1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

documenta-Gäste: Kunst soll nicht zu kurz kommen

Erstellt:

Von: Axel Schwarz

Kommentare

Waren vom Fridericianum beeindruckt: Walter Kühnert und Christa Kühnert-Löser sind aus Dortmund zur documenta gekommen und logieren bei Freunden.
Waren vom Fridericianum beeindruckt: Walter Kühnert und Christa Kühnert-Löser sind aus Dortmund zur documenta gekommen und logieren bei Freunden. © Schwarz, Axel

Für Besucher der Weltkunstschau in Kassel sind die Querelen um die documenta-Leitung eher zweitrangig. Wir haben uns umgehört.

Kassel – Die Kunst, die Hitze und der Skandal im Hintergrund: Auch am Montag (18.7.2022) sind viele Kunstbummler aus nah und fern auf der documenta fifteen unterwegs. Dass die Weltkunstschau nach dem erzwungenen Rückzug von Generaldirektorin Sabine Schormann einstweilen ohne Geschäftsführung dasteht, ist für Besucher von auswärts nicht so sehr das beherrschende Thema. Doch die Kontroversen um den Kasseler documenta-Eklat hat freilich jede und jeder verfolgt. Wir haben uns umgehört.

„Die Ausstellung selbst kommt viel zu kurz“, findet Christa Kühnert-Löser vor dem Fridericianum. Die Dortmunderin findet, dass an Schormanns Reaktion auf die Entdeckung antisemitischer Abbildungen auf einem Plakat der Gruppe Taring Padi nichts auszusetzen ist: „Mit dem Abhängen hätte es gut sein müssen, die Leitung hat reagiert auf die Kritik“, sagt Kühnert-Löser. „Aber was dann alles noch gekommen ist, habe ich überhaupt nicht mehr verstanden.“

Ihr Mann Walter Kühnert äußert sich ähnlich und kritisiert entschieden, wie sich die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth in der documenta-Debatte positioniert hat. „Ich habe das als Drohung gesehen“, sagt Kühnert, der in Kassel geboren ist. Was die bisherige Generaldirektorin Schormann betrifft, könne er „nicht einschätzen, wo sie vielleicht im einzelnen Fehler gemacht hat“. Von der politischen Warte gesehen sei sie aber „ein Opfer, um dem Druck Genüge zu tun“, der von vielen Seiten auf die documenta ausgeübt wird.

Mit Blick auf Stimmen, die nun eine stärkere Reglementierung von ausgestellter Kunst verlangen, hat Besucherin Claudia Krauß kein gutes Gefühl. Kunst brauche Offenheit und konstruktive, hinterfragende Auseinandersetzung. So hätte man sich auch dem Banner von Taring Padi nähern sollen, statt es „verschwinden zu lassen“, meint die Frankfurterin: „Ich finde, wir müssen auch mal etwas aushalten können.“ Die Art, in der nun eine Bereinigung der Lage versucht werde, sei typisch für den politischen Betrieb, findet Krauß: „Wir haben ein Problem, dann wird jemand geköpft, aber damit ist ja das Problem nicht aus der Welt.“

Kunst braucht Offenheit und verträgt keine Reglementierung: Das finden die documenta-Besucherinnen Claudia Krauß (links) und Patricia Tremus aus Frankfurt, sie stehen im Küchengarten bei der documenta-Halle.
Kunst braucht Offenheit und verträgt keine Reglementierung: Das finden die documenta-Besucherinnen Claudia Krauß (links) und Patricia Tremus aus Frankfurt, sie stehen im Küchengarten bei der documenta-Halle. © Axel Schwarz

Zudem gehe es ja „um Einzelfälle“, bemerkt ihre Reisebegleiterin Patricia Tremus: Es sei bedauerlich für „die 99 Prozent der anderen Künstler, die jetzt ebenfalls im Blickpunkt der Kritik stehen“. Für Tremus ist es ihr erster documenta-Besuch, den sie ausgesprochen inspirierend finde: „Das Kollektive, die Nachhaltigkeit“ – das seien alles Zukunftsthemen.

Aus Erfurt sind Julia und ihr Vater Andreas Nürnberg mit dem 9-Euro-Ticket zu einer documenta-Tagestour gekommen – ohne besondere Kunst-Affinität, jedoch „aus Neugier und weil man drüber spricht“, erklären die beiden. „Mehr Publicity geht ja nicht“, wie Kassel derzeit in den Medien vorkomme. Zwar nicht in positiver Form. „aber das ist ja im Grunde egal“, sagt Andreas Nürnberg ein weises Wort zur zeitgenössischen Aufmerksamkeitsökonomie.

Vater und Tochter Nürnberg haben Neugier und Offenheit im Gepäck, sie sind nicht zum Urteilen gekommen und haben auch keine Position zur Causa Schormann und zu den Darstellungen von Taring Padi, die den ganzen Eklat auslösten. „Warum die Künstler das so gemalt haben“ – das wäre eine Frage, die Julia Nürnberg vorrangig interessiert hätte. Aber das Werk ist ja längst weg.

Weg ist am Montag – zumindest gefühlt – bereits die Generaldirektorin. Vor dem Ruruhaus sitzt Lothar Röse, der in der Gäste-Empfangszentrale einen Buchhandel betreibt, und hat nach eigenem Bekunden einen „Seelenkater“. Anlass: die am Samstag vom documenta-Aufsichtsrat getroffene Personalentscheidung. Röse nennt die Auflösung des Vertrages mit Schormann unverblümt „widerlich“ – damit sei die d15 „nun wirklich eine documenta der Schande geworden.“

Röse sagt, er finde es „ganz schlimm, wie sich manche Bürger aus Kassel dazu geäußert haben – oder auch nicht äußern“. Er hätte „von vielen Menschen aus der Stadtgesellschaft eigentlich erwartet, dass man Sabine Schormann schon viel früher zur Seite steht“. Seiner Einschätzung nach sei die Institution documenta nun erst einmal „zutiefst geschwächt“.

Unklar ist am Montag, inwieweit die personellen Entwicklungen an der documenta-Spitze im Kreis der beteiligten Künstler Thema sind. „Wir konzentrieren uns mehr auf unsere Projekte und sind damit sehr beschäftigt“, sagt Md. Khairul Alam von der Gruppe Britto Arts Trust in deren Küchengarten bei der documenta-Halle. Die Personalie Schormann scheint ihm neu, er habe die vergangenen drei Tage in Amsterdam verbracht. Generell aber seien die Entwicklungen rund um die Weltkunstschau „traurig“, sagt Khairul Alam. (Axel Schwarz)

Auch interessant

Kommentare