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Rückblick: documenta 6 in Kassel (1977) – Umstrittene Maler aus dem Osten

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Von: Mark-Christian von Busse

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„Vertikaler Erdkilometer“ von Walter De Maria: Am 18. August 1977 wurde das Ende der Messingröhre mit einer Sandsteinplatte eingefasst.
„Vertikaler Erdkilometer“ von Walter De Maria: Am 18. August 1977 wurde das Ende der Messingröhre mit einer Sandsteinplatte eingefasst. © picture-alliance / dpa

Der „Vertikale Erdkilometer“ von Walter De Maria war ein Höhepunkt der documenta 6 in Kassel. Die Weltkunstausstellung von 1977 hatte aber auch mit Skandalen zu kämpfen.

Kassel – Vor Beginn der documenta fifteen am 18. Juni 2022 blicken wir in einer Serie auf die bisherigen 14 Weltkunstausstellungen zurück. Diesmal: Die documenta 6 im Jahr 1977.

Die sechste documenta in Kassel im Jahr 1977 stand unter schlechten Vorzeichen. Harald Szeemanns Vorgänger-Schau 1972 hatte 800.000 D-Mark Defizit verursacht. documenta-Gründer Arnold Bode stemmte sich dagegen, ausgebootet zu werden. Der Vier-Jahres-Rhythmus ließ sich nicht halten: Im Sommer 1974 gaben Karl Ruhrberg (1924–2006), der damals das Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes leitete, und Wieland Schmied (1929–2014), Direktor der Kestner-Gesellschaft Hannover, die Leitung der für 1976 geplanten Ausstellung ab.

documenta 6: „Skandal ohne Beispiel“ – In der Orangerie regnet es durchs Dach

Nach diesem Eklat sprang für 1977 Manfred Schneckenburger ein, Leiter der Kölner Kunsthalle. Bode – der am Tag nach dem Ende der documenta 6 starb – blieb im documenta-Rat, „real war er vollständig kaltgestellt“, schreibt Sylvia Stöbe in ihrer neuen Biografie des langjährigen documenta-Tausendsassas.

Manfred Schneckenburger Leiter der documenta 6 und 8
Manfred Schneckenburger Leiter der documenta 6 und 8 © Privat

Und die Querelen gingen weiter. „Skandal ohne Beispiel“, „Fiasko“, „Desaster“, kommentierte diese Zeitung schier ungläubig, als noch kurz vor der Eröffnung in der Orangerie Belüftungsanlagen liefen – es hatte durchs Dach geregnet, die Kuratoren schmissen vorübergehend hin, weil sie es unverantwortlich fanden, in diese Feuchtigkeit Zeichnungen zu hängen. Am Eröffnungstag (24. Juni 1977) legten dann Evelyn Weiss und Klaus Honnef demonstrativ ihre Arbeit nieder, die die Abteilungen Malerei und Fotografie eingerichtet hatten.

Rückblick auf documenta 6: Erstmals stellen DDR-„Staatskünstler“ aus

Galeristen und Künstler hatten nachts noch wild Bilder getauscht, Gerhard Richter zog gar Gemälde verärgert ab. Markus Lüpertz, Georg Baselitz ließen ihre Bilder abhängen, A. R. Penck kam nicht zum Zuge, weil erstmals auf einer documenta, diesem Aushängeschild westlicher Kulturpolitik, DDR-„Staatskünstler“ ausstellten: Werner Tübke, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Willi Sitte. Letzterer, Volkskammer-Mitglied und Präsident des Verbandes der Bildenden Künstler, hatte noch die Bildhauer Jo Jastram und Fritz Cremer ausgewählt.

Vor den Gemälden von Willi Sitte: Siegmar Faust und Wolf Deinert machten auf in der DDR unterdrückte Künstler aufmerksam – und bekamen von der documenta Hausverbot. (Archivfoto)
Vor den Gemälden von Willi Sitte: Siegmar Faust und Wolf Deinert machten auf in der DDR unterdrückte Künstler aufmerksam – und bekamen von der documenta Hausverbot. (Archivfoto) © Seringhaus/HNA

Dass Mattheuer seiner Familie am Telefon berichtete, in Kassel herrsche ein „heilloses Durcheinander“, schnitt die Stasi mit, ist im Katalog zur documenta-Schau im Deutschen Historischen Museum Berlin zu lesen. Den Streit um die DDR-Maler fand die HNA unnötig: „Es ist gut, sie hierzuhaben“, so Kulturressortleiter Lothar Orzechowski.

Zahlen zur documenta 6

Vom 24. Juni bis zum 2. Oktober 1977 stellten 623 Künstler im Fridericianum, in der Orangerie, in der Neuen Galerie sowie in der Karlsaue aus. 355.000 Besucher sahen 1400 Werke. Der Etat betrug 4,8 Millionen D-Mark. 

Weltkunstausstellung 1977: Malerei verliert bei documenta 6 ihren Primat

1977 hat aber am wenigsten die Malerei Furore gemacht. Sie verlor ihren Primat. Die bis dahin umfassendste, räumlich ausgedehnteste gilt als „Medien-documenta“. Schneckenburger und sein Cheftheoretiker Lothar Romain wollten die Frage nach dem Stellenwert der Kunst in der Mediengesellschaft aufwerfen, die medialen Voraussetzungen künstlerischen Schaffens, auch die Macht der Medien in den Blick nehmen.

150 Jahre Geschichte der Fotografie wurden aufgerollt, Künstlerbücher, Performances und utopisches Design präsentiert. Im Fridericianum lief Joseph Beuys’ „Honigpumpe am Arbeitsplatz“. Das Autorenkino und Videoarbeiten von Nam June Paik, Bill Viola oder Bruce Nauman spielten eine herausgehobene Rolle.

Nicht zuletzt bezog die documenta 6 so umfangreich wie nie zuvor den Stadtraum ein – durch Eingriffe von George Trakas, Dani Karavan, Hans Paul Isenrath oder Alice Aycock verwandelte sich die Karlsaue in eine Kunstlandschaft. Die gigantische Baustelle von Walter De Marias „Vertikalem Erdkilometer“ auf dem Friedrichsplatz, ineinander gesteckte Messingstäbe von fünf Zentimetern Durchmesser, 1000 Meter in die Tiefe getrieben, provozierte – wie Richard Serras zum Kartenhaus aneinander gelehnte Stahlplatten („Terminal“).

Neben dem Erdkilometer als heute unscheinbarer Ikone der Land Art und der konzeptuellen Kunst sind von der documenta 6 zwei weitere Außenarbeiten zu Kasseler Wahrzeichen geworden: der Rahmenbau von Haus-Rucker-Co und Horst H. Baumanns Laser-Strahlen vom Zwehrenturm. (Mark-Christian von Busse)

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