Nur wenige aufstrebende Künstler dabei

documenta 14 ist keine junge Ausstellung: Einige Künstler sind weit über 80 Jahre alt

In Lagern für Displaced Persons in Wiesbaden und Kassel aufgenommen: Fotos von Jonas Mekas hängen im Bali-Kino. Dort laufen auch Filme des 94-Jährigen. Foto: Hedler

Kassel. Die documenta hat den Anspruch, Kunst der Gegenwart zu zeigen, neue Trends und Tendenzen vorzustellen, vielversprechende junge Künstler zu entdecken. So dachte man zumindest bisher. Denn die documenta 14 ist keine junge Ausstellung.

Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter, hat nur wenige aufstrebende, aktuell in Galerien und Museen populäre Künstler eingeladen – wie Ibrahim Mahama aus Ghana, Jahrgang 1987, der die Torwache mit Jutesäcken verhüllt hat, und den 1977 in Nigeria geborenen Emeka Ogboh mit seinem „Sufferhead“-Craft Beer.

„Das Alter allein zählt nicht“, sagt Szymczyk im HNA-Interview, angesprochen auf die vielen Künstler, die sehr alt geworden und erst vor wenigen Jahren gestorben sind, wie die Italienerin Maria Lai (1919-2013), die Niederländerin Sedje Hémon (1923-2011) oder Ernest Mancoba (1904-2002) aus Südafrika, sowie auf zahlreiche Teilnehmer seiner d14, die die 80 überschritten haben.

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„Ich habe einen gewaltigen Respekt vor Künstlern, die bis ins hohe Alter kontinuierlich tätig sind“, sagt Szymczyk, der selbst 46 ist: „Das interessiert mich mehr als junge Künstler.“ Viele documenta-Leiter hätten Künstler ihrer eigenen Generation ausgestellt: „Ich wollte es anders machen.“ Bei Werken aus dem 20. Jahrhundert habe er nach bemerkenswerten Ähnlichkeiten und Bezügen zur politischen und sozialen Situation gesucht, wie sie sich heute darstellt.

In Lagern für Displaced Persons in Wiesbaden und Kassel aufgenommen: Fotos von Jonas Mekas hängen im Bali-Kino. Dort laufen auch Filme des 94-Jährigen. Foto: Hedler

Szymczyk gibt auf seiner d14 beispielsweise indigenen Völkern, Opfern von Kolonialismus und Unterdrückung sowie Transsexuellen viel Raum. Seine Künstlerliste berücksichtigt zudem so viele hochaltrige Künstlerinnen, als wolle er die Kunstgeschichtsschreibung der vergangenen Jahrzehnte korrigieren und ergänzen, als wolle er sagen: Seht her, diese Frauen habt ihr nie ausreichend wahrgenommen und gewürdigt. Deshalb haben sie einen prominenten Platz in meiner Ausstellung. Zu nennen sind etwa die 1926 geborene Rumänin Geta Bratescu, die erst jetzt wirklich entdeckt wird, und Elisabeth Wild, eine 1922 in Wien geborene Künstlerin, die vor dem Nationalsozialismus nach Argentinien flüchtete, später in Basel lebte und heute in Guatemala zu Hause ist. Die älteste Teilnehmerin jedoch ist die US-amerikanische Tänzerin und Choreografin Anna Halprin, die am 13. Juli 97 Jahre alt wird.

Bezieht man die 40er-Geburtsjahrgänge ein, kommen weitere Künstlerinnen hinzu, darunter Susan Hiller (geboren 1940), die in der Grimmwelt ihre eindrucksvolle Klangcollage untergehender Sprachen präsentiert, Marta Minujín(1941) mit ihrem „Parthenon der Bücher“, Cecilia Vicuña (1948), Miriam Cahn, Sanja Ivekovic und Vivian Suter (die Tochter von Elisabeth Wild) – alle Jahrgang 1949.

Hans Haacke(80) war 1959 schon Aufsicht und Aufbauhelfer der documenta 2 (seine Bilder der d2 sieht man im Fridericianum), dann 1972, ’82, ’87 und ’97 Teilnehmer, und in diesem Jahr steuert er das „Wir (alle) sind das Volk“-Banner bei. documenta-Erfahrung aus dem Jahr 1997 hat Lois Weinberger, 1947 in Stams (Österreich) geboren. Die Klanginstallationen von Fluxus-Künstler Benjamin Patterson (1934-2016) in Athen und in der Karlsaue konnten trotz seines Todes verwirklicht werden. Erst voriges Jahr starb auch der 1924 geborene Maler K. G. Subramanyan aus Indien.

Eine der ältesten Teilnehmerinnen: Werke von Geta Bratescu hängen in der Neuen Galerie. Foto: Fischer

Unter den Männern ist der älteste Teilnehmer der in New York lebende Filmer Jonas Mekas, der Heiligabend 1922 in Litauen zur Welt kam. Ihn verbindet seine Biografie mit Kassel: Als heimatlose „displaced person“ verbrachte er vier Jahre in DP-Lagern in Wiesbaden und Kassel. Im Bali-Kino laufen Filme des 94-Jährigen, und dort sind auch Fotos aus seiner Zeit in Kassel zu sehen.

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