Sticheleien gegen Vorgänger Hilgen

documenta 2022: Geselle bekräftigt Bereitschaft für zweiten Standort

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Nahm wieder Stellung zur documenta: Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle.

Kassel. Oberbürgermeister Geselle nimmt Stellung zum Zweitstandort Athen der documenta 14 und äußert sich zu einem möglichen Co-Standort der nächsten Weltkunstausstellung. 

Es wird in diesem Jahr keine Weltkunstausstellung in Kassel stattfinden, ja. Aber die Aufarbeitung der documenta 14 aus dem vergangenen Sommer ist noch nicht abgeschlossen, die Vorbereitungen für die kommende Ausstellung im Jahr 2022 werden zudem Fahrt aufnehmen. Das Interesse an der documenta ist zumindest ungebrochen. Das zeigen auch die Reaktionen auf ein Interview des Kulturmagazins mit Christian Geselle. Kassels Oberbürgermeister erzählt dabei nicht grundsätzlich Neues; und trotzdem hat es am Dienstag schon ein größeres Medienecho darauf gegeben. Eine Aufarbeitung in Fragen und Antworten.

Was ist die Hauptaussage dieses Interviews?

Geselle nimmt noch einmal Stellung zur d 14, die nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen stattgefunden hat. Er sagt: „Athen ist kein Fehler gewesen. Athen war Teil der künstlerischen Freiheit von Adam Szymczyk. Es hat Mehrkosten in Athen gegeben, das heißt aber nicht, dass Athen grundsätzlich ein Fehler war. Das ist nicht eine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wie und des Wieviel.“

Darin sahen am Dienstag einige Medien den Anstoß für eine Debatte um einen neuen Co-Standort. Nur: Die erneute Bereitschaft für einen Co-Standort hat Geselle nie ausgeschlossen. Er stellte in der Vergangenheit lediglich klar, dass Kassel (Haupt-) Standort sein wird und dies womöglich schriftlich verankert werden sollte. Kurz nach Ende der d 14 sagte er sogar wörtlich: „Weitere Standorte sollten weiterhin möglich sein.“

Für was spricht sich Geselle in dem Interview noch aus?

Durchaus neu ist eine Formalität, die Geselle ins Spiel bringt. Er möchte das in der Satzung festgelegt wissen, was er bisher als Gewohnheitsrecht bezeichnet: dass der documenta-Aufsichtsrat eine Findungskommission beruft, die wiederum einen künstlerischen Leiter vorschlägt. So lief es bei der Suche nach dem letzten künstlerischen Leiter, die letztlich Adam Szymczyk hervorgebracht hat. So läuft es auch im Vorfeld der d 15. Zuletzt fasste der Aufsichtsrat den Beschluss, eine Findungskommission einzusetzen. Geselle machte nun nochmal deutlich, dass kein Mitglied des Aufsichtsrates, der Landesregierung und des Magistrats in der Kommission sein werde.

Was ist noch bemerkenswert an dem Interview?

Bemerkenswert ist, dass Geselle mehrfach – direkt oder indirekt – und mitunter energisch erwähnt, die künstlerische Freiheit bei der documenta bleibe gewahrt.

Er scheut sich auch nicht, die Künstler anzugreifen, die im vergangenen Herbst in einem Brief die Freiheit der Kunst anmahnten. Geselle sagt: „Die Künstler müssen aufpassen, dass sie es nicht übertreiben.“

Was ist zwischen den Zeilen zu lesen?

Auch das ist ja interessant an einem Interview: was alles nicht gesagt wird und was zwischen den Zeilen steht. Zwischen den Zeilen findet ja schon seit geraumer Zeit ein gewisser Kampf zwischen Geselle und seinem Amtsvorgänger Bertram Hilgen statt – wenn es um Verantwortlichkeiten in Sachen documenta-Defizit geht.

Diesmal versteckt sich die Stichelei in einer kleinen Antwort auf die Feststellung, dass im Sommer aus dem Aufsichtsrat und aus dem Rathaus heraus behauptet worden sei, man könne die Kosten für Athen und Kassel nicht trennen; die Wirtschaftsprüfer hätten aber genau das jetzt gemacht. Geselle: „Ja, aber die Aussage stammte nicht von mir...“ Sein Vorgänger als Aufsichtsratsvorsitzender und Oberbürgermeister hieß: Bertram Hilgen.

Ansonsten gibt sich Geselle recht defensiv bei der Aufarbeitung des zuletzt entstandenen Millionen-Defizits – nicht ohne weiteren Seitenhieb gegen Hilgen. Dass den Aufsichtsratsmitgliedern das Gutachten der Wirtschaftsprüfer nur während einer Sitzung zur Verfügung gestellt worden ist, begründete Geselle auch mit einer gewissen Vorsicht, um dem Ruf des Aufsichtsrats entgegenzuwirken, er sei löchrig wie ein Schweizer Käse. Genau diese Formulierung benutzte Hilgen, als er im September über dieses Gremium sprach.

Hintergrund: Athen nicht der erste Co-Standort

Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle hat im Interview mit dem Kulturmagazin bekräftigt, dass es auch weiterhin Co-Standorte der documenta geben könnte – nach der Erfahrung mit Athen und dem der d 14 entstandenen Defizit, das derzeit auf 5,4 Millionen Euro beziffert wird. Dabei war Athen nicht der erste Co-Standort in der Geschichte der documenta. Schon zur documenta 13 im Jahr 2012 gab es mit Kabul, Alexandria, Kairo und dem kanadischen Banff Städte fernab Kassels, in denen die documenta präsent war. Allerdings waren sie nicht wie Athen gleichberechtigte Co-Standorte. Das galt auch für die Plattformen, die Okwui Enwezor 2002 als künstlerischer Leiter in verschiedenen Städten bespielte.

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