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documenta fifteen in Kassel: Kinderkrippe als künstlerisches Projekt im Fridericianum

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Von: Kirsten Ammermüller

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Ein großer Sandkasten mit Tuchschaukeln: Graziela Kunsch und Elke Avenarius im Krippenbereich des Fridericianums in Kassel während der documenta fifteen.
Ein großer Sandkasten mit Tuchschaukeln: Graziela Kunsch und Elke Avenarius im Krippenbereich der Fridskul. So heißt das Fridericianum in Kassel während der documenta fifteen. © Kirsten Ammermüller

Im Fridericianum in Kassel gibt es während der documenta für Kinder eigene Bereiche, in denen sie spielen und lernen können.

Kassel – Sie weiß ganz genau, wo sie als erstes spielen möchte: Als die zweijährige Loulou mit ihrer Mutter den Krippenbereich im Fridericianum betritt, übernimmt sie das Kommando und Nadine Weiser setzt sich entspannt an den Rand und beobachtet ihre Tochter. Diese beginnt sofort, bunte Kreise aus Filz hin und her zu transportieren und in einen Korb einzusortieren. Dieser Korb mit den Filzkreisen ist eins von zahlreichen Spielzeugen, die auf dem Boden verteilt sind und Kinder zum Spielen anregen sollen.

„Meine Rolle als Mutter besteht darin, meinem Kind eine Umgebung zu gestalten, in der es sich frei und selbstständig bewegen kann und verschiedene Angebote findet, mit denen es sich beschäftigen kann“, sagt Graziela Kunsch. Die Künstlerin, Pädagogin und Mutter wurde von Ruangrupa eingeladen, auf der documenta fifteen einen Raum für Babys von null bis drei Jahren zu gestalten.

Dieser ist einer der zentralen Bereiche des Fridericianums, das für die Dauer der documenta in Fridskul umbenannt worden ist – angelehnt an Fridericianum und Schule. Denn, davon ist Kunsch fest überzeugt, können auch Erwachsene noch sehr viel von Kindern lernen. Auf einer Videoarbeit im Eingangsbereich zur Krippe ist ihre Tochter zu sehen. Die Kamera ist stiller Beobachter, das Kleinkind fungiert als Akteur indem es seine Umgebung selbstständig erforscht und ganz zufrieden mit sich selbst agiert.

Um das künstlerische Projekt der „Eltern und Kleinkind Krippe – Public Daycare“ auf der documenta umzusetzen, suchte die Künstlerin in Kassel nach lokalen Kooperationspartnern. Für ihre Projekte lädt die Brasilianerin Personen außerhalb des Kunstbetriebes ein, um eine vielschichtige Sichtweise auf das Thema zu bekommen. Es brauchte nicht viel, bis klar war, dass die Zusammenarbeit mit Elke Avenarius von der Kinderkrippe „Kleine Entdecker“ wunderbar funktionieren würde.

Die gelernte Bauingenieurin war 2009 eine der ehrenamtlichen Mitgründer der Elterinitiative in der Kasseler Dalwigkstraße. Das pädagogische Konzept beruht auf den Lehren der jüdisch ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler, das auch Kunsch vertritt. „Das Kind ist Protagonist seiner eigenen Entwicklung“, so die stark heruntergebrochene Formel.

Küchenutensilien dienen als Spielzeug im Kinderbereich der documenta fifteen im Fridericianum.
Aus der Küche: Spielzeug muss nicht teuer sein. © Kirsten Ammermüller

Was das bedeutet, können Besucher in dem liebevoll gestalteten und von Avenarius entworfenen Krippenbereich in der Fridskul erfahren. Hier können die Kinder beim Spielen beaobachtet werden – das Angebot weist eine Auswahl von bunten Tüchern, Holzringen in einer Schüssel, Bechern, Löffeln und vieles mehr, was die Küche zu bieten hat. Der Wickelbereich ist so gestaltet, dass die Kinder, sobald sie mobil sind, selbstständig auf die Wickelkommode klettern können.

Auch der Essensbereich bietet den Kindern größtmögliche Autonomie. Über eine kleine Treppe können sie auf eine erhöhte Bank klettern und von dort am Tisch sitzen, an dem auch Erwachsene bequem auf einem großen Stuhl Platz nehmen können. Es stehen eine Mikrowelle zur Verfügung sowie ein Schlafbereich für den Mittagsschlaf der Kleinen.

An den Wänden sind Bilder der jüdisch-ungarischen Fotografin Marian Reismann zu sehen, die mit Emmi Pikler zusammenarbeitete und eben jenen beobachtenden Blick mit der Kamera einnimmt und wiedergibt.

Loulou ist ganz in ihr Spiel vertieft und wird bestimmt wiederkommen wollen. Dafür hat sie täglich von 10 bis 17 Uhr Gelegenheit, dann steht der Krippenbereich allen Eltern und Kindern von null bis drei Jahre kostenlos zur Verfügung.

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