Performance in frühen Morgenstunden

Kunst oder Straftat? Die mit den Gleisen tanzen

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Rekelnd im Dialog mit der Umgebung: Die Tänzer und Sänger der Performance Cie. still/motion am Kulturbahnhof.

Kassel. Für die einen ist es sinnliche Kunst, für die anderen eine mögliche Straftat. Es heißt, über Kunst kann man streiten. Warum das so ist, bewies (ganz nebenbei) eine Tanzperformance im Kulturbahnhof am Dienstagmorgen.

4.55 Uhr

Stille. Es ist, als würde der Kulturbahnhof noch schlafen. Dort, wo es sonst dröhnt und rattert, pfeift und klappert, ist es befremdlich leise. Die Bahnsteige sind menschenleer, die Geschäfte geschlossen. Nur auf dem stillgelegten Gleis 1 liegen vier Menschen. Auch sie scheinen zu schlafen. Regungslos. Die Augen geschlossen.

5 Uhr

Das Sonnenlicht wird von Minute zu Minute kräftiger. Langsam fangen die drei Frauen und der Mann an, sich zu rekeln. Zu entfalten. Sie berühren die Gleise, hocken sich, tasten Steine ab – Schneckentempo. Immer wieder halten sie inne. Langsam öffnen sie ihre Augen, erklimmen den Bahnsteig, erkunden ihn. Schritt für Schritt. Einige Zuschauer sind zum Bahngleis gekommen, um die Tanzperformance Cie. still/motion zu sehen. Je lichter es wird, desto mehr Konturen sollen die Körper bekommen, hieß es in der Ankündigung, doch der Plan geht nicht ganz auf. Die Grenze zwischen Tag und Nacht ist überschritten.

In Aktion: (von links) Géraldine Keller, Bettina Helmrich, Patricia Kuypers und Franck Beaubois bei der Tanzperformance.

5.15 Uhr

Zwei hell beleuchtete Züge fahren nebenan ein, ohne Passagiere. Zwei Männer in Anzügen nähern sich Gleis eins. Sie schauen irritiert und lachen über die Tänzer, die mittlerweile das nächste Gleisbett erreicht haben. Ab und an summt eine der Frauen oder heult auf. Erst leise, dann laut. Unweigerlich denkt man an Leid. Schmerz. Gedanken an die Juden, die im Dritten Reich vom Kulturbahnhof deportiert wurden, kommen auf.

Die Tänzer tasten ihr Umfeld ab, erkunden es. Es wirkt, als würden sie die Umgebung in sich aufnehmen, mit ihr in einen Dialog treten. Weggeworfene Flaschen werden aufgehoben, gegen Schienen geklopft. Eine zerspringt. Glas kratzt über rostiges Eisen. Die Zuschauer beobachten die Tänzer um Leiterin Bettina Helmrich gebannt. Aber: Nicht alle sprechen diese Sprache der Kunst – ein Polizeibus fährt vor.

5.40 Uhr

Zwei Zuschauer mehr: Polizisten. Die Tänzer lassen sich nicht irritieren, wirken wacher und agiler. Bewegen sich weiter auf der für die Künstler fremden Bühne, die so vielschichtig ist. Zigarettenreste, eine große Distel, ein Geländer, Gleise, Steine, bekommen eine neue Rolle, finden Beachtung – werden für wenige Minuten zur Kunst.

6 Uhr

Die Zuschauer applaudieren lange, die zwei abseitsstehenden Männer schütteln verächtlich den Kopf – es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Termine: 5 Uhr, 6.7., Karl-Branner-Brücke, 7.7., Ehrenmal Kassel Fürstengarten. Südflügel Kulturbahnhof: 8.7., 20 Uhr und 9.7. 12 Uhr.

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