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„Sie fragen mich: Wo ist der Skandal?“: Dan Perjovschi zum Abschluss der documenta 15

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Von: Leonie Krzistetzko

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Er hat die Säulen am Fridericianum gestaltet: Der rumänische Künstler Dan Perjovschi spricht im Interview darüber, wieso ihn die documenta nicht ruhig schlafen ließ.

Künstler Dan Perjovschi auf der d15.
Künstler Dan Perjovschi auf der d15. © Krzistetzko, Leonie

Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat das Bild der documenta fifteen maßgeblich beeinflusst: Denn er hat unter anderem die Säulen des Fridericianums gestaltet. Das habe ihn zum „Poster-Boy“ gemacht, also zum Aushängeschild, erzählt er im Interview. Er spricht zudem darüber, wie sich das Ende der documenta 15 für ihn anfühlt und wie er zum „We are angry“-Statement einiger Kunstschaffenden steht.

Sie haben mit dem Portikus des Fridericianums vermutlich den prominentesten Platz auf der documenta fifteen bekommen. Mit welchen Gefühlen sind Sie an die Gestaltung gegangen?

Durch die Säulen bin ich nun so etwas wie der „Poster-Boy“ der documenta, also das Aushängeschild.

Ich bin es gewohnt, mit großen Dimensionen zu arbeiten, ich arbeite mit großen Museen zusammen vom Museum of Modern Art in New York bis zur Tate Modern in London und gestalte dort große Räume. Ich habe also keine Angst vor großen Dimensionen, aber habe trotzdem einen gewissen Druck gespürt. Ich gehöre zu keinem Kollektiv, ich bin ein weißer europäischer Mann. Auf dem Papier gehöre ich also nicht zu dieser documenta. Deshalb habe ich eine große Verantwortung verspürt. Außerdem war die Arbeit schwierig: Ich kann flache Medien meistern, aber die Säulen sind dreidimensional. Außerdem sind die Säulen massiv und der Stein ist brutal.

Nebenbei bemerkt: Ich war 1992 das erste Mal in Kassel, um die documenta zu besuchen - die mit dem Himmelsstürmer. Das ist doch metaphorisch schön, oder?

Es schließt sich der Kreis, nun zeigen Sie ihr „Horizontal Newspaper“ direkt daneben. Was bedeutet Ihnen die Ausstellung?

Die documenta 1992 war die erste große internationale Ausstellung, die ich je gesehen habe. Wir kamen gerade aus der Diktatur, wir konnten bis dahin nicht reisen und wir hatten überhaupt keine Informationen über die westliche Welt. Seitdem habe ich alle documenta-Ausstellungen besucht.

Sie haben außerdem schon 2003 hier ausgestellt – wie sind Sie mit Kassel verbunden?

Wenn man die documenta besucht, hat man nie Zeit, weil man sich nur die Museen anschaut. Und wenn es neue Räume gibt, sieht man diese - wie 2017, als auch die Grimmwelt ein Spielort war. Ich wusste vorher nicht, dass das Museum existiert. Genauso wie das Sepulkralmuseum, das fantastisch ist. Ich habe Kassel also durch die documenta entdeckt, sowie die Hotels, in denen ich gewohnt habe.

Meine Frau und ich haben zum Beispiel nie den Herkules besucht, obwohl ich schon oft in Kassel war – wir brauchen immer ein wenig Wellness. (lacht) Ich besitze aber eine Postkartensammlung.

Charakteristisch sind für Sie Ihre piktogrammartigen Zeichnungen. Wie sind Sie zu diesem Stil gekommen?

Ich habe eine sehr konservative akademische Ausbildung als Maler während des Kommunismus in Rumänien absolviert und mochte die Schule nicht - also habe ich versucht, gegen sie zu rebellieren. Als die Diktatur dann fiel, habe ich mit den Printmedien angefangen, weil man das erste Mal ohne Zensur drucken konnte. Also habe ich für politische Zeitungen gearbeitet und Artikel illustriert. Meine Zeichnungen veränderten sich durch die Artikel, die sie begleiteten. 

Dann hatte ich 1999 für die Biennale in Venedig eine sehr erfolgreiche Arbeit, bei der ich den Boden des rumänischen Pavillons bemalt habe. Wenige Jahre später wurde ich zu einer großen Ausstellung in der Kokerei Zollverein in Essen eingeladen, wo ich auf dunklen Wänden arbeiten musste. Hier konnte ich nicht mit raffinierten Linien malen. Das hat meine Arbeit verändert.

Wo Sie ihre Arbeit als Journalist erwähnen - Sie zeichnen unter anderem für das rumänische Wochenmagazin „revista 22“. Wie sind Kunst und Journalismus für sie verwoben?

