Gespräch über ihre Pläne für Kassel

documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff: „Perfektes Tandem"

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Seit April als Geschäftsführerin der documenta tätig: Annette Kulenkampff.

Kassel. Seit April ist Annette Kulenkampff documenta-Geschäftsführerin. Ein Gespräch über ihre Pläne für Kassel, das documenta-Jubiläum 2015 - und auch über Athen.

Hat sich die Aufregung um die Athen-Bekanntgabe inzwischen gelegt?

Annette Kulenkampff: Die Beschäftigung der Bevölkerung mit dem Athen-Thema ist sicher noch nicht abgeschlossen. Nach der Empörung werden hoffentlich bald die positiven Aspekte in den Vordergrund treten. Sich zweieinhalb Jahre vor der Eröffnung auf ein so schönes Thema wie Athen einstellen zu können, da könnte es vom Kulturangebot bis zum Hotelgewerbe ganz neue, kreative Ideen geben. Ein bisschen Athen in Kassel, wer wünscht sich das nicht? Wenn es noch gelingen sollte, den Flughafen Kassel-Calden mit einzubeziehen, wäre eine weitere nachhaltige Brücke geschlagen, über die sich die Kasseler freuen können.

Wie empfinden Sie generell das Verhältnis der Kasseler zur documenta? 

Kulenkampff: Die, denen ich begegne, sind sehr positiv eingestellt, enthusiastisch und stolz. Das war ja wohl nicht immer so. Aber viele Kasseler und die Bürger in der Region wissen inzwischen, welche großartigen Erlebnisse man mit und durch Kunst haben kann. Dafür ist auch die hohe Zahl der bei der letzten documenta verkauften Dauerkarten ein Indiz. Die documenta spielt überall eine Rolle, wo immer ich hinkomme, selbst bei der Tierärztin.

Als zu seiner ersten Präsentation in Kassel über 400 Leute in die documenta-Halle kamen, war Adam Syzmczyk total überwältigt. Er konnte es gar nicht glauben.

Sie hatten schon lange beruflich mit der documenta zu tun. Was ist nun aus der Innensicht heraus anders? 

Kulenkampff: Die öffentliche Wahrnehmung der documenta-Geschäftsführung - in der Stadt und darüber hinaus. Anders ist auch die politische Einbindung bei der Zusammenarbeit mit den Gesellschaftern der documenta GmbH. Ein Verlag ist wirtschaftlich orientiert, bei der documenta geht es nicht um den wirtschaftlichen Erfolg, sondern in erster Linie darum, das Konzept des Künstlerischen Leiters in den vorgegebenen finanziellen Rahmenbedingungen umzusetzen. Eine völlig andere Aufgabenstellung als für die Geschäftsführung in einem Wirtschaftsunternehmen.

Die Zahlen müssen aber auch bei der documenta stimmen. 

Kulenkampff: Wir dürfen als gemeinnützige GmbH keinen Überschuss erwirtschaften, während im Verlag der Gewinn die entscheidende Größe ist.

Was steht zurzeit für Sie am dringendsten an? Der Aufbau des Teams? Die Suche nach Räumen? 

Kulenkampff: Was die documenta 14 betrifft, fängt wie immer alles bei null an. Am wichtigsten ist der Organisationsaufbau. Dann geht es ganz praktisch um die Einrichtung von Arbeitsplätzen und Computern bis hin zu Fragen der Vernetzung. Adam Syzmczyk hat bereits Kuratoren ausgesucht, die mit ihm das Konzept weiterentwickeln. Die Arbeit mit den Grafikern steht an und die Entwicklung der Corporate Identity der documenta 14. Die Sponsorensuche ist ein vordringliches Thema. Auch Medienpartnerschaften brauchen einen entsprechenden Vorlauf. Dann geht es um die Erstellung der Website, die Präsenz im Social Media-Bereich und nicht zuletzt auch um die Suche nach Ausstellungorten und Büroräumen. Alles in enger Abstimmung mit Adam Szymczyk.

Wie lässt sich die Zusammenarbeit mit ihm an? 

Kulenkampff: Sehr gut. Er ist sehr klar in seinen Vorstellungen und er kann zuhören. Unsere Arbeitsteilung ist eindeutig: Obwohl ich großes Interesse an der Kunst habe ist das künstlerische Konzept natürlich komplett in seiner Hand während ich mich um die Organisation und das Finanzielle kümmere. Da sind wir ein perfektes Tandem.

Können Sie die eher dienende Rolle im Hintergrund akzeptieren? 

Kulenkampff: Absolut. Es ist ganz wichtig, dass die Idee und Strahlkraft der Ausstellung durch den künstlerischen Leiter verkörpert werden. Das sind charismatische, großartige Persönlichkeiten, an denen die Menschen interessiert sind.

