documenta-Professorin Nora Sternfeld im Interview

Ein Jahr nach der documenta 14: So gut war die Kunstschau wirklich

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Vor einem Jahr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – hier im Gespräch mit Kasseler Studierenden, die die Röhren von Hiwa K wohnlich gestalteten, eröffnet die documenta 14. Rechts außen sein griechischer Kollege Prokopis Pavlopoulos.

Was bleibt von der documenta 14? Die Kasseler documenta-Professorin Nora Sternfeld zieht ein Jahr nach der Eröffnung in Kassel Bilanz. Das Konzept mit Athen sei besser, als viele meinen. 

An diesem Sonntag vor einem Jahr eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die documenta 14 in Kassel. Wie sieht die Bilanz zwölf Monate später aus? Nora Sternfeld hat die documenta-Professur an der Kasseler Kunsthochschule inne. Wir haben sie am Telefon in Helsinki erreicht, wo sie bis Ende 2017 Professorin war. Gerade nimmt sie dort letzten Studierenden Prüfungen ab.

Wenn Sie an die documenta 14 denken, welches Bild fällt Ihnen als erstes ein?

Nora Sternfeld:Das ist eine gute Frage. Für mich hat die documenta 14 sehr stark ausgemacht, dass sie das Gefühl einer Verschiebung der Wahrnehmung bewirkt hat. Dafür könnte ich viele Beispiele nennen. Dass im Fridericianum plötzlich eine andere Institution - das Athener EMST - ausstellt. Dass mich der Plan auffordert, in der Nordstadt zu beginnen. Dass ich in ein anderes Verhältnis von Kassel und Athen gesetzt werde. Ich bin immer ein Teil von etwas, aber es wurde verlangt, auch Teil von etwas anderem zu werden. Diese Verschiebung der Wahrnehmung hat mich nachhaltig beeindruckt.

Über welche Künstler oder Werke haben Sie gestaunt, was haben Sie für sich entdeckt?

Sternfeld: Am Wichtigsten war für mich, wie sich „The Society of Friends of Halit“ gemeinsam mit dem Institut Forensic Architecture mit dem Mord an Halit Yozgat auseinandergesetzt hat. Diese Arbeit hat nicht nur das eigentliche Geschehen zum Thema gemacht, sondern in ihrer Form selbst in die Wahrnehmung eingegriffen. Dabei ist es auch gelungen, die Wahrnehmung in den öffentlichen Diskussionen und den Medien tatsächlich zu verändern.

Was bleibt von dieser documenta?

Sternfeld: Es braucht sicher noch ein Jahr mehr Abstand, um das zu beantworten. In der internationalen Diskussion über die documenta 14 - und das spüre ich sogar hier in Helsinki - gibt es eine Aufbruchstimmung in Bezug auf die Möglichkeiten, die Kunst anstoßen kann. In den deutschen Medien liegt ein Schatten über dieser documenta, sowohl was die finanzielle Lage betrifft, als auch in vielen einzelnen Kritikpunkten. In deutschen Kontexten spüre ich fast eine pessimistische Stimmung. Das ist eine interessante Diskrepanz.

Viele Medien sind geradezu über Adam Szymczyk hergefallen. Die ausländische Presse hat die d14 viel positiver gesehen, auch das Publikum hat sie besser bewertet. Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?

Sternfeld:Diese kuratorische Geste der Verschiebung der Wahrnehmung, von der ich anfangs sprach, diese Dislozierung, war ein ernstgemeinter Stachel im Fleisch - und das hat tatsächlich funktioniert. Deshalb gab es möglicherweise sofort erste Reaktionen, dass man sich darauf gar nicht erst einlassen könne. Wir werden sehen, inwieweit die Berlin Biennale ähnliche Reaktionen auslöst - sie tritt ja mit einem ähnlichen Anspruch an.

Heißt das, die Provokation der documenta funktioniert noch?

Sternfeld: Das ist tatsächlich so. Ich denke schon, dass sie weiter unterschiedliche Konflikte ausloten kann.

Zyniker könnten sagen, was bleibt, ist nach jetzigem Stand allein ein Defizit von 5,6 Mio. Euro. Wie ordnen Sie dieses Minus ein?

Sternfeld: Ich sehe meine Rolle eher in der Einschätzung der künstlerischen und diskursiven Fragen, aber natürlich spielen da ökonomische Fragen hinein. Und natürlich ist das diskursanalytisch spannend, und es beschäftigt mich viel, wie mit dem Defizit institutionell und medial umgegangen wird. Die documenta 14 war ja allerdings nicht die erste, die mit einem Defizit abgeschlossen hat. Es ist schade, dass das passiert ist, auch weil das größere Schlagzeilen produziert als die documenta selbst. Auch das wird also etwas sein, woran wir uns erinnern werden.

Wie ist im Rückblick die Aufteilung Athen-Kassel zu beurteilen?

Sternfeld: Das war ein unglaublich schweres Unterfangen. Mutig. Manchmal ist es nicht gelungen, dem eigenen Mut entsprechend zu agieren.