Bis in die Mitte der 1990er-Jahre waren es zwei getrennte Welten für mich – dann habe ich sie aber zusammengelegt, weil ich dieselbe Art von Zeichnungen für die Kunstwelt und Publikationen erstelle. Ich wechsle von der Wand zur Seite und umgekehrt, habe aber die Mentalität eines Journalisten. Der Job bei „Revista 22“ ist außerdem meine Altersvorsorge.

Sie äußern sich in Ihren Skizzen politisch – wie wichtig ist eine solche Positionierung für Ihre Kunst?

Ich bezeichne mich nicht als politischen Künstler, nicht einmal als Aktivist. Aber ich kann damit in Verbindung gebracht werden.

Ich war in den letzten 15 Jahren ziemlich aktiv und habe in meinem Land Protestbanner vor allem zu Menschenrechten und dem Klimawandel gezeichnet. Ich unterstütze außerdem viele Organisationen und Initiativen und entwerfe zum Beispiel T-Shirts für sie.

Sie sagten zu Beginn der d15, dass Sie lieber allein arbeiten. Nun lag der Fokus der Ausstellung aber auf Kollektivität. Was ist aus Ihrer Einstellung geworden?

Ich arbeite nicht in einem Kollektiv, aber ich kann mich mit einigen zusammenschließen oder Partnerschaften eingehen. Ich war in einer Arbeitsgruppe mit Nhà Sàn Collective aus Vietnam, Baan Noorg Collaborative Arts and Culture, dem Nest Collective und Fehras Publishing Practices. Das sind sehr coole Typen. In der Konstellation haben wir alle zusammengearbeitet und ein gemeinsames Budget verwaltet. Ich habe gelernt, etwas zu geben und beizutragen und mir Standpunkte anzuhören, die nicht meine eigenen sind. Auch habe ich gesehen, dass sich die vietnamesischen Künstler wirklich um die vietnamesische Gemeinschaft in Kassel gekümmert haben. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, nachzusehen, ob es hier eine rumänische Gemeinschaft gibt, aber vielleicht werde ich es das nächste Mal tun, wenn ich in eine andere Stadt gehe.

Die Form der kollektiven Arbeit funktioniert für mich aber nicht, weil ich aus einer kommunistischen Diktatur komme, in der Kollektivität erzwungen wurde. Dabei ist meine Frau auch Künstlerin, dementsprechend sind wir eine Art Minimal-Lumbung (lacht).

Sie schaffen Kunst, die danach wieder überstrichen wird. Wie haben Sie gelernt, loszulassen?

Zunächst einmal bin ich nicht dabei, wenn meine Werke übermalt werden, ich sehe es also nicht. Außerdem habe ich angefangen, mit der Idee des Verschwindens und der Zeitlichkeit zu arbeiten und sie zu einer Art Performance werden zu lassen. Auch hier vor dem Bahnhof sind einige meiner frühesten Bilder durch Regen und Sonne fast ausgelöscht. Man sieht also den Einfluss der Zeit. Und das ist wunderschön.  

Außerdem gab es die Diskussion unter einigen Künstlern, dass wir uns zurückziehen und die documenta frühzeitig beenden – dem habe ich nicht zugestimmt. Denn jede Stunde, die die documenta geöffnet hat, ist für mich ein Gewinn. Denn sie gefällt den Menschen. Und das ist die beste Antwort auf jede Art von Angriff. In den Diskussionen ist das Konzept des poetischen Rückzugs entstanden– meiner ist von der Sonne gemacht.

Auch wenn Sie von einem poetischen Rückzug sprechen: Sie haben das Statement „We are angry“ nicht unterschrieben. Wieso?

Es ist nicht so, dass ich mit allem nicht einverstanden bin. Aber ich denke, dass manchen Künstlern noch nicht klar geworden ist, was für eine große Sache dieses Banner von Taring Padi war. Es hat in Deutschland einen Schock ausgelöst. In dem letzten Brief wurde dieses Ausmaß nicht anerkannt. Außerdem sind wir nicht perfekt, wir sind keine Engel, es gab auch Reibereien zwischen einigen der Künstler und den Angestellten - aber das wurde auch nicht anerkannt. Hier bei meinem „Horizontal Newspaper“ habe ich deshalb die Zeile „Wir sind nicht perfekt“ hinzugefügt. Weil der Teil fehlte, habe ich nicht unterschrieben.    Und man kann Deutschland nicht als das Land der Zensur darstellen – es ist das Land, das mir seit den 1990er-Jahren die ganze Freiheit gegeben hat, mich auszudrücken. Der Text erweckt den Eindruck, dass es hier die Hölle war.

Wie empfinden Sie das?

