Sieben Tipps für einen documenta-Besuch mit Schülern

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Für viele Schüler eine fremde Welt: Bei „Mail Art“ denken Jugendliche nicht an Kunst, die per Post versandt wird. In der Hauptpost, sinnigerweise einem ehemaligen Briefverteilzentrum, hängen Beispiele unterschiedlicher Künstlergenerationen, von Moyra Davey, Jg. 1958 (links), und von Ruth Wolf-Rehfeldt, Jg. 1932. 

Kassel. Die Sommerferien sind beendet, in den Schulen hat der Alltag begonnen. In den verbliebenen 27 Tagen besuchen viele Schulklassen die documenta 14. Juliane Gallo gibt Tipps für den d14-Besuch mit Schülern. 

Juliane Gallo schlägt als „Kulturagentin“ der Mercator-Stiftung die Brücke zwischen documenta und acht Schulen in Stadt und Kreis Kassel. Von ihren sieben Tipps  profitieren sicher auch andere Besucher.

1. Außenkunstwerke ansehen. Sie bieten Gallos Erfahrung nach einen guten Einstieg. Beim „Parthenon der Bücher“ lässt sich vom Exemplar, das die Schüler kennen und entdecken – wie „Harry Potter“ oder „Micky Maus“ – und dem Staunen über das monumentale Bauwerk zum Thema Meinungsfreiheit und Zensur gelangen. „Das Thema Flucht und Migration trifft viele sehr direkt“, sagt Gallo. Hiwa Ks Röhren betrachteten Schüler oft mit großer Sensibilität. Auch die „Wir (alle) sind das Volk“-Plakate von Hans Haacke berührten sie.

2. Schwerpunkte setzen, die an der Lebenswirklichkeit der Schüler orientiert sind. Was bedeutet Heimat? Was Fremdsein? Dazu könnten sich viele Schüler anhand von documenta-14-Kunstwerken äußern – manchmal gehe ihnen das fast zu nah. Zu weit weg ist nach Gallos Erfahrung das Themenfeld „indigene Völker“ mit ihren jeweiligen Traditionen und Kulturen.

3. Die Ausstellungsorte bewusst auswählen. „Die Halle der Neuen Neuen Galerie funktioniert sehr gut“, sagt Gallo über die Post, auch die documenta-Halle eigne sich für Schulklassen. Die Neue Galerie sei dagegen sehr komplex, hier empfiehlt sie den Besuch nur mit der Oberstufe, die sich etwa mit Raubkunst und Restitution beschäftigen könne.

4. Sich der Ausstellung über Begriffe nähern. Diese Herangehensweise hat etwa das Goethe-Gymnasium gewählt. Es spiegelt sich in der d14-Ausgabe der Schülerzeitung „Umlauf“ wieder (siehe unten).

5. Sich der Ausstellung über fächerübergreifende Themen nähern. Gallo nennt zwei Beispiele aus der documenta-Halle. Dort lasse sich gut über unterschiedliche Sprachen reden, über Schrift- und Bildsprache, Tanz und Bewegung als Ausdrucksform, Sound und Sprache, Partituren und Musik, das Erzählen in indigenen Gemeinschaften. Zweitens die blauen Tücher von Aboubakar Fofana. Von Geschichte (Entwicklung der Sklaverei, „Indigo-Aufstand“, Kolonialismus und Handel mit Rohstoffen) bis hin zur Chemie (Erfindung künstlicher Farbstoffe), zum Englischunterricht (Texte im „South“-Magazin) und zur Kunstgeschichte (das Blau in der Kunst von Giotto bis Yves Klein) gäbe es hier Anknüpfungspunkte für zahlreiche Fächer.

6. Genau hinsehen. „Man sollte die Materialien nicht als gegeben hinnehmen, sondern infrage stellen“, rät Gallo. Und sorgfältig hinsehen und -hören. Was genau malt Aborigine-Künstler Gordon Hookey? Welche Grundlage nutzt Theo Eshetu für seine riesige Projektion? Warum nutzen Künstler Textilien? Die Beispiele für „Mail Art“ im ehemaligen Briefverteilzentrum ließen sich gut thematisieren, Schüler könnten etwa selbst Postkarten gestalten und versenden.

7. Kostenloser Eintritt. Im Stadt- und im Landesmuseum zahlen unter 18-Jährige auch während der d14 keinen Eintritt, im Naturkundemuseum beträgt er für Klassen 50 Cent pro Person: „Das ist großartig.“

Zur Person

Die gebürtige Hannoveranin (52) ging nach ihrem Abitur in Göttingen als Au-pair nach Rom, wurde zur Dekorateurin ausgebildet, lebte zeitweilig in Malaga, arbeitete für eine Werbeagentur und studierte Kunstgeschichte, Spanisch und Italienisch in Kassel. Die Mutter eines Sohnes war für die Documenta11 und die Museumslandschaft Hessen Kassel tätig, zuletzt verantwortete sie die Kunstvermittlung im Fridericianum, ehe sie über die Mercator-Stiftung ins d14-Team wechselte.

Juliane Gallo ist Kulturagentin der documenta 14. 

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