Sie sitzen quasi qua Amt zwischen allen Stühlen - zwischen den Erwartungen des künstlerischen Leiters, der Künstler, der Politik, der Medien … 

Kulenkampff: Diplomatie fällt mir nicht schwer. Ich kann ganz gut zwischen verschiedenen Interessen und Perspektiven vermitteln. Nicht dass ich an Sternzeichen glaube, aber als Waage liegt es mir auszugleichen, die Balance zu halten. Es kommt auf die eigene Überzeugung und die guten Argumente an. Es gibt Leute, die sind eher auf Krawall gebürstet, und andere, die wollen Lösungen finden, dazu zähle ich mich.

Aber Voraussetzung Ihrer Funktion ist doch sicher, mit sehr schwierigen Menschen umgehen zu können. 

Kulenkampff: Das ist richtig. Künstler und Kuratoren sind häufig sehr anspruchsvoll, das gehört dazu und ist mir durch meine berufliche Laufbahn vertraut. Zu späte Entscheidungen, die in letzter Minute noch einmal umgeworfen werden, daran zum Beispiel bin ich gewöhnt. Wir haben im Verlag durch die Katalogproduktion eng mit den künstlerischen Leitern zusammen gearbeitet. Alle waren eigenwillig und, wenn Sie so wollen, schwierig, mit wenig Interesse an praktischen Argumenten. Jeder fordert für sein Projekt mindestens 200 Prozent. Mit Glück bekommt man am Ende 150 Prozent und hat viel gewonnen. In diesem Egoismus im besten Sinne steckt viel Kraft. So muss es sein. Auch alle Künstler wollen immer mehr, als eigentlich machbar ist. Das setzt enorme Energie frei, und daher kommt dann auch diese unfassliche Bereitschaft der Mitarbeiter, für die documenta Tag und Nacht zu arbeiten.

Zwischen den Ausstellungen ist die documenta in der Stadt kaum präsent. 

Kulenkampff: Das Fridericianum als eines der führenden Häuser der zeitgenössischen Kunst in Deutschland verdankt seine Existenz der documenta. Aber darüberhinaus gibt es ein großes Potenzial, das noch nicht gehoben ist. Ich bin damit beschäftigt, Führungen und Touren durch die Stadt zu entwickeln, die die documenta-Geschichte anhand der in Kassel verbliebenen Kunst erzählen. Wir möchten damit auch die Werke selbst neu zum Strahlen bringen. Die bedeutende Lois Weinberger-Arbeit von der documenta 10 am Gleis 1 im Kulturbahnhof wird mit Hilfe des Künstlers rekonstruiert. Der großartige „Erdkilometer“ von Walter de Maria wurde zuletzt etwas stiefmütterlich behandelt. Die zum Kunstwerk gehörende Steinplatte ist fast verschwunden. Zusammen mit dem Kultur- und dem Gartenamt der Stadt wird das Kunstwerk restauriert.

Die weltweit bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts waren in den letzten 60 Jahren alle einmal in Kassel. Es gibt keinen Ort der Welt, der dies von sich behaupten könnte. Viele Künstler haben hier sehr großzügig, einzigartige Kunst hinterlassen. Den Kunstwerken Respekt zu zollen sollte in der documenta-Stadt Kassel eine Selbstverständlichkeit sein. Die zeitgenössische Kunst muss genauso pfleglich behandelt und geschützt werden wie die Rembrandts im Schloss Wilhelmshöhe, die man ja auch nicht einfach mit abblätternder Farbe an die Wand hängt.

Nächstes Jahr wird die documenta 60 Jahre alt. Welche Pläne haben Sie da? 

Kulenkampff: Ab dem 15. Juli 2015, dem Jahrestag der Eröffnung der ersten documenta, wird im Fridericianum eine Marcel-Broodthaers-Ausstellung präsentiert, das documenta-Archiv plant Performances zur documenta-Geschichte, das Kulturamt bereitet eine Ausstellung zu den nicht realisierten documenta-Projekten vor und die documenta-Professorin von Hantelmann organisiert eine internationale Konferenz.

Würden Sie gern das documenta-Archiv unter Ihre Fittiche nehmen, also unter das Dach der GmbH bringen? 

Kulenkampff: Ja, das macht sicherlich Sinn und ist auf einem guten Weg. Mit ein bisschen Glück klappt die Übergabe zum 60. documenta-Geburtstag. So ist es derzeit von Stadt und Land geplant. Das Archiv wäre dann finanziell besser ausgestattet. Daneben gibt es große Anstrengungen des Landes, die documenta-Professur, die derzeit eine Gastprofessur an der Kunsthochschule ist und 2015 auslaufen würde, zu verstetigen. Zwei Jahre für diese Professur sind viel zu kurz, da lässt sich kaum etwas nachhaltig erforschen. Auch bei diesem Projekt bin ich optimistisch.

