Kunst im Landesmuseum

Lieblingskunstwerk der documenta: Videoinstallation "Two Meetings and a Funeral"

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Politik, die berührt: In Naeem Mohaiemens 85-minütigem Film im Hessischen Landesmuseum geht es um zwei Konferenzen, die die Welt verändert haben: die Gipfelkonferenz der Blockfreien Staaten (NAM) in Algier 1973 und das Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) 1974 in Lahore. 

Kassel. Wo beginnt die Kunst und wo endet die Dokumentation? Diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn man im Landesmuseum hinter einem schwarzen Vorhang im Obergeschoss die Videoinstallation von Naeem Mohaiemen entdeckt.

Denn man benötigt hier nicht nur viel Zeit – das Video läuft ganze 85 Minuten –, sondern man muss sich auch einlassen auf das komplexe Thema, dessen sich der Künstler hier angenommen hat. Doch wer sich die Zeit nimmt, wird belohnt. Der Film entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

In seiner Drei-Kanal-Videoinstallation untersucht Mohaiemen aus der sozialistischen Perspektive die historische Gipfelkonferenz der Blockfreien Staaten (NAM) in Algier 1973 und das zweite Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) 1974 in Lahore. Er legt dabei besonderes Augenmerk auf die Rolle Bangladeschs. Es war eine historisch bedeutende Zeit für Mohaiemens Heimatland, denn in Lahore wurde Bangladesch von Pakistan erstmals offiziell anerkannt.

In einem Interview sagte Naeem Mohaiemen: „Auf der documenta gibt es Platz für Vieldeutigkeiten.“ Zum Beispiel für die Frage: „Glaubst Du nicht, es ist etwas komplizierter?“. Und ja, es ist komplizierter. Die Welt, in der wir leben, ist komplex und sie ist es nicht erst seit den Terroranschlägen in New York 2001, sie ist es schon immer. Mohaiemen weiß das, denn er ist nicht nur Filmemacher und Künstler, sondern eben auch Historiker, und das macht die Stärke dieses Films aus.

Mohaiemen zeigt sein Video auf drei nebeneinander laufenden Leinwänden. Teilweise sieht man die gleichen Bilder, die spiegelverkehrt auf zwei Projektionsflächen laufen. Oft ist es ein Ort, der aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird oder ein thematischer Aspekt, der auf drei Leinwänden behandelt wird. Unterlegt sind die Bilder mit tiefer, eindringlicher, manchmal bedrohlich wirkender Elektromusik, die von Qasmin Naqvi komponiert wurde.

Mohaiemen lässt in den Archivaufnahmen die wichtigsten Teilnehmer der beiden Konferenzen zu Wort kommen, darunter Fidel Castro, Anwar Sadat, Yasser Arafat, Muammar al-Ghaddafi und Indira Gandhi. Mohaiemen stellt Bezüge her, zeigt, welche politischen Kräfte in dieser Zeit mit- und gegeneinander arbeiteten. Es ist teilweise erschreckend, zu erkennen, wie viele der Politiker, die Teil der Bewegung der Blockfreien waren, eines nicht natürlichen Todes starben. Als Betrachter stellt sich die Frage, wer von ihrem Tod profitierte.

Der Film streift so viele hochspannende und brisante Themen, dass es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen und einzuordnen. Aber ausschlaggebend ist, dass Mohaiemen etwas gelingt, das nur wenigen Kunstwerken auf dieser documenta gelingt.

Obwohl das Thema kompliziert und sperrig ist, schafft es die Intensität seiner Aufnahmen, zu emotionalisieren. Der Sog, den seine Bilder und Texte entfalten, erzwingt die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Welt so wurde, wie wir sie heute vorfinden. „Dieser Film ist ein Krieg gegen das Vergessen“, sagt der Historiker Vijay Prashad am Ende der 85 Minuten. Der Kampf hat sich gelohnt.

Mehr zu weiteren Kunstwerken und aktuelle Informationen zur Austellung gibt es im documenta-Spezial der HNA. Außerdem gibt es weitere Lieblingskunstwerke der HNA-Mitarbeiter zum Nachlesen.

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