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Rückblick: documenta 8 in Kassel (1987) – Postmoderne Vielfalt

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Von: Bettina Fraschke

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Kunstwerk von Tadashi Kawamata: die Ruine der Garnisonskirche in Kassel mit Holz überbaut.
Zwischen Innen und Außen: Tadashi Kawamata überbaute die Ruine der Garnisonskirche in Kassel. © Jochen Herzog

Eingriffe in den Stadtraum und postmoderne Vielfalt prägten die Kunstausstellung „documenta 8“ in Kassel im Jahr 1987.

Vor Beginn der documenta fifteen am 18. Juni blicken wir in einer Serie auf die bisherigen 14 Ausstellungen zurück. Heute: die documenta 8 im Jahr 1987.

„Die Stadt wird sich den ästhetischen, den sozialen und den ökologischen Dimensionen der Kunst hoffentlich noch weiter öffnen.“ Das schrieb der Kasseler Oberbürgermeister in seinem Grußwort im Katalog der documenta 8. Einer der großen Förderer der Kunstausstellung: Hans Eichel. Kassel sei „einer Kunst, die wichtige Impulse für ein menschenwürdiges Zusammenleben geben will, besonders verpflichtet“. Worte, die aktuell geblieben sind, gerade im Vorfeld der documenta fifteen, die den Kunstbegriff noch weiter ausweiten und sich intensiv dem Austausch mit gesellschaftlichen Gruppen widmen will.

Eingriffe in den städtischen Raum, wie sie mittlerweile zentral zu documenta-Ausstellungen gehören, prägten die documenta 8. So schrieb Eichel bereits zum Auftakt, dass die documenta „zu Kritik und zu einer breiten Diskussion“ auffordere, „die mit ästhetischen Kategorien allein nicht zu führen ist“. Es ging auch 1987 darum, dass Kunst ganz direkt nicht-künstlerische Lebensbereiche beeinflusste/prägte/veränderte, und somit auch solche Menschen zu einer Positionierung aufforderte, die in eine klassische Ausstellung und/oder ein Museum vielleicht gar nicht hineingehen würden.

„Kaum zuvor war eine documenta über ihre gesamte Dauer hinweg ein solches Ereignisfeld“, bilanzierte Kunstkritiker Dirk Schwarze in der HNA.

Firmenlogos in der Rotunde des Fridericianums: Kunstwerk von Hans Haacke.
Firmenlogos in der Rotunde des Fridericianums: Arbeit von Hans Haacke. © Dirk Schwarze

Zu den stadtbild-veränderten Arbeiten zählte eine Arbeit von Richard Serra, der zum vierten Mal eingeladen war. Er zeigte eine gewaltige Stahlskulptur aus vier Meter hohen und zehn Meter langen Platten in Form eines H neben dem Rathaus. Fußgänger mussten sich notgedrungen seitlich daran vorbeibewegen, parallel konnte man erleben, wie neue Raumsituationen entstehen. Die Anwohner haben die Skulptur sofort verstanden, schrieb Schwarze, sie erhoben davon ausgehend ihre Stimme in einer Debatte über stadtplanerische Veränderungen in diesem Bereich.

Einige Meter weiter hat Georg Trakas den Königsplatz überbauen wollen, sein Konzept musste aber bis auf wenige Plattformen und Stege abgespeckt werden (und wurde Ausgangspunkt für den später realisierten, umstrittenen Treppenbau). Nebenan gab es eine spektakuläre Umgestaltung der verwaisten Ruine der Garnisonskirche. Tadashi Kawamata hat sie in ein Geflecht aus Holzlatten eingebaut, die wie eine Spirale angeordnet waren und die Trennung von Innen und Außen überwinden sollten.

Zahlen zur documenta 8

Manfred Schneckenburger leitete die documenta 8, die vom 12. Juni bis 20. September 1987 in Fridericianum, Orangerie, Karlsaue, in der Kasseler Innenstadt, der Kulturfabrik Salzmann, Renthof, Karlskirche und in der Diskothek New York stattfand. 486.811 Besucher sahen Werke von 317 Künstlern. Das Budget: 8,9 Millionen DM.

In der Karlsaue veränderte sich sogar die Parklandschaft: „Blick auf den Tempel“ hieß eine Installation von Ian Hamilton Finlay, in der er Guillotinen in Reihe aufstellte, deren Anordnung die barocke Parkachse aufgriffen, die zugleich aber von Aufruhr und Gewalt kündeten.

Nach Streitigkeiten zwischen dem ursprünglichen Team aus dem Amsterdamer Stedelijk-Chef Edy de Wilde und d5-Kurator Harald Szeemann musste ein neuer Kurator einspringen: Manfred Schneckenburger übernahm nach 1977 erneut die documenta-Leitung. Nach der Rückbesinnung auf die Malerei unter seinem Vorgänger Rudi Fuchs bei der d 7 standen jetzt andere Kunstformen im Zentrum – und eben die Wechselwirkungen im Stadtraum und der Kunstwerke untereinander.

Rückblickend wird die Schau als Manifestation der Postmoderne gewertet – für das Bewusstsein, dass es nicht mehr den einen Katalog relevanter Künstler oder Kunstrichtungen gibt, sondern eine heterogene Vielfalt. Schneckenburger schrieb im Katalog: „Vorbei der Glaube an thematische Enzyklopädien, in denen eine Ausstellung die ganze Breite der Kunst in den Griff eines einzigen Schlagworts nimmt. An poetische Erzählungen oder wunderbare ,Teppiche’, die aus Kunst gewoben sind.“

Für viel Aufsehen im Fridericianum sorgte die Installation „Kontinuität“ von Hans Haacke, das die Rotunde inszenierte wie eine Firmenzentrale – inklusive Logos von Deutscher Bank und Mercedes-Benz. Innerhalb des Settings verwiesen Elemente auf das Engagement der Unternehmen im Apartheids-Staat Südafrika, die sich an Boykotte nicht gehalten haben. In der Orangerie zeigte Haacke die Bilderserie „Der Pralinenmeister“, in der die wirtschaftliche Tätigkeit des Kunstmäzens Peter Ludwig thematisiert wurde. (Bettina Fraschke)

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