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documenta 15: Hommage an Jimmie Durham im Kulturbahnhof

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Von: Leonie Krzistetzko

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Im Kulturbahnhof stellt das Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ aus. Die Bronze eines Schildkrötenschädels stammt vom verstorbenen Jimmie Durham.
Im Kulturbahnhof stellt das Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ aus. Die Bronze eines Schildkrötenschädels stammt vom verstorbenen Jimmie Durham, die Teppicharbeiten von seiner Witwe Maria Thereza Alves. © Pia Malmus Foto: Felix Hörhager/dpa.

Der Künstler Jimmie Durham ist gestorben, bevor er auf der documenta ausstellen konnte. Sein Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ stellt nun im Kulturbahnhof aus und gibt dem Geist Durhams einen Raum - ohne sich dabei selbst aus dem Fokus zu rücken.

Wer den Bereich des Kasseler Architekturzentrums im Kulturbahnhof (Kaz im Kuba) betritt, fühlt sich schnell in eine Welt irgendwo zwischen Naturkundemuseum, Archiv und moderner Kunst hineinversetzt. Es ist die Welt Jimmie Durhams (1940–2021), die dort gezeigt wird, sowie die seiner Künstlerfreunde.

Der in Texas geborene Konzeptkünstler war bereits auf der documenta 9 (1992) und documenta 13 (2012) mit Werken vertreten, so auf der documenta 13 mit zwei Apfelbäumen, die er in der Karlsaue gepflanzt hat – darunter ein Korbiniansapfelbaum, dessen Äpfel ursprünglich vom Priester Korbinian Aigner im Konzentrationslager Dachau gezüchtet wurden. Dieser wurde 2015 durch Vandalismus zerstört. Für die fünfzehnte Ausgabe hatte Ruangrupa Durham, der im November vergangenen Jahres in Berlin gestorben ist, erneut auf die documenta eingeladen. Vor seinem Tod wurde der Künstler noch 2019 auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Das achtköpfige Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ kreiert seine Ausstellung wie eine Hommage an ihn, ohne sich dabei selbst aus dem Fokus zu rücken.

documenta 15: „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ im Kulturbahnhof

Das Kollektiv ist aus Durhams Idee entstanden, auf der documenta fifteen einen gemeinsamen Beitrag mit anderen Künstlern aus seinem Umfeld auszustellen. Der Name spielt auf einen Satz an, den er an seinem letzten Abend gesagt habe: „Was für eine wunderbare Welt – ein Stock im Wald.“

Wie wichtig die Empfindung von Natur für den Künstler war, der auch selbst viel mit Naturmaterialien gearbeitet hat, zeigt sich an einer Anekdote, die die in Brasilien geborene Installationskünstlerin Maria Thereza Alves, Witwe von Jimmie Durham, auf einem violetten Plakat an der Wand zu Papier gebracht hat: Durham habe den Künstlern kurz vor seinem Tod vorgeschlagen, zusammen in den Wald zu gehen oder sich auch nur auf einen Parkplatz zu setzen, um der Gruppe einen gemeinsamen Platz als Kollektiv zu geben und sich mit dem Platz zu verbinden. Auch Alves zeigt Werke im Kaz im Kuba – ihre zwei Teppicharbeiten wirken wie kleine fliederfarbene Inseln mit Pflanzenmotiven auf dem Boden des Ausstellungsraums.

Im Kulturbahnhof stellt das Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ aus. Die stammen  Teppicharbeiten von Durhams Witwe Maria Thereza Alves.
Im Kulturbahnhof stellt das Kollektiv „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ aus. Die Bronze eines Schildkrötenschädels stammt vom verstorbenen Jimmie Durham, die Teppicharbeiten von seiner Witwe Maria Thereza Alves. © Pia Malmus Foto: Felix Hörhager/dpa.

Die Assoziation mit einem Naturkundemuseum kommt unter anderem durch die Glasskulptur „A moment of clarity“ von Jone Kvie auf, die auf der Aufnahme des Hubble-Weltraumteleskops vom Ameisennebel basiert. Und auch die Videoinstallation „Withered Season Flowers“ von Elisa Strinna zieht den Betrachter in die Natur, genauer in ein Geäst in einem verlassenen Gewächshaus, untermalt von knackenden, rollenden und schleifenden Sounds, die einem das Gefühl geben, sich immer mehr in diesem Geäst zu verirren.

documenta 15: Künstler Jimmie Durham hatte großes Forschungsinteresse

Dabei schwebt Jimmie Durhams Geist über dem Ausstellungsraum. Der Künstler, der viele Jahrzehnte lang als Aktivist für die Rechte indigener Völker kämpfte, war neugierig und hatte ein großes Forscherinteresse – das wird durch Begleittexte zu den Exponaten deutlich. Er selbst hatte noch einige offene Fragen, die er vor seinem Tod nicht beantworten konnte.

So unter anderem, wieso es eine Knochentrennung im Schädel einer Schildkröte gab, deren Kadaver er von einem Freund geschenkt bekommen hat. Dieser Schädel stand auf Durhams Schreibtisch, nun ist er als Bronze im Kulturbahnhof zu sehen und bietet damit einen Einblick in die Arbeitswelt des Künstlers.

Dadurch, dass die einzelnen Objekte von „Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road“ fast schon wie Archivmaterialien schlicht nebeneinander präsentiert werden – mit viel Weißraum und zum Teil simpel an der Wand fixiert – wirkt der Raum auf den ersten Blick zerstückelt, vielleicht sogar unstrukturiert.

Die Struktur kommt erst beim Verstehen des Themas: Der Raum ist eine Hommage an Durhams Natur- und Forschungsliebe – gestaltet durch Freunde und Familie.

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