documenta: Ein erster Rundgang durch die Kunst

Kassel. Der erste Eindruck: Es gibt viel Raum auf dieser documenta. Die Kunstwerke bekommen ausreichend Platz, um zu wirken, die Besucher viel Platz, um die Ausstellung zu nutzen.

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Standorte der d13 als PDF

Das heißt allerdings in der Kasseler Karlsaue auch: Man muss viel Zeit mitbringen, denn die Holzhütten, in denen viele der Arbeiten zu sehen sind, liegen weit voneinander entfernt - kilometerlange Spaziergänge durchs Grün sind erforderlich, wenn man wirklich alles anschauen will. Auch sehr tief hinein in die Stadt ist die documenta 13 gewandert. So stark wie noch nie sind Häuser und einzelne Räume in der City, in Kaufhäusern, Kinos und historischen Gebäuden in die Schau einbezogen worden. Und im Astronomisch-Physikalischen Kabinett in der Orangerie kann man Gemälde des Computer-Erfinders Konrad Zuse sowie Klang-Maschinen des finnischen Atomphysikers Erkki Kurenniemi entdecken. Das alles zeugt von viel Sinn für Inszenierung und von dem Willen, die documenta 13 so stark wie möglich mit der Stadt Kassel zu verzahnen.

STANDORT: FRIDERICIANUM

d13: Das ist im Fridericianum zu sehen

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Wer das Fridericianum betritt, das von Christov-Bakargiev so bezeichnete Gehirn („Brain“) der Schau, steht erstmal im leeren Raum. Wir erleben Licht, Luft, Weite – aber keine Kunst. „Leichte Brise zieht den Besucher durch den Ausstellungsraum“ steht auf dem üblichen Künstlertäfelchen an der Wand der beiden ersten großen Erdgeschossräume rechts und links des Eingangs, zugeordnet dem Künstler Ryan Gander. Sichtbare Kunstwerke gibt es hier nicht. An der Stelle also, wo Besucher das zentrale Statement der Ausstellung erwarten, bleibt Leere. Nur ein künstlich erzeugter Luftzug an einer Wand und eine Vitrine mit drei kleinen Plastiken von Julio Gonzales, einem Künstler der documenta 2 von 1959. Reminiszenz an den Beginn der documenta-Geschichte. Auffallend an den Arbeiten, die ansonsten im Rundgang durchs Gebäude ausgestellt sind, ist ein starker Wissenschaftsbezug. Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger hat in einem Raum fünf Experimente aufgebaut, um Teilchenphysik zu erklären. In einem abgelegenen Raum gibt es eine Gen-Datenbank in 80 000 Plastikröhrchen des russischen Künstlers Alexander Tarakhovsky. Und als krasser, sinnlicher Gegensatz: Live-Musik des Ein-Mann-Orchesters von Llyn Foulkes, der im zweiten Stock aus Leibeskräften jammt. (fra)

STANDORT: KULTURBAHNHOF

d13: Das ist im Kuba zu sehen

William Kentridge verneint die Zeit. „The Refusal of Time“ nennt er seine Installation, in der Galaxien explodieren und Menschen wie Scherenschnitte über die Wände schweben. In der Mitte steht eine schnaufende „Atmungsmaschine“ aus Holz. Der Videoraum erzeugt einen nostalgischen Wirbel aus Schwarz-Weiß-Bildern und Musik – er ist das sinnlichste der Werke im documenta-Standort Kulturbahnhof. Doch auch andere Künstler erzeugen neue Räume. Javier Téllez hat eine künstliche Höhle gebaut, in der ein Film aus einer mexikanischen Psychiatrie läuft. Die Leinwandorte verschmelzen mit dem täuschend echten Gestein und plötzlich ist der Bahnhof ganz weit weg. Bei der koreanischen Künstlerin Haegue Yang spielt dagegen ein verlassenes Gleis die zentrale Rolle. Über den Schienen hat sie Jalousien aufgehängt, die sich automatisch öffnen und schließen. Daneben liegt ein Geisterort, den Istvan Csákány erschaffen hat. Der ungarische Künstler hat eine komplette Näherei aus Holz gebaut, ganz ohne Menschen, aber mit den Nähmaschinen und allen technischen Details. Neben den Arbeitspulten bauen sich kopflose Schaufensterpuppen im Anzug auf. „Ghost keeping“ heißt das Werk. Geister hüten. (str)

