Überregionale Zeitungen gehen mit der Ausstellung teilweise hart ins Gericht

„Ist die Kunst vielleicht am Ende?“ - Was die Presse zur documenta sagt

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Vor Guillermo Galindos Flüchtlingsbooten in der documenta-Halle: d14-Leiter Adam Szymczyk muss viel Kritik einstecken. Foto: Fischer

„Kassel im Ausnahmezustand“, titelt Spiegel.de. Bilanz des Rundgangs von Autorin Carola Padtberg: Vielleicht könnten nicht nur Kassel und Athen voneinander, sondern die Welt von der d14 lernen.

Denn anders als die Venedig-Biennale glaube die d14, dass Veränderung möglich sei. „Sie sucht die Reibung, nicht den Ausgleich, und wird damit zum spannendsten Kunstereignis des Jahres.“

Nicht alle Kritiker sehen es so positiv. Die meisten Medien heben neben der Abkehr vom Kunstmarkt ihren moralischen Auftrag und „politische Allgemeinplätze“ (FAZ) hervor, das „theoretische Korsett“ und „Kuratoren-Getöse“, das die Künstler „in ein moralinsaures Gedankengefängnis“ sperre („Die Welt“). Manchen Autoren fällt auch das Fehlen von Positionen aus Russland oder China bei der documenta 14 auf.

Frankfurter Allgemeine

„So viel vorweg“, schreibt Kolja Reichert unter Bezug auf Adam Szymczyks „postkoloniales Modewort des ,unlearning‘“: „Verlernen ist noch schlimmer als Lernen.“ Der ideale Betrachter müsse sich von allen Erwartungen an eine Ausstellung verabschieden, „unendlich füll- und dehnbar“ sein und sich der Kunst mit allen Sinnen öffnen wie ein Konzertbesucher. In jedem Raum dürfe er sich neu dumm fühlen. Das Ideal: Er sei „belesen, schlank und schwarz gekleidet, ein Hungerkünstler, der die Speise nicht findet, die ihm schmeckt“.

Reichert sah „banalste Beispiele möchtegernpolitischer Konzeptkunst“, wohlfeile neben „autoritärst“ dargebotenen Positionen. Immerhin: Weil sie vom tiefsitzenden Unbehagen an der Kunst künde, sei die d14 interessanter als die Venedig-Biennale. Ein „überbesetztes Kuratorium“ benutze „zweitklassige Werke aus möglichst weiter Entfernung“, um Desinteresse am Status Quo der Kunst zu demonstrieren.

Niklas Maak meint zwar, die d14 setze politische Themen „mit der symbolbildnerischen Dampframme in den öffentlichen Raum“, er hat aber auch Aktionen im Stadtraum entdeckt, die ihn beeindruckt haben: die Torwache, den Parthenon, die lichten und offenen Bauten von Ciudad Abierta.

Süddeutsche Zeitung

Catrin Lorch hebt hervor, dass die documenta „einen Realismus des 21. Jahrhunderts“ in der Ausstellung etabliere. Besonders die Film- und Videoarbeiten haben sie beeindruckt: „Selten hat man sich weiter entfernt gefühlt von den kurzen, kleinen Clips, mit denen Smartphone-Industrie und Internet-Seiten die Wirklichkeit darstellen.“ Zur Neuen Galerie schreibt sie: „So klug wurde selten von der Kunst erzählt, von ihren Konventionen, Verstrickungen, Abhängigkeiten.“

Die Welt

Ganz anders sieht es Swantje Karich. Ihr Urteil über die Neue Galerie: „Mit dieser Kette an historischen Bezügen wird unserem Gehirn ein Geschichts-Hopping abverlangt, das an ein Zappen im Bildungsfernsehen erinnert.“ Karich sieht die groß angekündigte Revolution und Weltverbesserung als „gescheitert“ an. Diese Erkenntnis sei „niederschmetternd“: „Der versprochene globale Kunstputsch bleibt hochtrabende Theorie mit einem sehr fahlen Beigeschmack.“ Es fehle ein konzeptuelles Zentrum, an dem die vielen Stränge und Gedanken sortiert werden könnten. Statt einer Ordnung wolle Szymczyk dieses „Verlernen“, eine Orientierungslosigkeit: „Wir aber fühlen uns instrumentalisiert.“

Die Kunst selbst sei brav, visuell und inhaltlich extrem schwach: „Ist die zeitgenössische Kunst vielleicht am Ende? Gehen ihr die Mittel aus? Das Drama dieser documenta ist, dass sie diesen Eindruck stützt, obwohl sie das Gegenteil erreichen wollte.“

Der Spiegel

Als eigentliche Irritation der d14, diesem „Röntgenbild der Gegenwart“, beschreibt Ulrike Knöfel die „Stimmung der Demokratieverdrossenheit“, nicht die Kunst selbst. Adam Szymczyk wolle die Demokratie als abgewirtschaftet, als Risiko und Gefahr entlarven, bleibe aber „seltsam abstrakt, wenn es um Alternativen geht“.

FAZ am Sonntag

Die Standorte seien gut gewählt, in der Neuen Galerie, dem dichtesten von ihnen, würden erstaunliche Verbindungslinien zwischen Kassel und Athen deutlich, schreibt Boris Pofalla in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Größte Schwäche der d14 sei ihre „abgrundtiefe Sehnsucht, moralisch richtig zu liegen: Sie machte schon in Athen aus Kunstwerken Dokumente des internationalen Befreiungskampfes, angeführt von furchtlosen Kuratoren, die eben aus dem transfeministischen Teach-in gestolpert sind.“

Mehr zur d14 finden Sie auf www.hna.de/documenta

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