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documenta in Kassel: Gremium entscheidet, sich von Schormann zu trennen

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Von: Matthias Lohr

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Mehr als sieben Stunden tagte der documenta-Aufsichtsrat: Dann stand der Weggang der Generaldirektorin Schormann fest. Über eine denkwürdige Sitzung.

Kassel – Am Freitag (15. Juli) um 22 Uhr sieht man von außen nicht, dass in der Kasseler Sparkasse in der Wolfsschlucht gerade documenta-Geschichte geschrieben wird. Es dämmert ein bisschen, sodass man oben im Konferenzzimmer das eingeschaltete Licht sieht. Bereits seit vier Stunden tagt hier der documenta-Aufsichtsrat. Medienvertreter, die gehofft hatten, dass die nicht öffentliche Sitzung bald vorbei ist und sie von nach Hause eilenden Aufsichtsratsmitgliedern eine Stimme bekommen, werden enttäuscht. Sie wissen noch nicht, dass es bis kurz nach eins dauern wird, bis ein Ergebnis feststeht.

Mehr als sieben Stunden lang tagt das Gremium. Doch erst am Samstagmittag (16. Juli) um kurz nach halb zwei erfährt die Öffentlichkeit, was passiert ist. Da verschickt die documenta eine Pressemitteilung, in der steht, dass sich Aufsichtsrat, Gesellschafter und die Generaldirektorin „einvernehmlich darauf verständigt“ haben, den Geschäftsführerdienstvertrag von Sabine Schormann „kurzfristig aufzulösen“.

Nach Skandal während documenta: Medien forderten Schormann zu entlassen

Vor allem überregionale Medien hatten einen solchen Schritt seit Tagen angesichts der nicht enden wollenden Antisemitismusdebatte gefordert. Trotzdem kommt die Trennung überraschend. Selbst langjährige documenta-Experten hatten damit nicht gerechnet.

Auch in einem Beschlussvorschlag, mit dem die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) nach Kassel gereist war, ist nicht davon die Rede, dass Schormann geht. Der Grünen-Politikerin war es vor allem wichtig, einen beratenden Expertenbeirat zu installieren. Er soll unter anderem verhindern, dass sich ein Antisemitismus-Eklat wie der um das Banner von Taring Padi wiederholt.

Sie haben im Aufsichtsrat das Sagen: Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) ist Vorsitzender, Hessens Kunstministerin Angela Dorn seine Stellvertreterin.
Sie haben im Aufsichtsrat das Sagen: Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) ist Vorsitzender, Hessens Kunstministerin Angela Dorn seine Stellvertreterin. © Andreas Fischer

Gremium in Kassel entscheidet über Zukunft von Schormann: Was genau besprochen wurde, ist unklar

Doch dann geht es doch um Schormann selbst. Die am Samstag (16. Juli) verbreitete Erklärung ist mit viel Bedacht formuliert. Man kann aus den Zeilen herauslesen: Keiner der Beteiligten wird über die jeweils anderen schlecht reden.

Für Außenstehende ist es nicht ganz einfach zu verstehen, was genau in der Sitzung passiert ist, über die nur der Aufsichtsratsvorsitzende und Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) berichten darf. Und der sagt bislang: Nichts. Die Erklärung muss für sich sprechen.

Schormann habe falsche Fakten verbreitet: Antisemitismusdebatte wegen documenta in Kassel

Klar ist aber, dass Schormann am Freitagabend (15. Juli) Auskunft geben muss. Unter anderem geht es um die Vorwürfe des Antisemitismus-Experten Meron Mendel, der die documenta in Kassel beraten sollte und dann zurückzog, weil die Verantwortlichen nicht willens seien aufzuklären. Nach Schormanns Erklärung vom Dienstag (12. Juli) warf er ihr vor, falsche Fakten verbreitet zu haben.

Offenbar konnte die Generaldirektorin den Aufsichtsrat diesbezüglich nicht überzeugen. In der Erklärung des Aufsichtsrates am Samstag (16. Juli) findet sich auch der Satz: „Durch die Aufhängung des Banners und auch im Zuge der Krisenbewältigung in den vergangenen Wochen ist leider viel Vertrauen verloren gegangen.“

Umgang mit der Krise bei documenta in Kassel: Schormann verlor dadurch ihr Vertrauen

Klar ist allen Beteiligten: Das Banner mit dem antisemitischen Motiv hätte niemals aufgehängt werden dürfen. Doch schlimmer als dieser Eklat, so heißt es in gut unterrichteten Kreisen, war der Umgang mit der Krise. Damit hat Schormann das Vertrauen verspielt, das nun auch durch die Trennung von ihr wiederhergestellt werden soll. Ob das gelingt, muss sich erst zeigen.

Es ist zu hören, dass die Entscheidung niemandem leicht gefallen sei – auch wenn sie einstimmig fiel. Angesichts der Brisanz soll die Sitzung konstruktiv gewesen sein. Von einem Konflikt zwischen Stadt und Land könne keine Rede sein.

Mitglieder von Ruangrupa ebenfalls Teil der Sitzung in Kassel

Neben Schormann nehmen auch Mitglieder von Ruangrupa zeitweise an der Sitzung teil. Als es am Samstag (16. Juli) noch mehr als einen Vormittag dauert, bis die Erklärung des Aufsichtsrats verschickt wird, die Nachricht bei einigen aber schon die Runde macht, befürchten manche das Schlimmste: Schmeißen Ruangrupa nun hin? Ist die documenta fifteen vielleicht schon nach einem Monat vorbei?

Danach sieht es derzeit nicht aus. Allerdings ist aus Künstlerkreisen zu hören, es hänge jetzt auch davon ab, wie die Interimslösung aussieht. Komme jemand, der von oben herab in die Kunst eingreife, sei das nicht gut. Alle Beteiligten von Geselle bis Dorn haben jedoch immer wieder versichert, dass dies nicht der Fall sein werde.

Nach Rausschmiss von Schormann: Wie geht es mit der documenta in Kassel weiter?

Wie es mit der documenta fifteen weitergeht, hängt also jetzt erst recht von der Kommunikation ab. Bereits am Samstag (16. Juli) macht das Gerücht die Runde, der ehemalige Geschäftsführer Bernd Leifeld (73) könne nun übernehmen. Es ist wohl nur ein Gerücht. Niemand nennt diesen oder einen anderen Namen. Der soll aber möglichst bald präsentiert werden. Es geht nun um Tage, nicht um Wochen, heißt es. (Matthias Lohr)

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