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„Es fehlt an Repräsentation guter Beispiele“: Interview mit der Off-Biennale zur Wichtigkeit eines Roma-Museums

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Von: Leonie Krzistetzko

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Teil der documenta-Serie „One Day We Shall Celebrate Again“: Die Teppicharbeit von Malgorzata Mirga-Tas..
Teil der Serie „One Day We Shall Celebrate Again“: Die Teppicharbeit von Malgorzata Mirga-Tas (links) und die raumübergreifende Installation von Robert Gabris. © ANDREAS FISCHER.

Die Off-Biennale Budapest ist Lumbung-Member der documenta fifteen. Im Interview erzählt Kuratorin Katalin Székely von der Notwendigkeit eines Roma-Museums für moderne Kunst, und was die d15 dazu beitragen kann.

Frau Székely, Sie sind eine Kuratorin der Off-Biennale, die die unabhängige lokale Kunstszene in Ungarn stärken will. Mit welchen Problemen sehen sich Künstler in dem Land konfrontiert?

Ein Problem ist, dass in Ungarn im Grunde einzig der Staat die Kulturszene unterstützt. Die aktuelle Regierung verfolgt dabei eine sehr strikte nationalistische Agenda – es gibt zwar keine direkte Zensur, aber kritische Themen werden vermieden, so auch beispielsweise das Thema der Roma, die keine Repräsentation erfahren. Politische und soziale Probleme werden in den großen Museen also kaum thematisiert. Die Situation ist so prekär, seit die Fidesz-Partei 2010 an die Macht gekommen ist.

Was macht die Off-Biennale dagegen?

Es gab in Ungarn in dieser Zeit viele Proteste, auf die aber von staatlicher Seite nicht gehört wurde. Hajnalka Somogyi, die Gründerin der Off-Biennale, fand, dass es wichtig ist, proaktiv zu handeln, statt nur zu protestieren. So ist die Off-Biennale entstanden. Die Grundidee war, dass wir Fähigkeiten erlangen müssen, um nicht mehr so abhängig von staatlichen Förderungen zu sein. Unsere Ziele sind, den Diskurs zu stärken und die Produktion kritischer Kunstwerke zu unterstützen.

Die Off-Biennale Budapest ist selbst eine Kunstausstellung in Ungarn und eine Kritik an anderen Kunstschauen der Welt. Was machen die aus Ihrer Sicht falsch?

Die großen Biennalen entstammen fast immer einer Agenda eines Staats oder einer Stadt – wie aus Marketinggründen – und werden stark vom Kunstmarkt beeinflusst. Uns war es wichtig, nicht internationale Kuratoren zu haben, die eine Zeit vor Ort sind, und dann wieder abreisen. Wir wollen langfristig in unserer Gemeinschaft und in unserem Ökosystem arbeiten.

Bei der d15-Reihe „One Day We Shall Celebrate Again“ soll die Idee eines Museums für Moderne Kunst für Roma-Künstler (Roma-Moma), diskutiert werden. Wie notwendig ist ein solches Museum?

Wir arbeiten an der Idee eines Roma-Momas zusammen mit dem in Berlin ansässigen Europäischen Roma Institut für Kunst und Kultur seit 2019, die Diskussion darum gibt es aber seit den frühen 2000er-Jahren, wobei es in Ungarn schon seit den 1960er-Jahren viele Versuche gab, ein Roma-Museum zu etablieren. Ich sehe das Bedürfnis und die Notwendigkeit solcher Institutionen. Denn Roma werden immer noch rassistisch diskriminiert, sind oft von Armut betroffen und leben oftmals unter prekären Umständen. Ein Museum zu haben, würde Roma und Roma-Künstler ermächtigen sowie die afroamerikanische Gemeinschaft durch das Harlem Studio Museum ermächtigt wurde. Es fehlt nämlich an der Repräsentation guter Beispiele. Ein Museum würde auch die Wahrnehmung von Roma in der Mehrheitsgesellschaft verändern.

Der Fokus liegt nicht auf der tatsächlichen Realisierung, sondern auf der Konzeption – warum?

Wir als Off-Biennale können zunächst keinen Anspruch darauf erheben, eine solche Institution zu gründen – denn wir selbst sind keine Roma. Wir repräsentieren nur die Idee eines solchen Konzepts, weil es auch der Job von Interessenvertretern der Mehrheitsgesellschaft ist, für Repräsentation zu kämpfen. Wir können aber an der Diskussion teilnehmen. Außerdem ist es nicht das wichtigste, eine neue Institution zu gründen – es geht eher darum, den Diskurs in bestehenden Institutionen zu verändern. Es ist genauso wichtig, dass die Kunstwerke von Roma auch in den nationalen Kanon von Ländern übergehen, in denen Roma-Gemeinschaften leben.

Nun stellen Sie auf einer der international relevanten Kunstausstellungen aus, die Sie sonst kritisieren. Was macht die documenta fifteen anders?

Wir waren ziemlich beeindruckt davon, wie Ruangrupa das Konzept von Lumbung gestaltet haben. Es ging viel mehr um die Gemeinschaft und darum, wie verschiedene Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen und voneinander lernen können. Wir haben während dieses Prozesses wirklich viel gelernt und wissen sehr zu schätzen, wie Ruangrupa und das künstlerische Team es organisiert haben, dass sich jeder einzelne Teilnehmer selbst entfalten konnte.

Was könnte das Ergebnis für die Diskussion um ein Roma-Moma nach der documenta sein?

Was wir anstreben, ist die Fortsetzung des Diskurses, und dass die Kunst von Roma-Künstlern immer mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfährt. Wir können bereits sehen, dass dies geschieht. Das soll auch nach der documenta weitergeführt werden.

Katalin Székely, Kuratorin der OFF-Biennale Budapest.
Katalin Székely, Kuratorin der OFF-Biennale Budapest. © Fischer, Andreas
Teil der documenta-Serie „One Day We Shall Celebrate Again“: die raumübergreifende Installation von Robert Gabris.
Teil der Serie „One Day We Shall Celebrate Again“ im Fridericianum während der documenta fifteen: Die raumübergreifende Installation von Robert Gabris. © ANDREAS FISCHER.

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