Extra-Millionen schon 2016

Erste Hochrechnung: Die documenta 14 kostet zwölf Millionen Euro mehr als geplant

Kassel. Die documenta 14 sorgt weiter für Schlagzeilen: Nach der Veröffentlichung des Defizits von sieben Millionen Euro und der kurzzeitig drohenden Pleite steht die Finanzierung der Weltkunstausstellung weiter im Mittelpunkt.

Nachdenklich: Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14.

Interessant in diesem Zusammenhang: Schon Ende des vergangenen Jahres wurde der Fünfjahresetat für die d14 von knapp 29 Millionen Euro um fünf auf 34 Millionen Euro erhöht – auf Wunsch des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk. Es handelte sich dabei um projektbezogene Aufwendungen für Kunstprojekte. Den Zusatzbetrag teilten sich mit der Stadt Kassel und dem Land Hessen die beiden Eigentümer der documenta gGmbH.

Die Zahlen bestätigte unserer Zeitung nun Bernd Reyer, Mitarbeiter der städtischen Kämmerei, der für die Beteiligungsverwaltung zuständig ist. Vor dem Hintergrund lässt sich zu dem Ergebnis kommen, dass die aktuelle documenta 14 an zwei Standorten zwölf Millionen Euro mehr gekostet hat als ursprünglich veranschlagt – vorausgesetzt, das zuletzt festgestellte Defizit von sieben Millionen Euro wächst nicht noch an oder reduziert sich nicht noch durch Steuererstattungen.

Die immensen Mehrkosten kommen wohl auch dadurch zustande, dass der Co-Standort Athen mit all den Feinheiten im Steuer-, Arbeits- und Handelsrecht die documenta überfordert hat, wie im Rathaus vermutet wird. Dass auch die Zahl der Künstler Ende vergangenen Jahres noch einmal gestiegen ist, trug auch nicht zur Kostensenkung bei. Im Herbst 2016 sollen noch einmal 60 Künstler zusätzlich zur documenta eingeladen worden sein, wie Filmemacher Romuald Karmakar in einem Interview mit unserer Zeitung kürzlich erzählte. 

Wo ist das Geld geblieben? Die Chronologie des documenta-Skandals lesen Sie hier.

Land Hessen gibt sechs Millionen für doc-Institut

Das Land Hessen wird für den Bau eines documenta-Instituts sechs Millionen Euro zur Verfügung stellen. Das gab Hessens Finanzminister Boris Rhein (CDU) in Wiesbaden bekannt. Die sechs Millionen Euro sollen in den Haushalt 2018 des Landes eingestellt werden. Bis zur nächsten documenta im Jahr 2022 wollen die Stadt Kassel und das Land Hessen ein Institut schaffen, das unter anderem die Geschichte der documenta aufarbeitet. Zurzeit sieht es so aus, als ob das Institut an den Holländischen Platz kommt. 

Pressestimmen zum Finanzdebakel bei der documenta

Die finanzielle Not der documenta war am Mittwoch auch großes Thema in den Medien, die allesamt Bezug nehmen auf die Recherchen der HNA. Ein Auszug:

„Welt“: Und wer räumt das jetzt auf?

Die „Welt“ spricht in ihrem Artikel mit der Überschrift „Und wer räumt das alles auf?“ von einem unfassbaren Vorgang. „Dieses finanzielle Desaster ist das dramatische Finale einer auf allen Ebenen völlig verkorksten Documenta. Von Anfang an wirkte das Vorhaben von Szymczyk unrealistisch, als er verkündete, er wolle einen zweiten Standort eröffnen, in Athen. Wie viele Fettnäpfchen dieser Plan enthielt, diese Brücke zwischen Kassel und Athen, war sofort klar. Kulenkampff hätte schon Monate vor Beginn die Knie schlottern sollen, als der Plan gefasst wurde.“ Über den künstlerischen Leiter schreibt die „Welt“: „Für den einzelnen Besucher hat sich Adam Szymczyk allerdings nie interessiert. (...) Jetzt bekommt die Documenta die Quittung.“ Und weiter: „Adam Szymczyk steht vor einem Trümmerfeld, schweigt aber eisern.“ Schließlich: „Für Kassel fehlte dann die Energie. Die Ausstellung war lieblos, trostlos, ärgerlich. Völlig ignorant wurden trotzdem die gleichen absurden Reden geschwungen.“

„FAZ“: Tragisch für Kulenkampff

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ heißt es unter der Überschrift „Macht kaputt“: „Kommende Woche soll über Konsequenzen beraten werden. Dort wird wohl die Personalie Kulenkampff zur Verhandlung stehen, was tragisch ist, denn einem experimentierfreudigen Kurator wirtschaftlich den Rücken freizuhalten ist eigentlich genau ihr Job. (...) Es geht übrigens das Gerücht, dass Adam Szymczyk den vom Sponsor VW bereitgestellten Wagen abgelehnt hat und lieber mit einem alten BMW durch Kassel fährt. Ein schönes Bild für den eklatanten blinden Fleck, um den sein apokalyptisches Denken kreist: die Zurückweisung der Verantwortung für die Macht der eigenen Institution.“

„Der Tagesspiegel“: Hessen und Kassel retten documenta

Unter der Überschrift „Hessen und Kassel retten Documenta mit Bürgschaft“ berichtet der „Tagesspiegel“ aus Berlin über die Weltkunstausstellung und die Recherchen unserer Zeitung. Sie nimmt auch Bezug auf ein Zitat von Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, das aus der Zeit vor dem Start der d14 stammt: „Im Verhältnis zur Finanzierung von Theatern ist die Documenta durch die öffentliche Hand unterfinanziert.“

Rubriklistenbild: © dpa

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