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documenta 15: Künstlerin Chang En-Man beleuchtet an der Fulda die Bedeutung einer invasiven Schneckenart

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Von: Leonie Krzistetzko

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Zentrale Installation: Ein Boot im Korpus einer Schnecke.
Zentrale Installation: Ein Boot im Korpus einer Schnecke. © Krzistetzko, Leonie

Von der Delikatesse zur Plage: Die Künstlerin Chang En-Man aus Thailand befasst sich in ihrer Arbeit auf der documenta 15 mit einer ganz besonderen Schneckenart.

Finchen aus der „Sesamstraße“ Speedy aus „Timon und Pumba“ und Gary aus „Spongebob“: Schnecken tauchen immer wieder prominent in der Popkultur auf. Dass die Weichtiere auch in der bildenden Kunst einen Platz finden können, zeigen die documenta-fifteen-Arbeiten der taiwanesischen Künstlerin Chang En-Man am Bootsverleih Ahoi.

Direkt in der Fulda steht ein Boot mit bunten, mosaikartig bemalten Glasfliesen, die es wie ein kleines Gewächshaus wirken lassen. Es ist ein betretbares Boot, das den Korpus einer Schnecke imitiert, und dessen Wände mit Blättern des Maulbeerbaumes bemalt sind.

Es dient als Träger der Geschichte, die Chang En-Man erzählen möchte: Es geht darum, wie die Ostafrikanische Riesenschnecke einst in ihr Heimatland Taiwan gelangte, und dort vom Nahrungsmittel gegen den Hunger zum Festtagsessen und schließlich zur Plage wurde. Dabei thematisiert Chang auch Herkunft und Identität. Die in Taipeh lebende Künstlerin beschäftigt sich seit 2009 mit den Schnecken, deren Gehäuse bis zu 20 und deren Körper bis zu 30 Zentimeter lang werden können.

Wie kleine bunte Schmuckstücke sehen die Tropfenansammlungen auf den Fliesen aus, die Schneckenschleim imitieren. Der Schleim wird in Taiwan mit Maulbeerblättern entfernt – der Grund, wieso sich die Pflanzenart durch Chang En-Mans documenta-Werk „Floating System for Snails“ (Schwimmsystem für Schnecken) zieht.

Nur wenige Meter vom Boot entfernt befindet sich der von Chang kreierte Warteraum, ein kleiner überdachter Bereich, der mehr zur Geschichte der Ostafrikanischen Riesenschnecke erzählt. Er ist von innen wie das Boot mit Maulbeerblättern bemalt und trägt kleine Inschriften wie „Vor Ihnen liegt ein glasbemaltes Boot, das an jeden Ort fährt, den Sie sich vorstellen können.“

Zur Information: Der Warteraum zeigt eine Videoarbeit.
Zur Information: Der Warteraum zeigt eine Videoarbeit. © Schachtschneider, Dieter

Im Terminal läuft Chang En-Mans Videoarbeit „Rawus Tjuljaviya“ in Dauerschleife. Es sind meditative Gesänge, in denen Sedjam Takivan Kavunga davon erzählt, wie die Schnecken nach Taiwan gekommen und zur Plage geworden sind. Wie sie sich von zwölf Exemplaren invasiv vermehrt haben, und dadurch eine Gefahr für die nationale Landwirtschaft darstellen und wie sie von einer beliebten Nahrungsquelle zu einem Essen geworden sind, das von den jüngeren Teilen der Bevölkerung nicht mehr als genießbar angesehen, aber vom indigenen Volk noch immer geschätzt wird.

Der Protagonist ist dabei zu sehen, wie er Arbeiten verrichtet. Wie er häkelt, und Schweine füttert beispielsweise. Dadurch lässt er sich nicht von seiner Erzählung ablenken, er richtet den Fokus klar auf die Geschichte der Schnecken in Taiwan und die koloniale Vergangenheit des Inselstaates. Denn Taiwan war bis Mitte des 20. Jahrhunderts als Kolonie des damaligen Kaiserreichs unter der Herrschaft Japans. In dieser Periode wurden die Schnecken nach Taiwan gebracht, um die Bevölkerung zu nähren.

Mit repetitiven Elementen versehen und vereinfachten aber pointierten Aussagen wie „landwirtschaftlich gesehen eine Katastrophe. Oje!“ zieht Sedjam Takivan Kavunga die Betrachter spielerisch in die Geschichte rein.

Auf den Spuren der Schnecken: „Floating System for Snails“ von Chang En-Man.
Auf den Spuren der Schnecken: „Floating System for Snails“ von Chang En-Man. © Leonie Krzistetzko/ Dieter Schachtschneider

Er erklärt auch, wie die Schnecken traditionell von dem Volk der Paiwan für das Gericht „Cinavu“ zubereitet werden. „Cinavu“ ist eine Speise, die nur an besonderen Tagen und für besondere Gäste zubereitet wird. Zusätzlich zum Film leiten schneckenförmige QR-Codes den Betrachter auf die Informationswebsite „Project Invasion“ weiter, die unter anderem Schneckenrezepte aus Singapur enthält, aber auch ein Glossar.

Sie verfolge die Schleimspur der Schnecken, schreibt Chang dort, und wolle anhand dieser untersuchen, wie sich lokale Kulturen verändern. Ihre Installationen auf der documenta fifteen bilden für ihre Betrachter einen Ankerpunkt, um sich mit auf die Reise zu begeben.

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