmbH zu beheben.

Etat der documenta 14

Die documenta-Pressestelle schlüsselte im März dieses Jahres den Etat für die d14 noch einmal auf. Damals hieß es: Der Wirtschaftsplan läuft über fünf Jahre. In dieser Zeit erhält die documenta und Museum Fridericianum gGmbH 14 Millionen Euro von den beiden Gesellschaftern Stadt Kassel und Land Hessen sowie 4,5 Millionen Euro von der Kulturstiftung des Bundes. 

Den restlichen Finanzbedarf von 18,5 Mio. Euro, der für die Realisierung der Ausstellung notwendig ist – also die andere Hälfte –, muss die documenta selbst erwirtschaften: durch Verkaufserlöse aus Eintrittskarten, Katalogen und Merchandising sowie über Sponsoring. Zu den Sponsoren zählen die Sparkassenfinanzstiftung und VW. In Athen wird die documenta insbesondere durch das Auswärtige Amt sowie das Goethe-Institut unterstützt.

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