STANDORT: DOCUMENTA HALLE

d13: Das ist in und nahe der Documenta-Halle zu sehen

Die große Halle füllt der Künstler Thomas Bayrle mit einer Riesencollage eines Flugzeugs, einer großen Wandarbeit sowie aufgeschnittenen, laufenden Kolbenmotoren. Unser Verhältnis zur Technik wird auf eher differenzierte, auch witzige Weise thematisiert. In den Räumen oben dominieren Malerei und Grafik. Im Foyer nehmen vier Monumentalbilder der amerikanischen Künstlerin Julie Mehretun gefangen - feine Architekturzeichnungen, die farbig übermalt sind. Dicht gedrängt in einem Raum hängen 360 Gemälde des Chinesen Yan Lei an den Wänden, von der Decke und an ausziehbaren Wänden. Malerische Kopien ikonenhafter Gemälde und Fotos von Mao bis Warhol bis zum Kasseler Aschrottbrunnen. Sie sind nicht unbegrenzt zu sehen, denn jeden Tag wird der Künstler ein Bild einfarbig übermalen. Auffällig: Überall stehen abgedeckte Vitrinen, in denen lichtempfindliche Grafiken von Gustav Metzger gezeigt werden. (w.f.)

STANDORT: NEUE GALERIE

Auch im Obergeschoss der Neuen Galerie nehmen Malerei und Plastik einen gewichtigen Raum ein. Und zwar, passend zum Charakter des Hauses, auch ältere Werke. Beispielsweise organisch-figürliche Bronzeplastiken der Brasilianerin Maria Martins aus den 1940er-Jahren, Stillleben der Australierin Margaret Preston aus derselben Zeit und sogar noch etwas ältere Gemälde der Kanadierin Emily Carr. Aber auch ganz neue Acrylbilder des Australiers Gordon Bennet sind zu sehen sowie Baum-Aquarelle des guatemaltekischen Künstlers Aníbal López. Daneben bietet die Neue Galerie eine breite Vielfalt. Stark wirkt eine auf Strohhalme aufgebrachte Collage unzähliger Schwarz-Weiß- und Farbfotos aus dem amerikanischen Life-Magazin, die die gesamte Loggia ausfüllt. Wer Frust abladen will, kann sich einen Termin für den Ärger-Workshop des Künstlers Stuart Ringholt geben lassen. Im Kellergeschoss dominiert eine Arbeit des Ägypters Wael Shawky, der mittels Videos von Puppentheater und einer Installation Geschichte in Geschichten erzählt. (w.f.)

STANDORT: KARLSAUE

d13: Das ist in Karlsaue und Orangerie zu sehen

Weil es am ersten Tag der Pressebesichtigung lange regnete, hatte die Karlsaue etwas von einem Regenwald. „Ich habe meine Ideen aus dem Wald“, sagte passenderweise der Japaner Shinro Ohtake über sein „Self-Portrait as a Scrapped Shed“. Der Schrottschuppen war einst ein geschlossener Schnellimbiss in Uwajima, wo Ohtake lebt. Dessen Neonschild hat er an die Hütte gehängt, die aus unzähligem Krimskrams besteht - von alten Radreifen bis zu einem Boot. 90 Prozent der Utensilien hat Ohtake in den vergangenen fünf Wochen in Kassel gefunden. Besucher brauchen wahrscheinlich fünf Wochen, um die gesamte Aue mit ihren mehr als 50 Kunstwerken zu erkunden. Es wird ein faszinierender Spaziergang durch esoterische Holzhütten (wie von der Dänin Lea Porsager) und Bienenkunst des Franzosen Pierre Huyghe in der Kompostierungsanlage, durch die spanische Windhunde mit pinken Beinen streunen. Am Ende landet man in einer modernen Agentur für Arbeit: Julieta Aranda und Anton Vidokle haben eine „Time/Bank“ gegründet, bei der jeder Tätigkeiten anbieten kann. Die Arbeits-Tauschbörse „kann alle unsere Probleme lösen“, glaubt der Russe Vidokle. Wie schön: Die d13 erkundet die menschliche Natur und rettet nebenbei die Welt. (mal)

SERVICE:WICHTIGES FÜR DEN D13 BESUCH

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr, Führungen nach Anmeldung.

Eintritt: • Tageskarte: 20 Euro (ermäßigt 14), ab 17 Uhr: 10/7 Euro • 2-Tageskarte: 35 /25 Euro. • Dauerkarte: 100/ 70 Euro. • Familienkarte: 50 Euro.

Die Buslinie d13 verbindet täglich von 9.30 bis 20.30 Uhr den Hauptbahnhof mit allen Standorten im 15-Minuten-Takt. Eintrittskarten gelten als Bustickets.

Vom Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe fahren die Straßenbahnen 1, 2, 3 und 4 zur Haltestelle „Friedrichsplatz“. Autofahrern empfiehlt es sich,

außerhalb zu parken und die Tram zu nutzen. (fsz)

Infos und Führungen: Tel. 0561/707 27 70, Kurzführer: „dMAPS“-App (kostenlos)

www.d13.documenta.de/de

Quelle: mydocumenta

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