Es gab den Vorwurf, dass viel von der in Athen gezeigten Kunst überall hätte ausgestellt werden können, dass der Brückenschlag nach Kassel nicht gelungen ist.

Sternfeld: Aber in diesen translokalen Bezügen ist die documenta doch stark, also Kunst nicht ausschließlich vom Ort her und auf den Ort hin zu denken, sondern transnationale Fragen aufzuwerfen. Das Athen-Konzept war schlichtweg sehr stark. Alle Künstler und Künstlerinnen hatten die Chance, an zwei Standorten, zwei Seiten ihrer Position zu entwickeln - in Kassel und Athen. Ich habe viel Zeit an beiden Orten verbracht und war beeindruckt von der künstlerischen Konsequenz, bezogen auf diese beiden und ganz andere Orte. Das ist doch immer die Stärke der documenta - es geht immer darum, in der Stadt Kassel und zugleich an vielen anderen Orten sein zu können.

Ein Vorwurf lautete auch, die d14 habe sich verzettelt, indem sie - allzu verkopft und theoretisch - zu viele Themen und Probleme angesprochen habe - Kolonialismus, das Verhältnis vom Norden und Süden, Ausbeutung und Sklaverei, Raubkunst, Zensur, Verfolgung…

Sternfeld: Ich fand die documenta überhaupt nicht verkopft. Sie war poetisch und politisch. Jede Arbeit hat ihre eigene Form entwickelt. Ich war davon oft persönlich sehr berührt. All diese Themen waren ja geeignet, dass man mit ihnen nicht nur intellektuell, sondern auch affektiv in Verbindung tritt. Aktuelle Fragen wurden künstlerisch angesprochen, umkreist und haben in den Arbeiten einen Ausdruck gefunden - der sowohl Brisanz als auch Komplexität behalten konnte, der Themen nicht nur darstellen, sondern Sichtweisen herausfordern und durchaus verschieben konnte. Das ist ja auch der Anspruch der Kunst, Fragen der Gegenwart nicht banalisierend zur Diskussion zu stellen.

Wie erleben Sie die Debatte über den Obelisken?

Sternfeld: Ich hätte mir gewünscht, dass er bleiben kann. Ich bereite gerade einen Vortrag in Münster zur Geschichte von deutschen Monumenten vor. Vor dem Hintergrund der Mahnmalgeschichte ist der Obelisk unglaublich interessant. Es gab in den 80er-, 90er-Jahren die „Gegenmonumente“, von denen es in Kassel mit dem Aschrottbrunnen ein wunderbares Beispiel gibt. Diese Mahnmale wollten, dass die Diskussion im öffentlichen Raum erhalten bleibt. Inzwischen sind sie ganz normal und selbstverständlich. Olu Oguibe gelingt es, mit dem genauen Gegenteil einer Negativform, nämlich der Aneignung einer klassischen Form, an aktuelle Fragen anzuschließen. Ich nenne dies ein „Para-Monument“. Und das wird angenommen, mit einer lebendigen Debatte. Als Kunstwissenschaftlerin finde ich das von größtem Interesse.

Machen Sie sich Sorgen um die documenta? Es gibt noch keine Findungskommission, die den künstlerischen Leiter der d15 bestimmt.

Sternfeld:Ich mache mir keine Sorgen. Die documenta 15 wird sicher stattfinden. Die Frage ist, ob es gelingen kann, dass sie den kritischen Anspruch, aus dem sich ihre Geschichte speist, und ihre Freiheit so wird behalten können. Das hoffe ich. Dass sie von der documenta 14 lernen wird und sich gleichzeitig total neu erfindet. In diesem Spannungsverhältnis steht jede documenta: Von der vorigen zu lernen und sich doch neu zu erfinden.

Vermutlich muss Szymczyks Nachfolger die documenta irgendwie „konsolidieren“. Kommen Mega-Ausstellungen nicht an Kapazitätsgrenzen?

Sternfeld:Konsolidieren ist sicher nicht das richtige Wort. Aber das steht mir nicht zu, da Vorschläge zu machen – das ist nicht meine Aufgabe.

Das Land Hessen wird weitere Professuren für das geplante documenta Institut einrichten. Freuen Sie sich auf die neuen Kolleginnen und Kollegen?

Sternfeld: Natürlich! Ich freue mich auch auf das große gemeinsame Projekt, das wir vorhaben.

Zur Person

Prof. Dr. Nora Sternfeld, 1976 in Wien geboren, studierte Philosophie an der Universität Wien und wurde an der Akademie der bildenden Künste Wien promoviert. Seit 2012 war die 42-Jährige Professorin an der Aalto University Helsinki, seit Anfang 2018 ist sie documenta-Professorin an der Kasseler Kunsthochschule, wo sie – ebenso wie in Wien, Berlin und Zürich – schon zuvor einen Lehrauftrag hatte. Sternfeld lebt in Kassel.

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