Interviews geplant

Documenta-Archiv sucht Erinnerungen und Zeitzeugen

Karnevalsumzug 1959 oder 1960: Karl-Heinz Kindereits Foto zeigt eine Persiflage eines Scherenschnitts von Henri Matisse. Das Foto wurde aus dem Gebäude neben seinem Friseursalon (Friedrich-Ebert-Straße 113) aufgenommen. Im Hintergrund ist die ehemalige Bereitschaftspolizei zu sehen. Dahinter ist heutzutage die Beckett-Anlage. Foto: nh

Kassel. "Meine documenta" heißt das Projekt, dass der neue Leiter des documenta-Archivs 2014 umsetzen möchte. Gerd Mörschs Wunsch ist es, dass Zeitzeugen ihre Erinnerungen vor allem an die frühen documenta-Ausstellungen zur Verfügung stellen. Er spricht von "unglaublichen Schätzen in den Köpfen".

Als Dr. Gerd Mörsch in seiner Zeit als kuratorischer Assistent bei der documenta 13 in den Friseursalon von Karl-Heinz Kindereit an der Friedrich-Ebert-Straße ging, sprachen die beiden beim Haareschneiden über Kunst. So wurde eine Idee geboren, die Mörsch 2014 im documenta-Archiv umsetzen möchte: das Projekt „Meine documenta“.

Lesen Sie auch:

documenta-Portal im Regiowiki

Mörschs Wunsch ist, dass Kasseler Zeitzeugen von ihren Erinnerungen erzählen. So wie Kindereit. Er erzählte dem Kunsthistoriker nicht nur, dass er mit Gips, Draht und Papier kleine Skulpturen modelliert („als Friseur ist man sowieso immer ein bisschen künstlerisch tätig“), sondern zeigte ihm auch Alben mit Aufnahmen der documenta II im Jahr 1959, auf denen nicht nur Werke von Picasso, Moore oder Fritz Wotruba zu sehen sind, sondern auch eine Straßenkarneval-Szene mit documenta-Motiv. Die Bilder gibt Kindereit, der 1959 seinen Salon eröffnet hat, ans Archiv.

Gerd Mörsch

Mörsch möchte nun weitere Zeitzeugen gewinnen, ihr Wissen über die documenta zu teilen. Es gebe „unglaubliche Schätze in den Köpfen“, die für die kunstwissenschaftliche Forschung gesichert werden müssten, ehe es zu spät sei, machte Mörsch deutlich, als er gestern sein Projekt vorstellte. Dabei gehe es nicht nur um Fotos, sondern um Kenntnisse und Erinnerungen, für deren Wert er sensibilisieren möchte. Denn das, was auf den ersten Blick unspektakulär scheine, könne für die Forschung spannend sein, sagt Mörsch. Er will mit der Aktion, für die er noch Partner in Kassel suchen und auch soziale Medien im Internet wie Facebook nutzen will, auch „gegen das Klischee des verstaubten Archivs ankämpfen“.

Der 84-jährige Kindereit, der einst auch die Frau von documenta-Gründer Arnold Bode frisiert hat und inzwischen nicht mehr selbst im Salon steht, bedauert, dass sich die Mentalität geändert habe: „Es verflacht überall ein bisschen.“ Gestern zeigte sich, welche unerwarteten Folgen es haben kann, beim Friseur ein tiefgründiges Gespräch zu führen.

Hintergrund: Das ist das Projekt

Das Projekt „Meine documenta“ wendet sich an alle Bürger aus Stadt und Region Kassel, die zur Geschichte der documenta besonders in den frühen Jahren etwas beitragen können. Erwünscht sind zunächst bisher unbekannte Fotos, Film- und Audiodateien für das Archiv. „Wir sind froh, wenn wir eine Kopie machen können“, sagt Dr. Gerd Mörsch, aber auch Schenkungen seien willkommen.

Außerdem sollen Audio- und Videodateien mit Zeitzeugen produziert werden. Mit den Interviews, die ebenso wie die Fotos genau verschlagwortet werden (die sogenannten Metadaten), sollen die Bestände des Archivs um „oral history“ (das Sprechenlassen von Zeitzeugen) ergänzt werden. (vbs)

Kontakt zum documenta-Archiv: Tel. 0561/7874022, documentaarchiv@kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.