Interview mit Daniel Knorr zum Zwehrenturm

„Der Rauch ist nicht nur Athen“: documenta-Künstler über ein Missverständnis

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Er vernebelt Kassel bis zum 17. September: Daniel Knorr Anfang Juni umhüllt von seiner Arbeit „Expiration Movement“ auf dem Zwehrenturm. 

Kassel. Die documenta in Athen ist vorbei, doch aus dem Zwehrenturm raucht es unbeirrt weiter. Und das entgegen der allgemeinen Überzeugung vieler. Warum das so ist. 

Das Kunstprojekt „Expiration Movement“ (Bewegung des Ausatmens) von Daniel Knorr , das oft als Verbindung von Athen nach Kassel interpretiert wurde, soll bis zum Ende der d14 im September weitergehen. Wir haben den Künstler am Telefon erreicht.

Herr Knorr, in Kassel herrschte die allgemeine Überzeugung, dass mit der documenta in Athen auch der Rauch aufhört. Jetzt qualmt es aber weiter: Haben wir Sie falsch verstanden oder haben Sie sich umentschieden?

Daniel Knorr: Ich glaube, da lag von Anfang an ein Missverständnis vor, das sich verbreitet hat. Ich wollte nie, dass der Rauch mit nur einem Standort verbunden ist. Der Rauch signalisiert die Ausstellung in ihrer ganzen Dauer, deshalb hat sie mit dem Start in Athen begonnen. Aber sie steht für die ganze d14.

Die Kasseler Feuerwehr, bei der immer wieder Notrufe wegen Ihres Werkes eingehen, kann also noch nicht durchatmen. Bringen Sie mal einen Kuchen vorbei?

Knorr: Da war ich schon und habe dem Chef ein Buch geschenkt. Ich habe gehört, dass es inzwischen nicht mehr so viele Anrufe gibt.

Verändert sich die Arbeit für Sie, wenn sie nicht mehr die Ausstellungen in Kassel und Athen verbindet?

Knorr: Nein, weil das Werk für mich nicht nur diese beiden Städte repräsentiert. Die Ausweitung nach Athen hat noch einmal besonders deutlich gezeigt, dass die documenta europäisch ist, das wollte ich aufnehmen. Der Rauch ist ein Monument unserer Zeit, das sich verflüchtigt, wie so vieles andere. Er geht weit über Kassel hinaus.

Können Sie eigentlich tatsächlich das Kasseler Werk mit Ihren Künstlerbüchern aus Athen finanzieren, wie Sie es geplant hatten?

Knorr: Fast. Ich habe inzwischen 700 Bücher verkauft, 400 sind noch da. Es reicht nicht ganz, um den Rauch zu finanzieren, aber dann muss ich eben noch ein bisschen was dazuschießen. Ich finanziere die Arbeit weiterhin selbst.

In Athen bricht die documenta nun ihre Zelte ab. Mit welchem Gefühl haben Sie die Stadt verlassen?

Knorr: Einerseits mit einem guten Gefühl, weil es eine gute Ausstellung mit einem gelungenen Abschluss war. Auf der anderen Seite spürt man natürlich eine gewisse Melancholie dort, weil die documenta viele Anstöße in der Stadt gegeben hat. Jetzt müssen alle Beteiligten sehen, wie es weitergeht.

Was, glauben Sie, bleibt von der d14?

Knorr:Ich glaube, es wurde ein Bewusstsein für diesen Ort geschaffen. Ich habe in Athen auch viele Kasseler getroffen, die haben die Stadt wirklich erlebt und nicht nur im Fernsehen gesehen. Das bewirkt etwas. Die documenta hat Athen auf die Landkarte der Kultur zurückgebracht, so ähnlich wie es die erste documenta mit Kassel getan hat. Das ist für mich ein großer Verdienst. Athen hat Kunst auf hohem Niveau gezeigt, was hoffentlich auch Möglichkeiten für die Zukunft eröffnet.

Service:

Aus dem Zwehrenturm am Friedrichsplatz raucht es künftig täglich von 10 bis 20 Uhr. Auch montags, dem Ruhetag in Athen, an dem der Rauch bisher pausierte, soll das Werk bis zum Ende der documenta 14 laufen.

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