Beim documenta-Archiv müssen dringend Entscheidungen fallen.

Kulenkampff: Das ist an der Zeit. Das documenta-Archiv sollte eine ganz andere Rolle spielen. Archive sind wichtige Orte der Erinnerung, die sich heute weltweit vernetzen können und müssen. Der Unterhalt eines international so bedeutenden Archivs ist nicht die Aufgabe der Stadt allein, sondern das Land und der Bund sind hier ebenfalls in der Pflicht. Die kulturelle Identität der Deutschen wurde bis zum Zweiten Weltkrieg stark vom Bauhaus geprägt und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der documenta. Und die documenta lebt. Es ist an der Zeit, dass sie deutlicher aus dem Schatten tritt und die Früchte vieler bedeutender Vorarbeiten, unter anderen von meinem Vorgänger Bernd Leifeld, zu ernten. Die Zeit dafür ist reif. Die documenta ist eine unglaubliche starke Marke. Im Verhältnis zu der enormen weltweiten Ausstrahlung ist ihre Verankerung in der Stadt Kassel zwischen den documenta-Ausstellungen relativ schwach ausgebildet. Ihre Geschichte muss dauerhaft zum Leben erweckt werden und erzählt werden. Sie ist der Schlüssel für die Zukunft der documenta in der Stadt Kassel.

Ist die Stellung der documenta angesichts der vielen Biennalen wirklich noch so einzigartig? 

Kulenkampff: Ja, sie hat eine unerreichte Position. Am greifbarsten ist das in den Zahlen. Den 905 000 Besuchern der letzten documenta in Kassel stehen 470 000 Gäste der Venedig-Biennale gegenüber, die eine doppelt so lange Laufzeit hat. Allein das zeigt die unglaubliche Anziehungskraft - wobei die Zahlen nicht das alleinige Ziel und auch nicht das Kriterium für den Erfolg sind. Der Fünf-Jahres-Rhythmus ermöglicht, immer wieder ganz andere Sichtweisen von Kunst, einen wirklichen Paradigmenwechsel zu zeigen. Ein anderes Merkmal ist die Marktferne und ihre Unabhängigkeit von jedem politischem Einfluss. Die garantierte, uneingeschränkte Freiheit der Kunst und des künstlerischen Leiters macht die Qualität der documenta aus.

Seit den Auseinandersetzungen um Stephan Balkenhols Skulptur im Turm der St.-Elisabth-Kirche ist ungeklärt, inwieweit die documenta konkurrierende Kunst neben sich dulden kann. Diese Frage kann sich 2017 wieder stellen. 

Kulenkampff: Das kann immer wieder passieren. Es gibt einen bestimmten Freiraum, der wirklich ganz bewusst für die documenta erhalten bleiben muss. Dazu gehört zum Beispiel der Friedrichsplatz. Es kann nicht sein, dass ein ausgeklügeltes kuratorisches Konzept für den Platz von anderen Akteuren überlagert wird. Konflikten kann man hoffentlich vorbeugen, indem man frühzeitig miteinander spricht. Ich bin bereits im Kontakt mit der evangelischen und der katholischen Kirche und finde: Jeder sollte jederzeit Kunst zeigen, nicht nur zur Zeit der documenta. Damit ist der Kunst und den Kunstinteressierten gedient. Aber man muss auch respektieren, dass die documenta zu ihrer Zeit in ihrer Stadt ihre Räume verteidigt. Es muss unterscheidbar bleiben, was documenta ist und was nicht.

Sehen Sie Gefahren für die documenta? 

Kulenkampff: Die documenta lebt stark von dem Glauben an die Kraft der zeitgenössischen Kunst. Diese Glaubwürdigkeit wird zurzeit erschüttert, durch Fälschungsskandale wie den Beltracchi-Fall, den sogenannten „Schwabinger Kunstfund“ oder die Verhaftung des Kunsthändlers Achenbach. Wenn der Glaube an die Kunst verlorengeht, werden irgendwann auch der documenta die Besucher fehlen.

Zur Person 

Als 15-Jährige besuchte Annette Kulenkampff 1972 von Hannover aus ihre erste documenta: „Das war eine Initialzündung für mich.“ Seither hat die 57-Jährige keine verpasst. Sie studierte Kunstgeschichte in Frankfurt und leitete die Publikationsabteilung der Bundeskunsthalle Bonn, ehe sie zum Hatje Cantz Verlag nach Stuttgart wechselte, in dem die documenta-Kataloge 9, 10, 11 und 13 erschienen. Seit 1997 war sie Geschäftsführerin. Ihr Mann ist Buchhändler. Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff war ein Cousin ihres Vaters.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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