Freude und ernste Töne

documenta 14 vor dem Start: Gedenken an Halit Yozgat

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Gedenken an Halit Yozgat mit Beifall im Stehen: Am Pult stehen (von links) Serdar Kazak, Natascha Sadr Haghigian und Adá Kazak, in der ersten Reihe d14-Kuratoren und Mitarbeiter.

Athen. Auf der Pressekonferenz in Athen wurde deutlich, wie politisch sich die documenta begreift. 

In die Soundperformance zum Auftakt mischten sich in ein unverständliches Stimmengewirr einige Schreie, die wie Jubel klangen, am Ende gab es Beifall und erleichterte Rufe. 

Dem documenta-Team war anzumerken, dass mit der bestens organisierten Auftaktveranstaltung für die Medien ein wichtiger Schritt auf der langen Reise oder in dem „Kontinuum“ der documenta 14 geschafft ist, von denen der künstlerische Leiter Adam Szymczyk sprach.

Auch wenn Geschäftsführerin Annette Kulenkampff am Rande der Auftaktpressekonferenz die Euphorie etwas bremste: „Wir haben noch viel vor.“

Bei aller Freude und vielen Danksagungen gab es vor hunderten Journalisten im Megaron Konzerthaus auch sehr ernste Töne. Zum Beispiel, als an Halit Yozgat erinnert wurde, den Kasseler Betreiber eines Internet-Cafés, der auf den Tag genau vor elf Jahren von der Terrorgruppe NSU ermordet wurde. Eine Abordnung der „Gesellschaft der Freunde von Halit Yozgat“, darunter die d13-Teilnehmerin Natascha Sadr Haghighian, beklagte „Neonazi-Terror“ sowie „strukturellen Rassismus“, plädierte für Zuwanderung und Solidarität. Auf der Bühne stand man zum Applaus auf, im Saal erhoben sich einige Zuhörer.

Genauso, als ein Mitglied des syrischen Filmer-Kollektivs Abbounaddara beklagte, wie den Opfern des Bürgerkriegs durch Bilder ihrer verwundeten und verstümmelten Körper das Recht auf Würde und Selbstbestimmung genommen werde. Durch diese Machtlosigkeit, diesen Missbrauch des Rechts am eigenen Bild komme es zu einer nie gesehenen Banalisierung des Bösen. Die Opfer würden zusätzlich erniedrigt, wenn Verbrechen gegen die Menschlichkeit Tag für Tag über die Bildschirme flimmerten, als seien es ganz normale Nachrichten.

Für einen Mitarbeiter des „Wall Street Journal“ malte die documenta allzu schwarz. Die schlimmste Phase der Finanzkrise habe Griechenland doch hinter sich, fragte er, ob die documenta nicht längst verheilte Wunden aufreiße, statt nach vorn zu schauen.

Die Kuratoren Paul P. Preciado und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung antworteten, es handele sich um einen globalen Prozess: um eine Krise der Demokratie an sich, eine gesellschaftliche genauso wie um eine Krise der Menschlichkeit.

Die documenta sei kein Wundermittel für politische Ergebnisse, die Ausstellung könne keine Antworten geben. Aber die Frage aufwerfen: „Wie wollen wir in dieser Welt gemeinsam leben?“

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