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documenta 15: Robert Gabris lenkt mit seiner Installation „Error“ den Fokus auf die queere Roma-Community

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Von: Leonie Krzistetzko

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Zum Reinsehen: Die Installation „Error“ vom Künstler Robert Gabris.
Zum Reinsehen: Die Installation „Error“ vom Künstler Robert Gabris. © Andreas Fischer

Im Fridericianum befindet sich die raumfüllende Installation „Error“ des Künstlers Robert Gabris. Sie thematisiert die Situation der queeren Roma-Community und formuliert klare Worte an die Gesellschaft.

Ein Stoffbanner hängt von der Decke im Ausstellungsraum des Fridericianums, ein selbst bezeichnetes „Manifest“, in Rot auf weißen Stoff gestickt. „Wir sind ein Fehler“, ruft es den Betrachtenenden entgegen. Es ist umgeben von Fotografien, die schwerelos im Raum zu schweben scheinen. Sie zeigen nackte Körper, Hände, die ineinandergreifen, Momente voller Intimität. Manche von ihnen stechen plakativ ins Auge, andere sind mit einer dünnen Lage Stoff benetzt, fast als wolle man ihre Zerbrechlichkeit beschützen.

„Mach einen Schritt zurück, damit wir einen Schritt nach vorne machen können“, steht in slowakischer Sprache auf einem Stoffband geschrieben, das dem Raum als Absperrband dient. Die Installation „Error“ (Fehler) des Künstlers Robert Gabris ist wie eine Luke konzipiert: Sie gibt flüchtige Einblicke in die Welt der queeren Roma-Community, lässt aber nicht Teil von ihr werden. Stattdessen soll man innehalten und sich mit dem Manifest befassen, das klare Worte an die Gesellschaft findet.

„Ich wollte vermeiden, dass die Bilder wie in einem Zoo zur Schau gestellt werden und dass die Menschen die Körper, die sie sehen, berühren und sich wie auf einem Spaziergang in die Installation begeben“, erzählt Gabris. Der 36-Jährige ist in der Slowakei geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Wien. Für „Error“ hat er mit zahlreichen queeren Roma in der Slowakei gesprochen, die aufgrund ihrer Roma-Zugehörigkeit und ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität diskriminiert werden. „Um die Realität zu verstehen, muss die Gesellschaft für einen Moment still bleiben, damit wir sprechen können, um unsere eigene Identität zu formulieren“, sagt er.

Robert Gabris‘ Installation: „Error - Roma Körperlichkeit und ihre nicht-binären Räume“.
Robert Gabris‘ Installation: „Error - Roma Körperlichkeit und ihre nicht-binären Räume“. © Fischer, Andreas

Der „Fehler“ sei eine Art Überlebensstrategie der Community, die für Gabris jenseits der normativen Strukturen der Gesellschaft einen neutralen Raum darstellt: „Wir haben viel darüber gesprochen, was es bedeutet, dass man so ein Schimpfwort akzeptiert und weiterverwendet. Es ist eine harte Strategie, dadurch einen Schutzschild zu bauen, mit dem man überleben kann.“

„Meine Identität ist ein Konflikt mit dieser Welt.“

Robert Gabris, Künstler

„Error“ entstammt einer Residenz des Künstlers im slowakischen Kosice, wo er sich Dating-Apps heruntergeladen hat und mit vielen queeren Roma ins Gespräch kam, die ähnliche Diskriminierungserfahrungen wie er gemacht haben. Auf Dating-Apps würden queere Roma fetischisiert, wobei oftmals Rassismus mitschwinge, erzählt er. Am Ende ginge es um die Demonstration von Macht.

Im Gespräch ist er behutsam, möchte keine klischeehaften Bilder reproduzieren. Gabris wählt seine Worte sorgfältig. Er spricht von den Problemen der queeren Roma-Gemeinschaft in der Slowakei, von Rassismus, Sexismus und Homophobie, die noch immer tief in den Strukturen des Landes verwurzelt seien und der totalen Armut, in der seine Familie lebt. Von Unzugänglichkeit des Gesundheitswesens für Menschen in Roma-Ghettos, vom Stigma. „Ich bin auch deshalb geflüchtet“, sagt er, „es war für mich nicht möglich, meinen Körper und meine Identität dort so frei auszuleben wie in Wien.“

Identität ist ein wichtiges Thema im Werk von Robert Gabris, der zwar der Roma-Community angehört, sich aber nicht als Roma-Künstler identifiziert. Er löst sich radikal von diesen Schubladen. „Ich bin ein freies Individuum“, sagt er, „und wenn Menschen mich als Roma-Künstler bezeichnen, zwingen sie mir eine Identität auf.“ Er wolle all seine Identitäten stattdessen fluid ausleben, und auch verändern können. „Meine Identität ist ein Konflikt mit dieser Welt“, sagt er. Er möchte für Unruhe sorgen, seine Gemeinschaft wachrütteln, die in Teilen ihre Abgrenzung akzeptiert habe und apathisch geworden sei. Er wolle wütend machen, und zeigen, dass sie so nicht zufrieden sein können.

Wurde von der Off-Biennale Budapest eingeladen: documenta-Künstler Robert Gabris.
Wurde von der Off-Biennale Budapest eingeladen: documenta-Künstler Robert Gabris. © Robert Gabris.

„Ich bin böse auf mein Land, die Ungerechtigkeit und das Elend und Leid, das es der Roma-Community angetan hat“, sagt er. Mittlerweile sei er in der Slowakei als berühmter Künstler angesehen. Genau das benutze er als Waffe: „Ich nehme, was ich besitze, um einen Wirbel zu kreieren. Das liebe ich.“

Als Kind habe Gabris gezeichnet, weil er es schön fand. In seiner Pubertät und während seiner Zeit an der Kunstschule in Bratislava habe er dann die asymmetrischen Beziehungen zwischen sich und den Dozierenden wahrgenommen: „Da wusste ich, ich muss diese Ungerechtigkeit formulieren können und rauskotzen, was hier passiert.“ Heute bewege ihn vor allem die Wut in seiner Kunst, sowie das Nicht-Verständnis von Machtstrukturen, gegen die er sich sträubt. Er müsse sie thematisieren, um sich selbst zu befreien.

Kunst sei sein sicherer Raum. Dieser sichere Raum zeigt sich auch in „Error“, einer Installation, die die Lage der queeren Roma verständlich macht, ohne dabei ihre Grenzen zu überschreiten.

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