documenta 14 setzt auf vielfältige Performances, um ihre Anliegen zu vermitteln

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Alan Hunt vom Volk der Kwakwaka’wakw aus Vancouver Island, Kanada, hat mit Gesang und einer Art Rassel in Gestalt eines blauen hölzernen Vogels die Masken des indigenen Künstlers Beau Dick in der documenta-Halle gesegnet. Für kurze Zeit entstand eine Atmosphäre von Erhabenheit und Konzentration inmitten des Trubels. Sein Kollege Cole Speck hat dann die Geschichte weitergegeben, die die Masken erzählen: Die Heldenreise des Jungen Yola’Kwame, der ins Königreich von Komokwa gerät, der unter dem Ozean lebt.

Kassel. Bis man kapiert, dass hier irgendetwas anders ist, dauert es einen Moment. Und dann wächst Irritation. Diese Verwirrung, sogar Verunsicherung ist gewollt bei Performances und gehört zu ihren zentralen Kennzeichen. Die aktuelle Beliebtheit dieses Kunstgenres zeigt sich auch bei der documenta 14. Gerade in der Eröffnungszeit finden vielerorts Performances statt.

Sehr häufig sind sie Eingriffe in den Raum. Manches Mal so minimalinvasiv wie es Georgia Sagri macht. Die 38-jährige Athenerin zeigt in einem der Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße (und punktuell auch im öffentlichen Raum) ihre farbenfrohen Skulpturen - und ihr Team performt darin. Typische Situation: documenta-Besucher laufen durch die Pavillontür, blicken sich um, sehen vielleicht zwei, drei Frauen inmitten der Objekte. Dass die die Fläche bewegungsmäßig anders nutzen als das Kunsttouristen-Publikum, fällt erstmal nicht auf, manche Pavillonbesucher sind schon wieder draußen, bevor sie die Performer überhaupt als solche wahrgenommen haben.

Geduld gehört also zu den Pflichten des Betrachters. Sich darauf einlassen, was hier anders ist. „Durch eine Performance verändert sich der Raum“, erklärt Theaterwissenschaftler Gerald Siegmund. Das liegt auch daran, dass Performer und Publikum sich im Raum unweigerlich in eine Beziehung zueinander setzen müssen. Wie weit stellt man sich weg? Ist es peinlich, wenn man früher aufbricht?

Ausstellungsmacher setzen auf die Performance als maximales Gegengewicht zur Virtualisierung unseres Alltags, wo immer mehr Menschen ihre Leben hauptsächlich durch das Display ihrer Smartphones wahrnehmen. Performances stellen den Körper in den Fokus: Fleischlichkeit ist etwas, dessen es sich wieder zu vergewissern gilt. Viele Künstler der documenta 14 beschäftigen sich auch mithilfe anderer Medien mit dem Thema Körper, denken künstlerisch darüber nach, wie Identität mit dem Körper zusammenhängt und wer sie einem zuschreibt.

In der neuen Hauptpost stehen, liegen und schleichen noch die ganze Woche die lebendigen Skulpturen der zypriotischen Künstlerin Maria Hassabi herum. Die Tänzer, die an ihren spitzen Schuhen zu erkennen sind, verlangsamen ihre Bewegungen so stark, dass jede einzelne Nuance davon zu sehen ist.

Manche Performances der d14 sollen den Exponaten eine zusätzliche Dimension verleihen, Klangobjekten werden Töne entlockt – und mit den Klängen wirkt die Kunst ringsum mit einem Mal ganz anders.

Es gibt ferner Aktionen, die Material oder Geschichten, die hinter dem Gezeigten verborgen sind, sichtbarmachen sollen, etwa zwischen den Fotos und Aktenkisten von Stefanos Tsvipoulos im Fridericianum, in dessen „Precarious Archive“ Performances stattfinden.

In eine ähnliche Richtung gingen Alan Hunt und Cole Speck, die die indigenen Masken von Beau Dick in der documenta-Halle einerseits segneten, andererseits den Besuchern das Märchen nahebrachten, das die vielen Tierfiguren erzählen. Vom Bär bis zum Baby-Seeigel.

Was man sieht und was man hört, passt nicht gleich zusammen: Negros Tou Moria (rechts) trägt zwar Folklorekleidung, rappt aber mit fetten Bässen und mit anderen Musikern auf den Stufen des Fridericianums. Damit verbindet er scheinbar Trennendes. Nicht nur musikalisch, auch Menschen: In Kassel documenta-Besucher und -Macher, junge und ältere Menschen, Fremde tanzen spontan zusammen. Negros Tou Moria vereint mit seiner Musik. Für eine Stunde ist niemand ein Fremder, niemand anders – alle fröhlich. Auch das ist die d14.

Das Direkte einer Performance wird von der d14 als so wichtig empfunden, dass sie manche frühere Aktionen für museumsreif erklärt. So sind etwa Dokumente von Performances der Tänzerin Anne Halprin in Vitrinen gelandet. Das Kraftvolle soll in konservierter Form zu uns sprechen.

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