Wir haben Rico Rossi begleitet

„Das ist nur ein verdammtes Stück Metall“: Mit dem Huskies-Trainer auf der documenta

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Im Huskies-Outfit zur documenta: Der aus Kanada stammende Eishockey-Trainer Rico Rossi, hier im Fridericianum vor der Kunstinstallation „No Olvidado“ (Unvergessen) der Amerikanerin Andrea Bowers, die an Jene erinnern soll, die beim Übertritt der Grenze zwischen Mexiko und den USA ihr Leben verloren haben. 

Kassel. Zwischen Faszination und Unverständnis: Wir haben Rico Rossi, den Trainer der Kassel Huskies, während seines ersten d14-Besuchs begleitet.

Kassel. Rico Rossi steht vor einem Spiegel. Oder besser: vor einem komplett verspiegelten, tempelartigen Gebilde. „Das erinnert mich an eine Zeile aus dem Lied ‘Better Days’ von Bruce Springsteen“, sagt der im kanadischen Toronto geborene Trainer der Kassel Huskies. „Der Song handelt von einem Mann, der es in seiner eigenen Haut nicht aushält.“

Fridericianum

Das documenta-Kunstwerk des amerikanisch-griechischen Bildhauers Lucas Samaras, vor dem Rossi im Fridericianum steht, heißt „Hebraic Embrace“ und spielt unter anderem auf die heutige Selfie-Kultur an. Aber es handelt auch von Vergänglichkeit. „Auf mich wirkt es wie ein verspiegeltes Labyrinth des Lebens“, sagt Rossi. „Es zeigt dir, dass du lernen musst, mit dir selbst klarzukommen.“

Nicht jedes Ausstellungsstück sagt dem 52-jährigen Italo-Kanadier mit dem breiten nordamerikanischen Akzent bei seinem ersten Besuch auf der documenta 14 so viel. Wie die meisten Menschen nimmt Rossi Kunst intuitiv wahr. „Ich bin kein Fachmann, meine Frau schon eher, aber ich lasse mich gerne überraschen.“

Überraschend nichtssagend scheint der „Gong“ des Griechen Takis zu sein, zumindest ist dies Rossis Blick zu entnehmen. Durch einen Magneten schlägt ein Pendel in regelmäßigen Abständen gegen eine gekrümmte Metallplatte. „Das ist nur ein verdammtes Stück Metall. Ich verstehe es nicht.“

Abstrakte Kunst – das ist nicht Rossis Ding. Er interessiert sich für „altes Zeug“, weil er aus einem solch jungen Land komme. Auch vor den vielen Fotografien im Fridericianum bleibt Rossi lange stehen. Eine zeigt einen Fischer, der – über die Reling seines Bootes gebeugt – ein Netz einholt. „Fotos fangen etwas ein, das gerade wirklich passiert, nicht etwas, das sich jemand ausgedacht und gemalt hat.“

documenta-Halle

Rossi steht vor gerahmtem Papier, das per Luftzug in Vibration versetzt wird und Geräusche von sich gibt, wie ein Fähnchen im Wind. Daneben hängen fünf weitere Rahmen, in jedem eine andere Art Papier gespannt, jedes ein anderes Geräusch erzeugend. „Sounds on Paper“ heißt das Werk des amerikanischen Klangkünstlers Alvin Lucier in der documenta-Halle. Ginge es nach Rossi, würde es wohl den Titel „What the fuck?“ tragen, also „Was zur Hölle?“.

„Das Gute an Kunst ist, dass du die Intention des Künstlers nicht unbedingt verstehen musst, jeder kann selbst entscheiden, was er darin sieht“, gibt sich Rossi liberal. Wahre Worte.

Zu den weißen Nachthemden, die zwischen blauen Laken hoch oben unter der Decke im unteren Teil der Halle hängen, hat der verheiratete Vater zweier Kinder hingegen eine ganz konkrete Assoziation.

„Die Kleider wirken auf mich wie Seelen, die ihren Frieden gefunden haben.“ Hinter Rossi stehen Teile eines Schiffswracks im Raum. Ein Schild erklärt, dass das Werk von der Geschichte und der Verwendung des tiefblauen Farbstoffs Indigo inspiriert ist. „Jetzt fühle ich mich wie ein Idiot – vielleicht ist Kunst auch dazu da“, erwägt Rossi. Auch damit hat er vermutlich recht.

Fazit

„Es tut gut, mal aus der Eishalle rauszukommen. Kunst ist Abwechslung vom Alltag, ein Blick in eine andere Welt, sie fordert dich heraus, Dinge zu reflektieren“, sagt Rossi. Ob er glaube, dass die documenta 14 die Kasseler erreiche?

„Ich komme nicht von hier, aber was ich weiß ist, ich bin 52 – und damit noch lange nicht zu alt, um dazu zu lernen. Und ich glaube, so geht es vielen Leuten aus Kassel auch.“ Wieder einmal hat Rico Rossi recht.

Rossis Tops

Diese Kunstwerke haben Rico Rossi begeistert:

• „No Olvidado“ (Unvergessen) von Andrea Bowers (Fridericianum): Besonders interessant an der Installation (siehe Bild oben) findet Rossi den Gedanken, dass man beim ersten Betrachten nicht sicher sein kann, ob es sich um die Namen von Opfern oder Tätern handelt.

• „Hebraic Embrace“ von Lucas Samaras (Fridericianum): Der optisch beeindruckende Spiegeltempel regt Rossi zur Selbstreflexion an.

• „Parthenon der Bücher“ (Friedrichsplatz): Das Aushängeschild der d14 – für Rossi „sehr beeindruckend“.

Rossis Flops

Nicht selten entfuhr dem Kanadier vor einem der Kunstwerke ein „What the fuck?“. Hier sind Rico Rossis Flops:

• Stanley Whitneys Ölgemälde (documenta-Halle): Ein Raum, neun Mal Öl auf Leinwand, neun Mal farbige Vierecke. Für Rossi „nichts Besonderes“.

• „Gong“ von Takis (Fridericianum): Zu abstrakt, keinerlei Anhaltspunkte für eine Deutung – so Rossis Urteil über die Elektromagnet-Kunst.

• „Sound on Paper“ von Alvin Lucier (documenta-Halle): Papier, das im Wind flattert und Geräusche von sich gibt? Das hat für den Kanadier nicht viel mit Kunst zu tun.

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