Künstlerin Marta Minujin wurde wie ein Popstar gefeiert

Der Parthenon war nur einen Tag komplett: Abbau hat begonnen

Kassel. Am vorletzten Wochenende der documenta 14 drehte sich fast alles um den Parthenon der Bücher der Künstlerin Marta Minujin. Die 74-jährige Argentinierin wurde dabei wie ein Popstar auf dem Friedrichsplatz gefeiert.

Video: Samstag war der Parthenon komplett

An ihrer Seite waren Kurator Pierre Bal-Blanc und Kassels neue Kulturdezernentin Susanne Völker. Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14, ließ sich hingegen nicht blicken.

Am Samstagmittag hatte die Künstlerin mit der Pilotenbrille zunächst das letzte Buch („La Primavera Romana“ von Tennessee Williams) an dem Kunstwerk, das nach dem Vorbild des Tempels auf der Athener Akropolis errichtet worden war, befestigt.

Video: Sonntag begann der Abbau

Der Parthenon war aber keine 24 Stunden komplett. Ab Sonntag ab 10 Uhr durften sich die Menschen bereits Bücher aus dem Tempel abreißen. Bis Ende der Ausstellung am kommenden Sonntag sollen alle 67.000 Bücher, die irgendwo auf der Welt einmal verboten waren, ans Kunstvolk verteilt worden sein.

Minujín wurde nicht nur von der Menge gefeiert, sondern gab sich auch selbst euphorisch. Dieser Parthenon habe viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als ihr erster in Argentinien, weil er in der Mitte Europas und damit mitten im Weltgeschehen stehe, sagte sie im Interview. „Außerdem haben ihn alle fotografiert. Durch das Internet wird er bekannter als der Parthenon in Athen.“

Sie machte auch deutlich, dass von ihr nur die Idee für den Büchertempel, mit dem ein Zeichen gegen Zensur gesetzt werden sollte, stammt. „Allein hätte ich das Kunstwerk nie fertigstellen können“, sagte Minujin mit Blick auf die vielen Bücherspenden aus aller Welt. Auf dem Friedrichsplatz werde nach der documenta nichts übrig bleiben, aber die Leute würden sich an den Parthenon erinnern. „Er wird ewig in den Köpfen weiterleben.“

Das Plastik, mit dem die Bücher vor Regen geschützt worden sind, wird recycelt. Daraus wird Granulat hergestellt, das dann weiterverarbeitet wird.

Documenta 14: Am Samstag, 9. September, wurde der Parthenon der Bücher auf dem Kasseler Friedrichsplatz endlich vervollständigt. Künstlerin Marta Minujín hängte das letze Buch mit dem Titel „„La primavera romana de la señora Stone“ von Tennessee Williams Foto: Andreas Fischer

Muchas gracias, Marta Minujín!

Was haben Tennessee Williams und Walt Disney gemeinsam? Von beiden stammen Werke, die irgendwann mal auf der Welt verboten waren. Und sie haben eine wichtige Rolle beim Parthenon der Bücher in Kassel gespielt. 

Mit „La Primavera Romana“ von Tennessee Williams komplettierte die argentinische Künstlerin Marta Minujin am Samstagmittag den Büchertempel auf dem Friedrichsplatz. Als das Buch hing, sagte sie: „That´s it“ (Das war‘s). Keine 24 Stunden später riss sie ein in Plastik verpacktes Micky-Maus-Heft von einer Säule und gab damit das Startsignal, die Bücher wieder von dem Stahlgerüst zu entfernen und an die Menschen zu verteilen. 

Die Auftritte der Künstlerin wurden an den beiden Tagen von den Besuchern der documenta und Kasselern gefeiert. „Marta, Marta“ riefen die Menschen am Samstagmittag im Parthenon der Bücher. Mehrere hundert Kunstfans waren auf den Friedrichsplatz gekommen, um Marta Minujin zu sehen, die wohl mit Abstand das spektakulärste Kunstwerk dieser documenta 14 geschaffen hat. 

Wie einen Popstar feierten die Kunstfans die weißblonde Künstlerin mit der Pilotenbrille und der auffälligen Kleidung. Es wurde von Damen im mittleren Alter gedrängelt, wie man es sonst von Teenies bei Konzerten kennt. Marta Minujin gab Autogramme, ließ sich fotografieren und posierte wie ein Topmodell an den Säulen des Büchertempels. Kunst zum Anfassen. 

Bravo-Rufe auch am Sonntag, als die 74-Jährige zu der Menge sagte: „Dieser Moment ist ein Moment für den Frieden.“ Nur einer fehlte: Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der d 14, ließ sich bei diesen spektakulären Ereignissen, die vielen Menschen wohl in schöner Erinnerung bleiben werden, nicht blicken. Dafür bekam die Künstlerin die verdiente Anerkennung von den zahlreichen Fans aus Kassel. „Die ist schön crazy, eine ganz besondere Persönlichkeit“, sagte etwa die 52-jährige Doris Röthel. Sie habe gelesen, dass Minujin sich selbst als weiblichen Salvador Dali bezeichne. Den Parthenon sehe sie als das beeindruckendste Kunstwerk dieser documenta, so Röthel. 

Dass zum Schluss 67.000 Bücher am Parthenon hingen, dafür sorgte zum Beispiel auch Heike Pönitz aus Kassel. Vom ersten Tag an, als damit begonnen wurde, das Gerüst auf dem Friedrichsplatz aufzubauen, sei sie mit „Leib und Seele“ dabei gewesen, sagte Pönitz. Sie habe rund zehn Bücher für den Parthenon gespendet, zuletzt „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner. Die Kasselerin ließ sich von Marta Minujin ein Poster mit dem Parthenon signieren. Nachdem die Künstlerin am Sonntag ihre Ansprache vor dem Parthenon beendet hatte, applaudierte die Menge und eine Frau rief „Muchas gracias“ (Vielen Dank). Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Fotos von Samstag: Parthenon ist vollständig

Der Parthenon ist vollständig: Am Samstag hingen 67.000 verbotene Bücher

Fotos von Sonntag: Die ersten Bücher werden abgenommen

Parthenon auf Friedrichsplatz: Nun können sich Besucher Bücher mitnehmen 

Video: So entstand der Parthenon

Rubriklistenbild: © Fischer

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