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documenta fifteen in den Medien: Um 180 Grad gekippt

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Von: Mark-Christian von Busse

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Eingang vom Fridericianum in Kassel während der documenta fifteen.
Eingang vom Fridericianum in Kassel während der documenta fifteen. © Boris Rösler/dpa

Die Bewertung einer documenta ist nie festgeschrieben: Jede Ausstellung wird in der Rückschau besser, trotz anfänglicher Verrisse. Doch diesmal ist alles anders. Ein Kommentar.

Auch die Urteile von Kunstkritikern und Publikum klaffen oft auseinander. All das ist nichts Neues. Wie rasant sich die mediale Wahrnehmung der documenta fifteen nach dem Antisemitismus-Skandal um 180 Grad geändert hat, das aber ist atemberaubend.

Diesmal begann alles mit positiven, bisweilen euphorischen Besprechungen. Mit der Entdeckung der antisemitischen Bildsprache auf dem Taring-Padi-Banner „People’s Justice“ war dann jegliche Hochstimmung verflogen – so plötzlich wie bei einem Tornado oder einem Erdbeben. Und die Erschütterung hat sich nicht gelegt.

Jenseits aller berechtigten Fragen – vor allem: wie konnte das passieren, welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? – ist doch bemerkenswert, wie jetzt das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Auf einmal ist die d15 eine „Bühne für antisemitische Hetze“, nichts anderes. So wurde am Sonntag der Beitrag im ARD-Magazin „ttt“ anmoderiert, das eine Woche vorher noch allen Zuschauern die Reise nach Kassel empfohlen hatte.

Die „Süddeutsche Zeitung“ widmete der d15 zum Auftakt zwei begeisterte Seiten. Inzwischen verabschiedet sie die Idee einer „Weltkunstschau“ vollständig – sie habe sich überlebt. Schon die Wahl indonesischer Kuratoren sei grundfalsch gewesen, weil die Gefahr des radikalen Islamismus im größten muslimischen Land der Welt ein unkalkulierbares Risiko bedeutet habe. Die Zeitung wundert sich über die „Entschlossenheit zur diskursiven Exotisierung“, der in der „sonderbaren Fetischisierung“ und Romantisierung des „globalen Südens“ liege.

Wirklich ärgerlich ist, wie fehlerhaft viele der Attacken auf die documenta sind. Die „SZ“ schreibt, dass diesmal mindestens 42 Millionen Euro „vorwiegend des Bundes“ ausgegeben würden. Das ist schlicht falsch: Von der Bundeskulturstiftung stammen gerade mal 3,5 Millionen Euro. Alle Autoren, die etwa „steuerlich finanzierten Antisemitismus in monströsem Ausmaß“ beklagen – auch das ein Zitat aus der „Süddeutschen“ –, verschweigen, dass die Ausstellung einen großen Teil des Etats über den Verkauf von Eintrittskarten, Merchandising und Sponsoring erzielen muss.

Da ist gern vom „documenta-Beirat“ die Rede, den es gar nicht gibt. Gemeint ist vermutlich die Findungskommission. Nicht mal die Zahl der Ruangrupa-Mitglieder stimmt in solchen Artikeln: Es sind neun. Dann wieder werden die Kollektive Taring Padi und Ruangrupa verwechselt.

Die „FAZ“ beklagt sich sogar, dass die elf (!) Ruangrupa-Mitglieder „namentlich kaum jemandem präsent“ seien – offenkundig überfordern Namen wie Ajeng Nurul Aini und Julia Sarisetiati deutsche Feuilletonisten. Natürlich haben die „Ruangrupas“, zum Beispiel Farid Rakun, Interviews gegeben, sie waren auch in unserer Redaktion zu Gast. Iswanto Hartono und Reza Afisina, die mit ihren Familien in Kassel zu Hause sind, waren hier für jedermann ansprechbar.

Alles wird jetzt in einen Topf geschüttet und gerührt, bis eine einzige braune Brühe entsteht – als gebe es Verbindungen zwischen dem documenta-Theoretiker der 1950er, Werner Haftmann, und dessen Mitgliedschaft in NS-Organisationen, dem Kasseler NSU-Mord und der Sympathie zur documenta eingeladener Künstler für die BDS-Kampagne. Dabei müsste man schon zwischen der Bewegung, die zum Boykott Israels aufruft, und den grässlichen Taring-Padi-Motiven präzise unterscheiden. Aber wer will in diesen aufgeregten Tagen schon so genau hinschauen? (Mark-Christian von Busse)

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