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documenta: Das große Nichts am Friedrichsplatz – Eindrücke aus Kassel

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Von: Thomas Siemon

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Das leere Gerüst am Friedrichsplatz in Kassel, an dem das documenta-Kunstwerk der Gruppe Taring Padi hing. Davor die Poller, in denen die Pappfiguren standen, die Teil des Kunstwerks waren.
Das leere Gerüst am Friedrichsplatz in Kassel, an dem das documenta-Kunstwerk der Gruppe Taring Padi hing. Davor die Poller, in denen die Pappfiguren standen, die Teil des Kunstwerks waren. © Thomas Siemon

Wenn es einen Ort gibt, der die aktuell gedrückte Stimmung auf der documenta widerspiegelt, dann ist das der Friedrichsplatz.

Kassel – Dort, wo bei früheren Ausstellungen das Leben pulsierte, wo Kunstwerke wie der Himmelsstürmer und das Parthenon der Bücher zu Publikumslieblingen wurden, wo sich die Menschen über Beuyssteine und einen Erdkilometer aufregten, dort regiert jetzt die Tristesse.

Am Donnerstag wurden im unteren Teil des Platzes mit der Metallkonstruktion auch die letzten Reste eines Kunstwerks beseitigt, das für einen Skandal gesorgt hat. Nun ist der documenta-Beitrag des Künstlerkollektivs Taring Padi endgültig von dieser Ausstellung verschwunden.

Die Debatte über die antisemitischen Darstellungen auf diesem großformatigen Wandbild sind damit natürlich noch lange nicht verstummt. Was zurückbleibt, ist eine Leere, die in einem großen Kontrast zum Eröffnungswochenende der documenta steht.

Das Kunstwerk am Friedrichsplatz in Kassel, das wegen antisemitischer Abbildungen von der documenta abgebaut wurde.
Das Kunstwerk am Friedrichsplatz in Kassel, das wegen antisemitischer Abbildungen von der documenta abgebaut wurde. © Andreas Fischer

Da stellte sich bis ganz kurz vor dem Start bei vielen Besuchern der Vorbesichtigung und auch bei zufälligen Passanten noch die Frage, was denn dieses große Metallgerüst in Höhe des AOK-Gebäudes überhaupt soll. Und wann die Kunst, die man da ja irgendwie erwartete, zu sehen sein würde. Das hat man zu diesem Zeitpunkt noch mit großer Gelassenheit hingenommen. Denn es wäre ja nicht das erste Mal, das Kunst mit Verspätung an den Start geht.

Zur Erinnerung: Auch die Reisterrassen am Schloss Wilhelmshöhe kamen nicht richtig voran, die Mohnblüten auf dem Friedrichsplatz ließen sich lange Zeit nicht blicken und Mo Edogas Turm der Hoffnung brauchte ebenfalls seine Zeit. Könnte diesmal auch so sein, so die zu dem Zeitpunkt noch unaufgeregte Vermutung.

Das verhüllte Kunstwerk am Friedrichsplatz in Kassel, das wegen antisemitischer Abbildungen von der documenta inzwischen abgebaut wurde.
Das verhüllte Kunstwerk am Friedrichsplatz in Kassel, das wegen antisemitischer Abbildungen von der documenta inzwischen abgebaut wurde. © Pia Malmus

Aber dann ging alles ganz schnell. Jede Menge Pappaufsteller mit Protestbotschaften und auch das Wandbild „People’s Justice“ verwandelten den Platz und damit auch die Wahrnehmung auf dem Weg zur documenta-Halle. Da erschloss sich dann, warum hier seit Wochen der Rasen nicht mehr gemäht wurde und auch reichlich vertrocknet war. Eine grüne Parklandschaft, quasi eine heile Welt, hätte zu dieser Installation nicht gepasst. Und auch nicht zum mit Wellblech verkleideten Zugang zur documenta-Halle.

Und jetzt? Was bleibt da an dem zentralen Ort zwischen Königsstraße und Karlsaue noch übrig? Da steht auf dem oberen Teil des Friedrichsplatzes weiterhin ein überschaubar großes Zelt, das auf die Situation der Aborigines in Australien aufmerksam macht, aber nicht wirklich ein Hingucker ist. Das war es dann auch an documenta-Beiträgen. Nur gut, dass die Beuys-Bäume dort weiterhin für etwas Schatten sorgen und die dunklen Säulen des Fridericianums das Zeug zu einem Symbolbild haben.

Wie es nun weitergeht? Das ist nicht nur im Bezug auf den Friedrichsplatz offen. Vielleicht müssen wir diese Steppe jetzt einfach aushalten. Wie immer man sich den globalen Süden auch vorstellen mag, der bei dieser documenta eine so große Rolle spielt. Auf dem Friedrichsplatz scheint er in seiner trockenen und staubigen Ausprägung angekommen zu sein.

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