Neues Buch erzählt die Geschichte der Ausstellungen in Fotografien

Die documenta: Ein Rückblick in Bildern

1982: Jonathan Borofskys „Five Hammering Men“ und Bilder der „Neuen Wilden“ in der Neuen Galerie. Foto: documenta Archiv/Reuschling

Kassel. Wenn Helmut Plate und Harald Kimpel auf die Konzeption ihres überwältigenden documenta-Bildbandes zurückschauen, kommt es ihnen vor wie die gescheiterten Berliner Sondierungsverhandlungen.

So schwer fiel den Herausgebern die Auswahl der Fotos, die das Charakteristische von jeder der bislang 14 documenta-Ausgaben anschaulich machen sollte.

Plate, der Layouter, der in Kassel Visuelle Kommunikation studiert hat, sah in erster Linie die Brillanz der Bilder. Dem promovierten Kunsthistoriker Kimpel ging es immer auch darum, den „Inszenierungszusammenhang“ zu zeigen, also nicht nur abzubilden, was von 1955 an in Kassel ausgestellt war, sondern auch, wie die jeweiligen künstlerischen Leiter Kunst präsentiert haben.

Jede documenta sollte im Umfang gleichrangig vorkommen, auch kein einzelner Künstler bevorzugt werden. Die kurzen Bildtexte, lediglich „knappe Sehhilfen“, so Kimpel, sind alle auch ins Englische übersetzt, das „Schaubuch, kein Lesebuch“ richtet sich an ein breites Publikum. documenta-Kennern sollte aber ebenfalls Neues geboten werden. Mitunter wurde deshalb auf Bekanntes, wie etwa Claes Oldenburgs Spitzhacke, verzichtet: „Wir haben Abstriche gemacht.“

1972: Das Luftschiff von Panamarenko im Fridericianum. Fotos: documenta Archiv/Lengemann

Aber gut, dass niemand abgebrochen hat. Denn das Ergebnis ist bestechend. „Es ist genau das Buch, das ich seit Jahren vermisse“, sagt Oktogon-Verleger Hans-Dieter Müller. Die Geschichte der documenta ist vielfach geschildert worden, nun zeichnet erstmals ein Buch ihre Entwicklung umfassend in Bildern nach, die für sich stehen.

1987: Tadashi Kawamata ummantelte die Garnisonkirche mit Bauholz. Foto: Monika Nikolic

Die documenta kennen beide Herausgeber bestens. Plate war 1982 als 23-Jähriger Assistent des künstlerischen Leiters Rudi Fuchs, Kimpel, der viel zu ihrer Geschichte publiziert hat, war damals stellvertretender Leiter des documenta Archivs. Die intime Kenntnis von dessen Beständen half, rare Fotos aufzustöbern – die Aufnahmen, anfangs ausschließlich in Schwarz-weiß, von Günther Becker, Werner Lengemann, Ryszard Kasiewicz, Monika Nikolic, Heiko Meyer und vielen anderen spiegeln auch die Geschichte der Kasseler Fotografie sowie des In-Szene-Setzens von Kunst. Publikum kommt nur am Rande vor, um Dimensionen und Proportionen zu verdeutlichen. Die Besucher einer documenta, das wäre ein – wünschenswerter – weiterer Bildband.

Was haben die Macher Neues erfahren? „Ich habe am meisten über das Archiv gelernt“, sagt Kimpel. „Wir haben dort nach Kräften genervt.“ Dem Leiter der Mediensammlung, Alexander Zeisberg, sind sie zu besonderem Dank verpflichtet: „Er war extrem kooperativ.“

Die stetige Ausdehnung der documenta, gipfelnd mit dem zweiten Standort Athen, lässt sich im Buch nachvollziehen. „Die Kunst will immer spektakulärer sein“, sagt Plate, aber bei allem Spektakel fiel ihm auf: „Wir hätten auch ein Buch mit Wiederholungen machen können. Manches kommt in Intervallen immer wieder.“

documenta. Eine Bildgeschichte. Oktogon-Verlag, 288 S., 40 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen.

Präsentation am Dienstag, 28.11., 19 Uhr, Stadtmuseum Kassel.

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