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documenta: Die Generaldirektorin steht massiv in der Kritik – untätig war sie aber nicht

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Unter Druck: documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann.
Unter Druck: documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann. © Swen Pförtner

Es vergeht kaum ein Tag, an dem es keine Kritik an documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann gibt – Rücktrittsforderungen inklusve. Doch ist das gerechtfertigt? Untätig, wie manche behaupten, war Schormann nicht.

Kassel – Hat die documenta ein Kommunikationsproblem? Wer die Debatte über den Antisemitismus-Eklat verfolgt, kann das meinen. Die hat sich von der Betrachtung der Kunstausstellung längst losgelöst. So war es am Donnerstag im Bundestag, so war es auch am Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestages, wo unter anderem der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, und die Hessische Ministerin für Kunst, Angela Dorn (Grüne), wenig Zweifel daran ließen, wem sie die Schuld daran geben, dass auf der documenta ein Wimmelbild mit einer antisemitischen Karikatur gezeigt werden konnte: documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann.

Aber stimmt das? Hat Schormann als Generaldirektorin trotz aller Warnungen im Vorfeld zu wenig getan, um den Eklat zu verhindern? Reichen ihre Vorsichtsmaßnahmen immer noch nicht aus? Recherchen unserer Zeitung zeigen, dass sie innerhalb ihres Verantwortungsbereichs nicht untätig war – auch wenn der Antisemitismus-Eklat so nicht verhindert wurde.

Tatsächlich ist für die Exponate einer jeden documenta ausschließlich die Künstlerische Leitung verantwortlich, also das indonesische Kunstkollektiv Ruangrupa. Es war in Berlin durch Ade Darmawan vertreten. Doch was er zu sagen hatte, ging völlig unter. Sabine Schormann reiste krankheitsbedingt nicht an, Oberbürgermeister Christian Geselle war wegen Finanzberatungen in Kassel gebunden.

So wurde in Berlin über Kassel geredet, nicht mit Kassel. Die Landtagsfraktion der Grünen legte mit Blick auch auf Schormann nach: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass verschiedene Vorschläge von Bund und Land für das Hinzuziehen externer Expertise ohne weitere Diskussion abgelehnt wurden.“

Aber Schormann wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die documenta sehr wohl aktiv, sie tat einiges, um die Künstlerische Leitung der documenta für das Problem zu sensibilisieren. Schormann und der Aufsichtsrat, darunter auch Angela Dorn als stellvertretende Ausschussvorsitzende, tauschten sich schon im Januar über die Warnungen aus. Bald darauf beschloss Schormann, ein Expertenforum unter dem Titel „We need to talk“ zu gründen. Verträge wurden geschlossen. Das Künstlerische Team um Ruangrupa, koordiniert von Andrea Linnenkohl, mit im Team die in Kassel ebenfalls bekannte Ayse Gülec, wurden zur Unterstützung der Reihe gewonnen. Im Bild über die Aktivitäten Schormanns: Andreas Görgen, Amtsleiter von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), die Kulturstiftung des Bundes und auch das Hessische Kunstministerium.

Vor dem Hintergrund anschwellender Kritik initiierte Schormann im März einen Austausch zwischen Daniel Botmann und Gila Baumöhl vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Ayse Gülec, um den Ansatz der Gesprächsreihe und den multiperspektivischen Ansatz der d 15 zu erläutern. Offenbar erfolglos: Am 4. Mai wurde die Reihe abgesagt, weil die documenta ohne Vertreter der jüdischen Perspektiven dastand – auch eine Folge der Ausrichtung. Das Thema sollte zwar Antisemitismus lauten, plötzlich sollte aber in zwei von drei Veranstaltungen über Rassismus, Postkolonialismus und anti-palästinensische Islamophobie gesprochen werden.

Die Geschäftsführung der documenta sensibilisierte Ruangrupa und das Künstlerische Team aber auch intern. Vor allem das fünfköpfige Künstlerische Team der documenta, dafür da, Ruangrupa in seiner kuratorischen Arbeit zu unterstützen und vor Fehlern zu schützen, hätte gewarnt sein können. Allerdings haben alle fünf, Andrea Linnenkohl, Gertrude Flentge, Lara Khaldi, Frederikke („Fred“) Hansen und Ayse Gülec, den „Brief gegen Apartheid“ unterzeichnet. Der gibt Israel in letzter Konsequenz selbst Schuld an den Terrorangriffen auf seine Zivilbevölkerung.

Zur Sensibilisierung der Künstlerischen Leitung für die Kritik organisierte die documenta gleichwohl nach HNA-Recherchen Besuche des Aschrottbrunnens vor dem Kasseler Rathaus, der an den von Nationalsozialisten zerstörten, einst von dem jüdischen Industriellen Sigmund Aschrott gestifteten Brunnen erinnert. Das Mahnmal „Die Rampe“ von Arnold Bodes Tochter E.R. Nele auf einem ehemaligen Gelände der Firma Henschel wurde besichtigt. Es gab Gespräche zwischen der Künstlerischen Leitung mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Kassel. Schon 2019 hatte die Künstlerische Leitung das documenta-Symposium im Deutschen Historischen Museum in Berlin besucht. Dort wurde die Verstrickung späterer documenta-Macher in das NS-Regime dokumentiert.

Wie konnte es dann trotz allem zur Aufhängung des Wimmelbildes mit der antisemitischen Karikatur kommen? Und was tat die documenta-Leitung dann?

Nach Informationen unserer Zeitung hatte das Banner schon am 7. Juni auf dem Friedrichsplatz aufgehängt werden sollen. Doch dann wurde Reparaturbedarf festgestellt, weswegen es erst am Freitagnachmittag vor der offiziellen documenta-Eröffnung aufgehängt wurde. Schormann erfuhr von der antisemitischen Karikatur auf dem Bild den Informationen unserer Zeitung nach konkret erst am Montagmorgen. Nach Rücksprache mit den Künstlern und der Künstlerischen Leitung ließ sie es noch am Nachmittag verhängen. Am Dienstag, nach Rücksprache mit dem Aufsichtsrat, veranlasste Schormann, es abzumontieren. Zwei Kanzleien zur medialen und rechtlichen Beratung wurden eingeschaltet.

Nach Informationen unserer Zeitung wurde das Bild mittlerweile von einer renommierten Anwaltskanzlei begutachtet: Die Karikatur darin ist demnach als antisemitische Bildsprache zwar sozial, kulturell und politisch unerträglich, aber das Bild als Ganzes diffamiert keine einzelnen Personengruppen. Es richte sich vielmehr im indonesischen Gesamtkontext in einer sozialen und politischen Konfliktsituation eindeutig gegen das Regime des damaligen Diktators Suharto. Fazit: Das Banner erfüllt weder den Straftatbestand „Volksverhetzung“ noch den einer „Friedensstörenden Hetze“.

Wie geht es nun weiter? Wie unsere Zeitung erfuhr, will die documenta-Leitung in Absprache mit Ruangrupa nur noch alle Zweifelsfälle bewerten lassen – und zwar intern. Gestern zog der Direktor der Bildungsstätte Anne-Frank in Frankfurt, Meron Mendel, gegenüber der documenta sein Angebot zur Mithilfe zurück.

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