Das war es nicht – zumindest nicht für mich. Für manche meiner Kollegen war es vielleicht nicht angenehm. Aber kommt schon: Ich kann in Thailand ins Gefängnis kommen, wenn ich auf der königlichen Familie herumhacke, ich kann in Vietnam verhaftet werden, wenn ich auf der kommunistischen Partei herumhacke, und ich kann in Jakarta getötet werden, wenn ich auf Mohammed herumhacke. Das ist die Realität. Aber mit der allgemeinen Aussage bin ich durchaus einverstanden. Was ist das für ein Komitee, das meine Kunst beurteilen will? Wer soll entscheiden, was was ist? Und wieso?

Wie haben Sie die Debatte um die documenta medial wahrgenommen?

Ich bin seit 30 Jahren Journalist und gehöre zu der Generation in meinem Land, die sich zum ersten Mal die Freiheit des Druckens ohne Zensur nahm. Daher respektiere ich die gedruckten Medien - und ich liebe die deutschen Zeitungen. Jedes Mal, wenn ich in ein anderes Flugzeug umsteige, sammle ich Zeitungen vom Münchner Flughafen. Ich bewundere das Feuilleton sehr. In meinem Land ist so etwas nicht mehr möglich - es gibt nicht genug Geld, und die Kultur ist fast verschwunden.

Dennoch: Als die documenta begonnen hat, sind viele der großen Zeitungen etwas boulevardesk geworden. Sie haben nicht den richtigen Kontext geschaffen, nicht genug recherchiert und mehrschichtig genug analysiert. Sie haben die ganze documenta für den Eklat verantwortlich gemacht. Man kann keineswegs eine Ausstellung mit 1000 Künstlern verurteilen, wenn man Probleme mit drei oder vier Werken hat.

Die Menschen kommen zu mir, wenn ich am Bahnhof arbeite, und fragen mich: Wo ist der Skandal? Dann sage ich: Es gibt keinen Skandal, trinken Sie ein Bier in der WH22 und entspannen Sie sich. Wenn sie zurückkommen, sagen sie mir dann, dass sie es genossen haben.

Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen?

Zunächst einmal habe ich an der documenta teilgenommen, was hervorragend ist, weil ich diese Ausstellung mag und sie für mich eine große Bedeutung hat. Ich erkenne die Macht der Ausstellung und nutze sie in meiner Heimat, um Themen anzusprechen und das Kunstgeschehen in meinem Land zu verändern. In Rumänien machen wir Ausstellungen, zu denen 20 Leute kommen. Wir können keine riesigen Menschenmassen generieren, aber vielleicht können wir aus unseren Galerien herauskommen und mit den Menschen interagieren.

Ich liebe es hier. Der Austausch, die Zusammenarbeit und die Kooperation werden die Schlüsselelemente für die Zukunft sein. Wir befinden uns im Krieg und in einem Klimakollaps. Die Kuratoren hatten eine brillante Idee und die Kollektive haben sie fantastisch umgesetzt.

Wie fühlt es sich für Sie an, dass die d15 vorbei ist?

Ich habe mich entschieden, vor dem 25. September abzureisen, weil ich nicht gut mit Abschieden umgehen kann. Natürlich werde ich in einem Monat bedauern, dass es vorbei ist. Ich bin ein Künstler aus einer Arbeiterfamilie der rumänischen Provinz mit einer konservativen akademischen Bildung – und hier konnte ich treiben, was immer ich wollte. Ich habe dadurch quasi das Himalaya-Gebirge bestiegen (lacht). Ich scherze, aber es war wirklich fantastisch.

Allerdings wache ich nachts immer auf und muss an die documenta denken. Denn die Diskussionen und Vorwürfe finden nicht nur in der Zeitung statt, sondern auch in meinem Bauch, weil ich ein Aushängeschild bin. Menschen beschuldigen die Ausstellung und zeigen mein Bild. Ich überlege also, wie ich zeichnerisch darauf antworten, die Positionen verstehen, und zwischen den beiden Seiten verhandeln kann.

Also schwingt auch eine gewisse Erleichterung mit?

Ja, es war auch eine Qual. Jede zweite Woche ist wieder etwas passiert, dann gab es Entschuldigungen, und plötzlich wurde eine Seite in einem Buch in einem Archiv in einem Stockwerk von Archiven gefunden. Ich habe die Zeit geliebt, und sie hat mich zum Nachdenken gebracht, sie ist mir aber auch auf den Magen geschlagen.

documenta 15: Künstler Dan Perjovschi uns sein „Horizontal Newspaper“
documenta 15: Künstler Dan Perjovschi uns sein „Horizontal Newspaper“. © Krzistetzko, Leonie

Zur Person: Dan Perjovschi

Dan Perjovschi (60) ist ein rumänischer Künstler, der auch für die Wochenzeitschrift „revista 22“ arbeitet und illustriert. 1999 war er mit seinen piktogrammartigen Zeichnungen Künstler auf der Biennale in Venedig, er stellte zudem unter anderem New Yorker im Museum of Modern Art aus, aber 2003 auch in Kassel. 

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