Videoinstallation

Gewölbe unter Fridericianum: Tief hinab in eine serbische Mine

Goldgräber: Ben Russell hat Arbeiter einer Goldmine in Surinam und einer Kupfermine im serbischen Bor gefilmt. Seine gut 90-minütige Video-Installation „Good Luck“ (16mm-Film zu Digitalvideo übertragen) wird im Keller des Fridericianums gezeigt. Foto:  d14

Kassel. Im Gewölbe unter dem Fridericianum geht es für die Besucher noch weiter in die Tiefe - in eine serbische Mine.

Am Anfang geht es tief nach unten. Für die Kamera von Ben Russell, die sich in den Schacht einer serbischen Mine stürzt, und für die documenta-Besucher – nicht ganz so schwindelerregend –, wenn sie auf dem Friedrichsplatz über eine schmale Treppe in den Keller des Fridericianums steigen.

In dem unterirdischen Gewölbe stoßen sie auf Russells Vierkanal-Videoinstallation „Good Luck“, die sich wie Ausblicke aus einem Tunnel auf die halbrunden Mauern der Katakomben legt. Der US-amerikanische Künstler hat Arbeiter in einer Goldmine in Surinam und in einer Kupfermine im serbischen Bor gefilmt. Scheinwerfer leuchten in verschwitzte Gesichter, Abgase ziehen durch die engen Stollen, und vom Dröhnen der schweren Maschinen scheinen auch die Wände des Kellers zu vibrieren.

Ben Russell, den man getrost eine Berühmtheit der experimentellen Filmszene nennen kann, ist Zelluloid-Nostalgiker. Die meisten seiner Werke sind auf 16-Millimeter-Film gedreht, die gegenwärtigen Szenen aus dem rohstoffreichen Bauch der Erde werden durch die körnigen Bilder aus der Zeit gehoben.

Russells Protagonisten sind sehr verschiedene Männer an sehr verschiedenen Orten, doch durch den Blick der Kamera und die große Erzählung dieser documenta werden sie vor allem eines: ein rußverschmiertes Sinnbild für die Zurückgelassenen einer gierigen Global-Ökonomie. Das glänzende Metall wird sie nicht reich machen, neben den kostbaren Rohstoffen schürfen sie auch nach ein wenig Menschlichkeit. Ben Russell lässt diese Männer über ihre Hoffnungen und Wünsche sprechen (keiner von ihnen hat die Schule beendet, alle wünschen sich Bildung für ihre Kinder) und schält Momente der Kameradschaft und Solidarität aus den Interviews heraus.

Trotzdem hat das Vorsprechen der Arbeiter etwas allzu Plakatives, weil von Anfang an klar ist, was diese Befragten sein sollen: Platzhalter für einen körperlichen und sozialen Kampf, ein menschliches Fundament des Kapitalismus.

Ben Russell nennt seine Strategie „nicht-fiktionales Filmemachen“, um den Begriff des Dokumentarischen zu vermeiden, spielt aber immer wieder mit dem anthropologischen Blick und der Kamera als Forschungsinstrument.

Besonders eindrücklich und wesentlich subtiler ist ihm dies in seiner Serie „Trypps“ gelungen, die in Teilen in Athen gezeigt wird und im Februar im Filmladen in Kassel zu sehen war. Darin beschäftigt er sich mit menschlichen Rauschzuständen und zeigt eine ekstatische Konzertmenge genauso wie rituelle afrikanische Tänze oder eine junge Frau, die in einem amerikanischen Nationalpark LSD geschluckt hat.

Die kurzen Clips suchen nach filmischen Ausdrucksmitteln für den Rausch, ohne ihn erklären zu wollen. Im LSD Video „Trypps #7 (Badlands)“ wird die karge Landschaft durch einen rotierenden Spiegel in Bewegung versetzt. Was die entrückt lächelnde Frau sieht, während sie sich vor einem analog gekörnten Azurhimmel wiegt, werden die Zuschauer jedoch nie erfahren.

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